Zeit war vorüber — nur zwischen zehn und zwei Uhr war Fremden der Zutritt zu dem Leuchtthurme, der unter strenger seepolizeilicher Aufficht stand, gestattet.
Liffa bemerkte, wie es bei diesem Bescheid in des Fremden Zügen zornig aufblitzte, aber äußerlich wenigstens bewahrte er feine Ruhe und fragte höflich, ob sich nicht eine Ausnahme machen ließe — was mit Geld zu erreichen, wäre er gern bereit zu thun.
Dabei griff er in die Tasche und zog eine Anzahl Geld- münzen hervor.
Nur mit Mühe beherrschte Liffa sich, ihm dieselben nicht aus der Hand zu schleudern. „Entfernen Sie sich auf der Stelle," stieß sie zornbebend hervor, „wenn Sie nicht wollen, daß ich den Hund auf Sie hetze!"
Jetzt erst richtete sich ein großer Bluthund, der vor der Thür im Sande gelegen hatte, auf, kam so weit al» seine Kette erlaubte, näher und starrte den Fremden mit seinen bösen Augen kampfbereit an.
„Was Sie auch hierhersührt, mein Herr, so kann ich doch durch Bestechung nicht von der mir vorgeschriebenen Regel abweichen," sagte Capitän Velten in artigem, aber stolzem Tone.
Noch einen finsteren Blick nach Liffa hinwerfend und ohne ein weiteres Wort zu sagen, wandte sich der Fremde und entfernte fich schnellen Schrittes.
„Kind, Kind! Du wirst Deine Heftigkeit noch einmal bitter büßen müssen," murmelte der alte Velten, während wie Unheil ahnend sein Blick angstvoll dem schnell sich Entfernenden folgte, „Du hast Dir diesen Menschen zum Feinde gemacht, er wird sich an Dir rächen, wenn Eure Wege sich je kreuzen sollten."
„Dieser Schurke, der sich erdreisten konnte, Dich bestechen zu wollen!" entgegnete Lissa erregt. „Der sollte es wagen, die Hand gegen mich zu erheben? Dieser Mensch ist ein Feig- ling und Schuft ohne Gleichen, denn sonst würde er nicht auf krummen Wegen nach irgend einem schlechten Ziele trachten. Ich fürchte ihn nicht."
Inzwischen war es Zeit geworden, die Laternen anzuzünden.
Hoch droben im Thurme stand die kleine Anzünderin, das Auge dem wilden, unruhigen Meere zugewendet, in dessen »er* rätherischen Fluthen jetzt manches Fahrzeug kämpfen mochte, welches das Festland vielleicht nie wieder erreichte.
Derartige Gedanken fuhren dem Mädchen wohl durch den Sinn, denn das Lachen schwand aus ihren Augen und ihr Gesicht ward ernst, fast düster.
Stürmische Winde umsausten den Thurm und trugen das hohle Getöse der wild tobenden See herüber.
Leise erschauernd wandte Lissa sich ab, schloß sorgfältig die Thüre hinter sich und lief leicht und behend die engen Wendeltreppen hinab.
Als sie das kleine, schmucke Zimmer betrat, wandte Velten D ihr lebhaft zu.
„Men war es mir, als hörte ich vom Strande her eine Stimme, die nach Hilfe rief," meinte er.
Liffa zuckte zusammen.
„Doch nicht etwa Guilda?" rief sie angstvoll.
Ohne Besinnen eilte sie nach einem Schranke und holte einen regensicheren Mantel daraus hervor, der ihr bei ähnlichem Unwetter schon manchen guten Dienst geleistet hatte.
„Bleibe hier — geh' nicht fort!" rief der alte Velten besorgt. „Der Fren.de von vorhin hat mich ganz nervös gemacht."
„Aber Onkel," erwiderte das tapfere Mädchen lächelnd, „es soll doch Keiner sagen können, Capitän Velten und sein Maat hätten einem Menschen in Roth ihre Hilfe verjagt! Sei unbesorgt — ich bin bald wieder da!"
Sie rief den Hund und ging hinaus in Sturm und nächtliche Dunkelheit.
Das muthige Mädchen war aber in eins ihm geschickt gestellte Falle gegangen. —
Al« sie nach einer Stunde heimkehrte, fand sie ihren Onkel gebunden und geknebelt auf der Diele.
Voll Entsetzen beugte sie sich über ihn und befreite ihn von dem Knebel.
„Die Laterne! Die Laterne!" stieß der Aermste hervor. „Kümmere Dich nicht um mich! — Lauf' hinauf, Mädchen — nimm Hund und Pistolen mit I — Der Schurke ist zurückgekommen und macht fich an der Laterne zu schaffen."
Ohne Säumen eilte Liffa nach den Pistolen — dieselben waren von ihrem Platze verschwunden.
Sie rief den Hund — seltsam I Zum ersten Mal in seinem Leben folgte er ihr nicht aus's Wort, er hatte irgend etwas an der Hausthüre, was ihn beschäftigte. — So lief ste ohne ihn, immer zwei Stufen auf einmal nehmend, in dem Thurms empor.
Das Blut erstarrte ihr in den Adern, ihr Gestcht ward todtenbleich bei dem bloßen Gedanken an die Gefahren der vorüberkommenden Schiffe, wenn durch ruchlose Hand die Laternen des Leuchtthurmes ihren Dienst versagten und die Seeleute kein Warnungszeichen sahen.
Der eigenen Gefahr gedachte sie dabei nicht.
An allen Gliedern zitternd, doch ohne Furcht, mit zorn- funkelnden Augen stürzte sie — oben angelangt — athemlos in den Leuchtraum und sah sich Äug' in Auge dem Fremden mit dem verschleierten Blick gegenüber.
Mit einem Fluch auf den Lippen wich dieser mehrere Schritte von der großen, glänzenden Signalscheibe zurück, von welcher Beide halb geblendet wurden.
„Elender — Teufel! Wa» treibt Ihr hier!" stieß Liffa athemlos hervor und stürzte sich mit farblosen Lippen auf den Fremden.
Mit weicher, aber etsenfester Hand hielt derselbe sie in Armeslänge von sich; wie er sie so mit seinen Blicken maß, drängte sich wider seinen Willen ein Ausdruck der Bewunderung in seine mandelförmigen Augen.
„Bei Gott," rief er, „Sie müssen den Muth einer Löwin haben, um sich hierher zu wagen!"
„Muth!" wiederholte Lissa in bitterem Spott. „Wie wenig müssen Sie uns Frauen kennen, wenn Sie meinen, es bedürfe des Muths, einem Feigling entgegenzutreten, der fich nur an Krüppeln und Schwachen vergreift und den To» eines Hilfesuchenden nachahmt, um ein schwaches Mädchen fortzulocken, damit er einen schon ohnehin gebrechlichen alten Mann knebeln und binden kann."
Plötzlich war ihr die richtige Erklärung für den Hilferuf gekommen, den ihr Onkel gehört hatte.
Des Fremden Züge verfärbten sich au» Wuth über diese nur zu gerechte Anklage.
Gleich einer Schraube schlossen seine Finger sich um Liffas zartes Handgelenk.
Mit schlangenartiger Geschwindigkeit senkte der Fremde seinen trotz de« entstellenden roihen Haares schönen Kopf.
„Wißt Ihr, wozu Eure böse Zunge mich reizt?" zischte er dicht an ihrem Ohr.
„Doch nur zu einer feigen That!" stieß sie wild hervor.
„Wenn ich nun hier das Fenster öffnete und Euch hinabstürzte — wie dann?"
Ein teuflisches Lächeln umspielte seine blendend weißen Zähne.
Kalter Schauer durchrieselte Liffas zarte Gestalt; trotzdem aber verließ ihr Muth sie nicht, und ohne mit der Wimper zu zucken, schleuderte sie ihm die Worte entgegen: „Sagt' ich'» denn nicht? — Ihr habt nur Muth, die Frauen zu morden! — Warum hetzt' ich heute Abend nicht meinen Hund auf Euch, damit er Euch Glied für Glied in Stücke riffel"
Ein boshaftes Lächeln umspielte die unter dem gefärbten Barte halb verborgenen Lippen des Schurken, als Liffa mit lauter Stimme nach dem Hunde rief.
„Den ruft Ihr vergebens," bemerkte er gelassen, „der läßt er sich vorläufig bei einem Stück Fleisch wohl sein; und


