Niemand konnte es faffen, daß das „kalte", immer streng sich beherrschende Mädchen sich das Ereigniß so nahe gehen lasse.
Wer hätte auch gedacht, daß sie ihn so sehr liebte? — Oder war es nur die verletzte Fraueneitelkett, der verwundete Stolz?
Man sprach damals viel ßier die Geschichte.
Paula selbst erfuhr nichts davon und auch nicht« von der allgemeinen scharfen und gerechten Verurtheilung ihres Bräutigams; sie lag todtkrank und ohne Bewußtsein und als sie nach Wochen genas, da war sie wieder das kalte, streng sich beherrschende Mädchen von vordem. Und wer hätte gewagt, diesen verschlossenen, krankhaft bleichen Mienen und diesen freudlosen Augen gegenüber, die doch so abwehrend blickten, seinem Mitleid oder seiner Neugier Wirte zu geben?
„Mein Herz ist tobt. Wie seltsam, daß man mit einem tobten Herzen doch noch leben kann!" hatte sie sich leise da. mal» gejagt-
Selbst zu ihrer Mutter, einst der schönsten Frau des Landes, aber auch „kalt" und statuenhafter noch als dis Tochter, sprach sie wenig von ihrem Zustande und diese Mutter batte für sie keinen Trost, wohl aber dieselbe Mahnung, die Paula von ihr gehört, so lange sie lebte: „Lasse nur Nie« mand merken, wie Dir zu Mmhe ist!"
Warum man sich dies nicht merken lassen sollte, darüber nachzugrübeln war Paula bis zu jenem Tage zu jung und zu glücklich gewesen.
Die Mutter hatte es gesagt — das genügte.
Die Mutter hielt wenig von der Theilnahme der Menschen, hatte überhaupt ihres Gemahls Lebensanfichten zu den ihrigen gemacht, weil sie ihrem Temperament entsprachen und weil ihr nur für das Alltagsleben ausreichender Verstand sie nicht zu einer selbstständigen Auffrsiung zu, erheben vermochte.
„Ein Mädchen muß sich seine Gefühle überhaupt nicht merken lassen, Frauenliebe muß scheu und bescheiden sein, sonst wird dem Manne das Werben erspart und der Mann w ll und soll errath'en, was ihn freut, nicht cs sehen, nicht es sich entgegengebracht finden "
So und ähnlich hatten die Lehren dieser braven und treuen Mutter gelautet; die Tochter, voll Liebe und Verehrung für sie, nahm sich jedes ihrer Worte zu Herzen, sah ihr Beispiel und ahmte es im ehrlichen Verlangen nach dem Rechten und Richtigen nach, ohne Ahnung, daß in ihr des Vaters lebhafteres und tieferes Empfinden pulsirte und daß der Zwang, den sie aus Scheu, sich zu warm zu äußern, ihren Gefühlen anihat, der Stärke dieser Gefühle angemessen, ihr den schönsten Reiz nahm und sie kalt erscheinen ließ, wo ihr Herz glühte.
„Lang, lang ist's her!" ertönte aus dem Musikzimmer eine weiche Altstimme- Vater und Tochter gingen Arm in Arm hin und her.
„Du siehst es ein, daß wir hier nicht bleiben können," brach der alte Herr da» Schweigen.
„Es ist ein unglücklicher Zufall, Papa! Erichs Name—" „Schweig' mir von dem Menschen! Schon sein Name ist Gift für mich."
„Ich habe es verschmerzt, Vater, Du darfst Dich um meinetwillen nicht mehr grämen."
„Verschmerzt? Warum wiesest Du denn jede Bewerbung um Deine Hand zurück? Da wir nun 'mal an dem un« glückliche Thema rühren, — glaubst Du, Paula, daß ich leicht sterben könnte, so lange ich denken muß, Du bleibst einsam zurück? Heirathe! — Ich habe keinen heißeren Wunsch, als Dich versorgt zu wissen, — in einer treuen Mannes Obhut!"
„Aber Väterchen, — Du kannst mich ja nicht entbehren!"
„Im Gegentheil, Kind, ich leide darunter, daß ich Dir das Leben schwer mache! Dein Herz, so voll Liebe und Hingebung--"
„Mem Herz ist tobt, Vater, Asche! - Nur für Dich nicht!"
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„Das ist Unsinn, Paula, Dein Herz ist nich't Asche, —- und weißt Du nicht, daß au» der Asche auch noch Flammen brechen können?"
„Du sprichst für den Rittmeister Gehrmann, Papa!"
„Gut — ich gebe er zu. Weise ihn nicht ab, wenn er kommt, Paula!"
„Ich that er schon, Vater! Nicht mit Worten, aber'er verstand mich."
Der Präsident stieß einen zornigen Ausruf aus und fuhr wild mit den Händen in sein unbedecktes Haar, eins Bewegung, dis Paula nur zu gut kannte.
„Ich konnte nicht anders, Vater!"
„Mit welchen Hoffnungen habe ich Dich in's Leben treten sehen!"
„Muß es denn durchaus gehe-'raihet sein? Mit meinem Herzen würde ich Jeden betrügen, — ich kann nicht mehr lieben, — nicht glauben und vertrauen. Du weißt nicht, wie lieb ich Erich hatte."
Er klang ein Ton tiefer Leidenschaft an des alten Mrnms Herz und dieses Sich Abwenden von Versöhnung, von Liebe und Ersatz — war es nicht sein eigener Character, den er in der Tochter wiedererkannte?"
Das stimmte ihn momentan milder.
„Du trittst die Erbschaft meiner Fehler zu früh an," sagte er bekümmert.
Sie schwieg. Daß Niemand über sich weg kann, wußte sie an des Vaters Beispiel nur zu gut. Auch er hatte sich seiner Zeit viel Mühe gegeben, sich zu ändern, wie sie ver- gebens versucht hatte, ihre Herzenskraft wieder zu beleben.
Was nicht frei aus dem Innern heraurwächst, das ist nicht „wir selbst". —
Als sie nach kurzer Zeit in's Haus zurückgingen, kehrten eben auch jene beiden Herren, die heute in Pompeji gewesen, von einem Abendspaziergang heim.
In dem hellen Licht des Vestibüls trafen sie sich und wollten mit flüchtigem Gruß aneinander vorüber.
Da fuhr Paula heftig zusammen — der Freund des Regierungsraths ebenso.
Erschrocken starrten sich die Beiden an — das Mädchen konnte nicht blasser werden, als es schon war; in des Manaes Gesicht trat heiße Gluth.
„Paula! Sie hier?"
„Heinrich Tornegg!"
Sie hatten es gle chzeitig gerufen. Aber wie hell und freudig k ang Paulas Stimme? Und nun standen die Beiden Hand in Hand und in ihren Zügen sprach sich eine tiefe, jähe Erschütterung aus-
„Kann man denn niemolr und nirgends Frieden finden? Die Welt ist zum Verzweifeln klein!" rief der Präsident wüthend und feine Augen bohrten sich feindselig auf des Pro. feflor» Tornegg Gesicht- — „Komm' mit! Guten Abend, meine Herren!" herrschte er der Tochter za, ergriff ihren Arm und zog die Widerstandslose mit sich die wenigen Stufen zu ihrem Zimmer hinan.
Sie waren schon verschwunden, als die beiden zurück« bleibenden Herren sich noch stumm vor Ueberraschung ansahen.
„Das war sie also? Die habe ich schon an der^Tafel gesehen, sie scheinen heute . . Sie flüsterten.
„Bei Tisch war sie? Da hat sie also — ?"
„Alles gehört — natürlich! Jetzt fällt mir auch ein, daß ich sie, unmittelbar vor uns, mit dem Alten hinauszehen fah."
„Prula! Paula Neegenhart! Armes, armes Mädchen! Wie sie sich verändert hat!" stieß der Professor heraus, indem er sich mit dem Regierungsrath auf dessen großes Zimmer zurückzoz.
Dort faßen sie dann noch eine ganze Weile vor der offenen Balkonthü-, ehe die Aufregung des Professor» sich legte.
„Sie sehen aus wie vornehme Leuts," sagte der Regie- rungsraih im Laufe ihrer Gesprächs, „aber auch hochmütiger als angenehm."
(Fortsetzung folgt.)


