Ausgabe 
3.11.1896
 
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lich, die die ich einmal in Marke gesehen habe. Und und . - ."

»Und weil das blaue Herze! genau mit dem auf dem Portrait übereinstimmt," fiel Wetti mit boshaftem Triumph ein,fo will er es eben Ihrer oder de» Herrn Grafen Ent­scheidung überlassen, ob nicht wirklich die Gräfin Thekla das Ding verloren hätte."

Die Baronesse winkte der Uebereifrigen, zu schweigen. Der ganze Auftritt war ihr ärgerlich; fie wollte jetzt gerade an etwas Anderes denken.

Gut, gut also," sagte fie kühl und legte das kleine Herz auf den Schreibtischaufsatz.Ich werde Ihren Wunsch er­füllen. Fragen Sie nächster Tage darnach an."

Die Geste, mit der Re diese Worte begleitete, machte es Nazi unmöglich, noch eine Silbe vorzubringen. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als sich mit einem devoten Kratzfuß zu bedanken und zu empfehlen. Der Blick aber, mit dem er von Wetti Abschied nahm, war einfach unbeschreiblich.

Als er gegangen war, wagte Wetti noch einmal einen diplomatischen Kniff, sich des begehrten Berloks zu bemächtigen, um ihre Forschungen daran fortzusetzen. Sie war ja dabei gerade in dem Augenblicke unterbrochen worden, in welchem sie auf eine interessante Spur gekommen zu sein glaubte.

Bitte um Entschuldigung, gnädiges Fräulein! Soll ich vielleicht das Ding dort gleich zum Herrn Grafen Degenstein tragen?"

Adele warf unmuthig den Kopf zurück, griff aber doch wieder nach dem allzuviel besprochenen Gegenstände.

Ja, was weiß ich l Was redete der Bursche überhaupt für ungereimtes Zeug; ich habe gar nicht recht darauf hin­gehört. Wie sagte er, will er auf den Gedanken gekommen sein, daß diese Quincaillerie einst meiner Freundin Thekla gehört habe? '

Wetti wies noch einmal auf das Portrait hin. Adele verglich nun das Berlok in ihrer Hand mit dem auf dem Gemälde.

Ja, es ist nicht unmöglich, daß es dasselbe Anhängsel ist, das ich da auf der Leinwand conterfeit habe- Aber ich erinnere mich nicht mehr daran. Genau habe ich mir's jedenfalls auch damals nicht angesehen; ich malte eben, was ich vor mir sah. Und schließlich könnte der Juwelier doch mehrere Exemplare desselben Berloks verkauft haben. Wie, wann und wo wm der Mann es übrigens gefunden haben?"

Wetti konnte darüber keine ausreichende Antwort geben oder fie verschwieg vielmehr das Flüchtige, was fie davon gehört hatte; es galt ihr ja, einen Vorwand zur eingehenden Untersuchung desblauen Herzen»" zu finden, das ihren Geist so intensiv beschäftigte.

Wirklich, es ist schade, daß wir den Burschen nicht gleich um das Nähere gefragt haben. Aber vielleicht hätte das Ding einen Inhalt, aus dem man irgendwie auf die Verlustträgerin schließen könnte. . .

Den müßte der Mann doch längst schon selber entdeckt habe«. . ."

Verzeihung I" kicherte die Kleine, mit ihrer Schürze tändelnd.Er behauptet, da« Herz sei massiv. Aber er ist ein Bischen dumm und die Männer verstehen sich über­haupt nicht viel auf derlei Sächelchen. Es könnte ja einen ganz besonderen Verschluß haben. Und mir war's vorhin gerade, als wäre ich auf dem Weg zur Entdeckung eine» solchen gewesen. Ich hab' mir nämlich gedacht, ob da» kleine Ringel an dem Herzel nicht vielleicht so herauszudrehen wär'. Ich hab' als Kind von meiner Firmgodl*) eine kleine Nuß aus Silber 'kriegt, die man auch durch so ein Schraube! an dem einen End' aufmachen und auseinanderlegen können..

Nun, so versuch'« l" lächelte die Baronesse und deutete mit nachlässiger Geberde auf den Schreibtisch.

Wetti ließ sich da« nicht zweimal sagen. Sie nahm da» Ding auf und drehte die in eine Schraube auslaufende

*) Firm-Pathin.

Oese, die sie vorhin mittel» einer al» Kurbel durchgesteckten Haarnadel schon in Bewegung gesetzt hatte, vollend» heraus. Noch blieb das Herz fest. Aber als es Wetti zwischen Daumen und Zeigefinger rieb, siehe da schob es sich in zwei Hälften auseinander. Die beiden Theile waren durch einen inneren Falz aneinander gefügt gewesen, und die äußere Perlenumrahmung hatte die Fuge verdeckt. Innen ließen diese zwei Hälften gemeinsam eine Höhlung frei, in welcher allenfalls eine kleine Erbse Platz gehabt hätte; im Uebrigen war da» Herz dennoch immer schwer genug, daß man es für massiv" hatte halten können.

Es war ein kleines weißes Etwas, da» aus der Höhlung herausfiel auf den Teppich. Wetti bückte sich und hob es triumphirend auf.

Ah! Hab's ich'» nicht gesagt? Da sehen die Baronesse» Das ist wahrhaftig I ein Papier, fein zusammengedreht, darf ich's aufmachen?"

Adele schüttelte den Kopf und nahm ihr sowohl die emaillirte Goldkapsel als auch das Papierröllchen ab.

Es wäre wohl indiscret, dies zu untersuchen, nachdem es der Mann, der vorläufig doch als der Eigenthümer dieses Gegenstandes betrachtet werden muß, noch nicht gethan hat."

Aber bitte," wagte die Neugierige zu erinnern,man kann stch doch wenigstens davon! überzeugen, ob wirklich was dran ist vielleicht ist es nur ein leeres Papier, ein Pfropfen. . . . Und auf der anderen Seite wenn sich doch Herausstellen sollte, daß es etwas ist, das von der seligen Frau Gräfin herrührt, dann braucht der Bediente doch auch nicht gerad' in die Heimlichkeiten der Dame hineinzugucken."

Das war nicht übel argumentirt Adele ergriff nach kurzem Zögern wieder die Papierfcheere, um mit einer Spitze derselben das winzige weiße Röllchen sorgfältig zu öffnen. Es entpuppte stch nun als schmaler Streifen als ein zweimal zusammengefaltetes Papier und weiterhin als ei« Blättchen im Umfang von etwa fünf Centimetern im Quadrat.

Adele stutzte beim Anblick der eng aneinandergereihten Zeilen, mit denen die eine Seite des Papieres bekritzelt war. Sie mußte es dicht an die Augen bringen, um lesen zu können.

Während es geschah, verbreitete sich der Ausdruck hoher Ueberraschung über ihr schönes Gesicht.

Wetti hatte Mühe, an sich zu halten; man hätte meinen können, sie wolle das Papier in der Hand der Gebieterin durch ihre Feueraugen in Flammen setzen. Der schwere Seufzer, mit dem sich dann ihr zurückgedrängter Athem Luft machte, scheuchte die Baroneffe au« ihrem Nachdenken auf.

»Ja," sagte sie, den Kopf erhebend, mit ruhiger, klarer Stimme,dies Medaillon hat wirklich der Gräfin Thekla gehört."

»Ah!"

Die große Frage, die sich nach diesem Staunensruf auf dem erhitzten Gesichtchen der Zofe malte, fand aber keine Beantwortung.

Ich werde es dem Grafen nach heute zurückstellen," warf die Baronesse kurz hin.Das kannst Du dem Lakaien des Attache« sagen, wenn er nachfragt."

Damit schloß Adele da« zerlegte Berlok mitsammt dem kleinen Zettel in ein besondere« Fach ihre« Schreibtische« und Wetti mußte abziehen, verzehrende Wißbegierde im Busen.

(Fortsetzung folgt.)

Die Familie eine Last?

Da« klingt grausam, hart, unnatürlich, nicht wahr, liebe Leserin? Man ist gewöhnt, von Familienfreuden, von der Poesie de« Familienleben« zu sprechen, sich da« Glück aus­zumalen, das Vater und Mutter im trauten Heim genieße», wenn eine blühende Kinderschaar heranwächst. Aber wie Wenigen werden diese Freuden ungetrübt zu Thetl! Die Familienväter seufzen zumeist unter der Last der Ausgaben,