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Flecken auf seinem Gesicht waren schon wieder einer fahlen Bläffe gewichen.
„Damals hegte ich selber einige Hoffnung, daß mir da» große Werk gelingen würde," sagte er nach einer Weile, „aber je weiter die Ausführung fortschreitet, desto geringer wird mein Vertrauen in dis eigne Kunst. Nun, in längstens vierzehn Tagen muß ich ja fertig sein. Dann sollen Sie den Entwurf sehen, und von Ihrem Urthetl will ich es abhängig machen, ob ich ihn zur Concurrenz einsende oder vernichte.'
„Vernichten? Welch' ein ungeheuerlicher Gedanke! Nein, Sie müffen mir feierlich versprechen, daß Sie ihn einschicken werden, und Sie müssen es gleich jetzt thun, denn ich weiß ja gar nicht, ob ich in vierzehn Trgen noch hier sein werde."
Er erhob den Kopf, und die tiefste Bestürzung malte stch in seinen Zügen.
„Was sagen Sie, Fräulein Margarethe? — Verlangt e« Sie so sehr danach, die Stadt zu verlassen?"
„Auf mein Wünschen und Verlangen kommt es dabei leider sehr wenig an. Ich werde mich gewiß nur schwer von der Stätte trennen, wo ich mit meinem geliebten Vater so glückliche Jahre verlebt habe- Aber es muß sein. Die Aussichten, daß ich hier eine geeignete Stellung finden werde, find nach dem Mißerfolg meiner bisherigen Bemühungen nur noch verschwindend gering."
„Und Sie beharren auf dem Vorsatz, eine solche Stellung zu suchen? — Sie wollen sich Ihrer Freiheit entäußern, sich von den Launen fremder Menschen abhängig machen?"
Eine schmerzliche Aufregung klang aus seinen Worten; Margarethe aber sah erstaunt zu ihm auf.
„Ja, was bleibt mir denn Anderes übrig? — Selbst wenn meine Mittel es mir gestatten, könnte ich doch nicht daran denken, dauernd ein Leben unfruchtbaren Müßigganges zu führen. Und wird mir die Abhängigkeit, von der Sie sprechen, nicht gleichzeitig auch den Schutz gewähren, dessen ein alleinstehendes Mädchen nur zu sehr bedarf? Ich habe in der kurzen Zeit seit meines Vaters Tode nach dieser Richtung hm schon gar manche üble Erfahrung machen müffen."
„Wie? Man hat es gewagt, Sie zu kränken? — Und davon haben Sie mir nichts gesagt?"
„Seien Sie mir darum nicht böse! Es giebt Dinge, die ein Mädchen selbst dem aufrichtigsten Freunde nicht anvertrauen kann — ja, vielleicht ihm am wenigsten. Da, wo es mir erlaubt ist, männlichen Beistand anzunehmen, werden Sie gewiß immer der Erste und der Einzige sein, von dem ich ihn erbitte."
Sie hatte es im herzlichsten Tone gesprochen, und nach einem kleinen Schweigen sagte Hermann Eggestorf in seiner früheren, ruhig-ernsten Weise:
„Sie mögen wohl Recht haben, Fräulein Margarethe, solchen Schutz zu suchen. Ich hatte Ihre Lage nicht genügend bedacht. Eins aber müffen Sie mir doch versprechen, vorausgesetzt, daß Sie diese Einmischung in Ihre Angelegenheiten nicht für eine Zudringlichkeit ansehen."
„Gewiß, Herr Egzestorfl Ich verspreche Ihnen im Vorhinein Alles, was Sie von nur verlangen."
„Sie dürfen keine Stellung annehmen, ohne daß ich zuvor Gelegenheit gehabt hätte, mich über die Personen und die Verhältniffe, die dabei in Betracht kommen, zu unterrichten. Es würde eine Quelle beständiger Angst und Unruhe für mich sein, wenn ich fürchten müßte, Sie seien in eine Ihrer unwürdige Umgebung gerathen. Aus den selbstsüchtigsten Beweggründen bitte ich Sie, mir auch noch diesen neuen Beweis Ihres Vertrauens zu geben."
In aufrichtiger Rührung streckte ihm Margarethe über den Tisch hznweg ihre Hand entgegen.
„Wie gut Sie sind! Zuletzt werden Sie mich noch glauben machen, daß ich Ihnen mit der Erlaubniß, sich für mich zu opfern, eine besondere Gnade erwiesen hätte. Wäre es nicht die abscheulichste Undankbarkeit, wenn ich einen irgendwie bedeutsamen Entschluß über meine Zukunft fassen wollte, ohne mich zuvor Ihres Einverständntffes zu versichern?"
Eggestorf hatte die dargebotene Hand genommen und umschloß sie ein paar Secunden lang mit festem Druck. Zu ihrer neuen Bestürzung fühlte Margarethe, wie fieberheiß seine Finger waren und wie ungestüm da» Blut in ihnen pulsirte.
„Sie sind krank," fuhr sie ängstlich fort, noch ehe er ihr hatte antworten können, „mein „vermeintliches Heilmittel hat Ihnen vielleicht mehr geschadet als genutzt- Wollen Sie nicht doch lieber einen Arzt befragen, wenn es auch nur zu meiner Beruhigung wäre?"
Er liebte es offenbar nicht, seine eigene Person zum Gegenstand der Unterhaltung gemacht zu sehen, denn er hatte sich bei ihren letzten Worten hastig erhoben.
„So glauben Sie wir doch, Fräulein Margarethe, daß es mit meiner Unpäßlichkeit durchaus nichts auf sich hat. Ich selber hatte sie fast schon vergeffen. Aber ich darf Ihnen wohl nicht länger zur Last fallen, unv daheim erwartet mich ja auch die Arbeit. Ich habe also Ihr Wort, daß Sie Nichts unternehmen werden, ohnejmich zuvor in Kenntniß zu setzen? '
„Gewiß! Ich verspreche es feierlich. Und noch einmal tausend Dank für alle Ihre Güte! '
Er griff schnell nach seinem Hute und ging zur Thür. Auf der Schwelle aber blieb er noch einmal zaudernd stehen.
„Ich weiß nicht, ob ich davon sprechen darf, ohne Ihnen wehe zu thun — aber da ich fürchte, daß man Sie von anderer Seite darauf aufmerksam machen könnte — — haben Sie die Notiz in der heutigen Morgenzeitung schon gelesen?"
Es mußte ihm schwer auf dem Herzen gelegen haben, wa» er ihr da noch mitzutheilen hatte, denn die Worte kamen nur stockend und gleichsam widerwillig über seine Lippen. In angstvoller Spannung ruhten seine Augen auf ihre« Gesicht. Margarethe aber schüttelte unbefangen verneinend den Kopf.
„Ich sehe dar Blatt immer erst in den Nachmittagsstunden. Wollen Sie mir nicht sagen, um was es sich handelt?"
Zögernd öffnete Hermann Eggestorf die Knöpfe feine» Ueberrockes und brachte die zusammengefaltete Zeitung zum Vorschein.
„Sie werden nicht mich dafür verantwortlich machen, Fräulein Margarethe, wenn auf sehr unzarte Weise gewisse schmerzliche Erinnerungen in Ihnen wachgerufen werden. Ich möchte eben nur verhindern, daß Sie vielleicht unvorbereitet durch irgend eine taktlose Bemerkung —"
Mit einem herzgewinnenden Lächeln hatte sie ihm da» Blatt schon au» der Hand genommen.
„Braucht e» so vieler Worte, um mich zu überzeuge«, daß Ihre Absichten nur die allerbesten sein können? — Ist e» diese kleine, blau angestrichene Notiz hier, die Sie meinen?"
..Ja."
Margarethe trat nun ein paar Schritte näher zum Fenster und la»:
„„In Mailand wurde gestern die Vermählung der bisherigen Opernsängerin Luigia Gozzoma mit dem Marchese Vntorio di San Gtorgia vollzogen. Der junge Gatte gehört einer der reichsten italienischen Adelsfamilien au, unv es ist felbstverständlich, daß seine Gemahlin von den Brettern, welche die Welt bedeuten, für immer hat Abschied nehme« müffen. Die Kunst erleidet dadurch übrigens keinen allzu schmerzlichen Verlust, denn Luigia Gozzoma hatte ihre rauschenden Erfolge viel mehr der bestechenden Schönheit ihrer äußeren Erscheinung als ihren künstlerischen Vorzügen zu verdanken. Für unser Publikum aber dürfte die vorstehende Vermählungsnachricht noch ein besonderes ßWereffe gewinnen, wenn wir daran erinnern, daß diese Luigia Gozzoma dieselbe verführerische Sängerin ist, die auf dem letzten Künstlerfest den Genius der Phantasie darstellte und dabei zum Mittelpunkt einer in gewiffen Kreisen viel besprochenen Herzensaffaire wurde. Ein hochbegabter junger Bildhauer gerieth damals


