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Der Präsident sagte nichts, zuckte nur eigensinnig die Achseln. In seinem krankhaft blassen, verbitterten und vergrämten Gesicht hätte "ein kundiges Auge die ganze Geschichte )e8 Manne« lesen können — gekränkter Stolz, unbefriedigter Ehrgeiz. Auch in dem der Tochter lag eine Geschichte.
Sie mochte über die erste Hälfte der Z vanziger hinweg ein; ihre großen braunen Augen hatten einen ernsten, freud- ofen Biick; im Gegensatz zu dem kühl reservirten Ausdruck der Züze stand das außerordentlich sympathische Lächeln, da« -erzwarm und voll Güte, sie förmlich verklärte. Nur daß es o selten erschien I . r ,
Sie waren schon bis zu den als Dessert -gebotenen Früchten gekommen" und Paula machte den Vater auf die köstlichen sicilianischen Mispeln aufmerksam, als Beide plötzlich zusammenschracken.
Em Name war am anderen Ende der Tafel gefallen — ein Name und ein vaar Worte.
„Ah, Sie meinen die trostlose Heirath Erich Torneggs ? rief eine ältliche Dame einem Herrn zu, der ziemlich entfernt von ihr saß. „Sie soll ihm schlecht genug bekommen sein. — Diese Mädchen aus dem Vo ke bleiben eben, was sie sind- Und wissen Sie denn, wer sie eigentlich war? Die Tochter eines Bettlers, der im Sanct Peter fein Leben damit zubrachte, Soldi zu erbetteln und der damit ein reicher Mann wurde. Die Tochter hat er bei den Nonnen von Santa Trinita bei Monti erziehen lassen wie eine Dame! — Aber alle Erziehung war nur Firniß, sie soll durch und durch eine rohe Natur sein."
Vater und Tochter hatten einen raschen Blick gewechselt und dann weiter gehört. r
„Nun, wenn die Heirath Tornegg kem G uck brachte, so geschah ihm recht!" ries eine andere alte Dame.
„Seien Sie nicht zu hart, Gräfin, seine Brout soll ihn mit ihrer Kälte zur Verzweiflung getrieben —"
Ein Klirren am anderen Ende des Tisches wurde nur flüchtig beachtet. „ _
Der Kellner reichte der Dame, welche dort chr Obstmesser aus der Hand fallen ließ, ein anderes. Sie nahm cs aber nicht. Sie und ihr Vater erhoben sich von der Tafel-
„Und da denke man sich dm heißblütigen Menschen neben einer Statue, für die ihm nicht gelang, der Pygmalion zu sein," sprach man am anderen Ende de« Tische« weiter. — ,Man denke sich diese bildschöne Römerin als Gegensatz —'
Dec Regierungsrath Römer und sein Freund hatten leise einige Worte gewechselt; der erstere beruhigte anscheinend. Dann erhoben auch sie sich, machten ihre Verbeugung und entfernten sich. , , ,
„Wen hat Römer denn da bei sich? Sie nennen sich Du; hat er ihn denn nicht vorgestellt? Natürlich! Aber den Namen — ? Wer achtet gleich darauf, — ein Professor ist'«, den Titel allein hab' ich gehört."
So flüsterte man hinter ihnen her bei ihrer Tffchnachbar- schäft und kehrte dann zu der allgemeinen Unterhaltung zurück.
Vater und Tochter waren, von einer freundlichen Cameriera beschieden, auf die breite Terrasse gelangt, die sich am Hause hinzoz.
Es war inzwischen dunkel geworden, zu ihren Füßen schimmerten die Lichter der Stadt. — Rings am Meeresufer hin reihten sich wie ein Siernenkranz die erhellten Häuser von Stabia, Torre dell' Annunziata, Torre del Greco uni) so weiter, bi« die Vorstädte von Neapel und düse« selbst da« leuchtende Bild abschloffen.
Am dunklen Nachthimmel hob sich die Silhouette des Vesuvs ab und auf dessen Spitze die bald sachte, bald Heller aufglühende Rauchwolke, die heute kerzengerade aufsiieg- Da« Meer leuchtete zuweilen phorphoreszirend auf. Tiefer Frieden .ringsum! Köstliche Stille!
Nur in ihnen war :von beiden nichts — weder Frieden noch Ruhe. „ , . ,
Sie schwiegen trotzdem; — was hätten sie einander auch sagen sollen? Sechs Jahre waren es, seit Erich Tornegg« Untreue Paulas Herzen den Todesstoß versetzt hatte.
„Wir Wirthe müssen so oft uns gefallen laffen, daß man das bestellte Quartier ohne Absage int Stiche läßt —"
„So werde ich aber doch andere gute Räume nach der Sonnenseite haben können?"
„Zu meinem Bedauern nicht. Nicht gleich. Dieser frühe Frühling hat uns schon ungewöhnlich viel Gäste zugesührt."
„Auch das noch! Uebersüllt! Das war gerade, was mir noch fehlte!" sagte erbittert der alte Herr seiner Tochter zugewendet.
„Aber vielleicht — ein Unterkommen für heute, — für ein paar Tage, Herr Schwarze? Es werden ja uöglicher- weife inzwischen Räume frei."
Der sanfte Ton der Tochter, im Gegensatz zu dem gereizten de« Vaters, berührte den Wirth sehr angenehm. Er hatte eine feine, ruhige Vornehmheit, die sich in Wort, Blick und jeder Bewegung kundgab und so antwortete er ihr völlig mit den Manieren eine« Cavaliers: „Die Gnädige sehen sich vielleicht die Zimmr an? Ich wage sie kaum anzubieten."
„Für meinen Vater ist Ausruhen zu dringend nöthig und die Lust hier ist so wundervoll. — Wir würden gern vorlieb nehmen, bis — ach, und ich bliebe so gern!"
„In einer überfüllten Pension wirst Du mich doch nicht unterbringen wollen, Paula? Einsamkeit war uns versprochen."
Herrn Schwarzes rascher Blick protestirte: Doch nicht von mir?
Der Dame zu lieb, die mit begütigendem Lächeln schon auf der Erde neben ihm stand, schwieg er. Die beiden kleinen Zimmer ohne Balkon, aber mit dem Blick auf da« Meer, wurden al« „Nothbehelf", wie der Präsident nicht unterließ zu nörgeln, vorläufig angenommen und das Gepäck kam inzwischen auch. „ , „
Eine Stunde verging in dem Auspacken der nöthtgsten Sachen, Wechseln der Kleider und so weiter, und für Paula von Neegenhart in entzücktem Schauen von ihrem Fenster herab.
Link« die vom Monte Sant' Angelo überragte imposante Gebirgslandschaft, die hier überall im Schmuck grüner Wälder prangt, deren dunkles Kastanien- und Steineichenlaub sich wunderbar mit der graugrünen Farbe der Oliven vermischt; recht« Meer und Himmel von der sinkenden Sonne in Farbe und Gluth getaucht.
Dann läutete die Tischglocke. Aus den Gängen de« Hause«, die Stiegen herab, überall hörte man die Schritte der Pensionsgäste dem Speisesaal zueilen. Al« Vater und Tochter eintraten, war die lange Tafel schon fast ganz besetzt, eine lebhafte Unterhaltung herrschte, — man nahm von den Neuangekommenen keine Notiz und diese setzten sich, ebenso gleichgiltig gegen die Gesellschaft, an das untere Ende de« Tisches. Man hörte fast nur deutsche Laute.
Gleich nach ihnen traten noch zwei Herren ein.
„Haben Sie neben meinen P atz ein zweite« Couvert gelegt?" fragte der eine derselben den K-llner dicht hinter Paula.
„Si, Signor!“ Und dienstbefl ssen flog der Angeredete hin und schob die Stühle der Herren zurück.
„Ah — Herr Regierungsrath Römer! Schon wieder hier? Nun, wie hat Ihnen Pompeji gefallen? Waren Sie enttäuscht? Waren die Herren zu Wagen hin oder mit der Bahn?" fragte man durcheinander.
Vater und Tochter blickten sich nach den Zuletztgekom- menen nicht um; der Präsident nörgelte fortwährend über den St'mmenlärm, versicherte, er werde morgen früh Weiterreisen und blätterte im Bädeker, um sich zu instruiren, wohin er wohl gehen könne, wo ein Plätzchen finden, welches „dieser Reisepublikum" noch nicht entdeckt und unsicher gemacht.
Er rechnete sich nicht dazu, war er doch zu lange gewohnt, sich über „die Menge" gestellt zu fühlen.
„Es ist hier so schön, Vater, das Essen ist gut, die Zimmer sind sauber, — laß uns wenigstens erst versuchen!" bat Paula. „Hör' nur, wie sie Alle von Amflüzen reden; sie sind gewiß den ganzen Tag fort und vielleicht könnten wir allein und etwa« früher speisen?"


