Ausgabe 
3.11.1896
 
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Erregung, und deutete auf die Hände des Portraits. Sie ragten, leicht gefaltet, fcheinbar aus dem Bilde heraus; die Unterarme, von den losen Aermeln de» duftigen, hellen Sommerkleides umgeben, waren auf die Fauteuillehne gestützt, so daß man noch die Armbänder an den Handgelenken sehen konnte. Am linken Arm trug die Dame ein blauemaillirtes Bracelet mit einem Berlok einem kleinen blauen Herzen.

Sie meine« das Anhängsel da an dem gemalten Armband?" fragte Wetti erstaunt.Ach ja, das erinnert Sie wohl an ein ähnliches Ding, wie Sie es zu besitzen be­haupten?"

Ein ähnliches?" rief Ignaz, griff in die Westentasche, holte daraus ein winziges Pappschächtelchen hervor und wickelte aus einem Stück Rosa < Setdenpapier seinen Talisman".Es ist dasselbe! Vergleichen Sie nur und überzeugen Sie sich!" , r rK

Mit dem ganzen Eifer der Evastochter in solcher Lage nahm Wetti den kleinen Gegenstand entgegen und betrachtete ihn von allen Seiten.

Run hab' ich -nicht Richt? Da, da sehen Sie's deutlich! Das find die kleinen Perlen am Rande die erkennt man auch auf dem Bilde ziemlich genau. Und die zarte GoldschristNapoli" unter dem Mittelstern, ste ist vort auf der Leinwand nur angedeutet, aber immerhin zu errathen. Vor Allem sehen Sie doch, daß die Grüße genau übereinstimmt, auch die Farbe."

Es scheint so," gab Wetti zurück und versuchte das Berlok wie ein gewöhnliches Medaillon zu öffnen; aber da entriß es Nazi ihr wieder.

Es geht nicht aus, es ist massiv. Daß Ihr Frauens- leut' bei Allem ein Inwendige» auszuforschen sucht! Sie wären im Stande, mir da» Ding zu ruiniren."

Nein, nein, ich rolB nichts daran thun. Laffen Sie mich'» nur noch einmal genau ansehen. Bitte, bitte!"

Die Neugierige bat so nett, daß Nazi nicht widerstehen konnte. Er reichte ihr da» Berlok wieder.

Nehmen Sie sich in Acht, daß Sie mir keine Perle ausbrechen l"

Aber Sie kindischer Mensch," meinte Wetti, während sie den Gegenstand auf'» Neue drehte und wendete und immer mehr Gefallen daran fand,Sie werden doch nicht behaupte« wollen, daß es diese Dame, die Gräfin Thekla Degenstein war, die die Ehre hatte, von Ihnen als Jugendtdeal angebetet zu werden?'

Unmöglich wär' es nicht," sagte Ignaz, wieder das Bild betrachtend.Diese Haare und wie gesagt, die grozöse Kopfhaltung, der Nacken . . . Hatte die Gräfin nicht einen Bruder?"

Nein, da« weiß ich gewiß. Sie war das einzige Kind einer Fabrikanten, eine» Millionärs. Boshafte Leute be­haupten, eben deswegen weil ste die Univerfalerbtn des Riesenvermögsn» ihre» Vater» war hätte ste der Grak geheirathet-"

So so. Und wie sieht denn der Graf au»? Hat er nicht gelbliches Gesicht, kohlschwarzes Haar und einen ebensolchen Schnurrbart?"

Nein, er ist dunkelblond ober hellbraun."

Ignaz drängte weitere Fragen zurück, da ihn der spöttische Ton der Zofe ärgerte. Sie sah in ihm offenbar nur einen komischen Phantasten. Plötzlich hob er das Knie und schwang sich auf die Platte des Schreibtisches hinauf.

Wetti hatte mittlerweile heimlich an der Oese de» blauen Herzens gedreht und sie ein wenig herausgeschraubt. Jetzt unterbrach sie diese Untersuchungen, um voll Entrüstunk zuzugreifen, den Burschen am Rockschoß vom Schreibtisch herabzuzerren.

,He, Sie wa» mache« Sie denn da? Sie werden doch da nicht Turnübungen treiben wollen?"

Er schüttelte sie ab.Nur einen Augenblick, ich bitte Sie! Ich muß noch Ein« versuchen . . . ."

Er streckte sich zu dem Portrait empor und bedeckte di« obere Gestcht«hälste derselben mit der flachen Hand.

Der dunkle Handschuh, den er anhatte, konnte so ungefähr eine Larve vor dem Antlitz der gemalten Dame darstellen.

Bei Gott!" murmelte er.Wenn ich mir noch den Pelzmantel um diese Schultern vorstelle. . . ."

Da stieß Wetti einen halblauten Schreckensschrei aus und machte verlegen einen Schritt gegen die offengebliebene Ein- gangsthür. Dort auf der Schwelle stand eine blaffe, etwa fünfundzwanzigjährige Dame, mit kopfschüttelnder Verwunde- rung, die sich ihr bietende groteske Scene überblickend.

Ignaz beeilte sich jetzt, vom Schreibtisch herabzukommen.

Bitte um Verzeihung!" stotterte er beschämt. Er er- rieth, daß die Dame sie trat jetzt vollend« ein Nie­mand Andere« sei als die Tochter des Hauses, die Baroneffe Effenberg.

Wetti sah sich zu einer raschen Erklärung der sonder­baren Situation verpflichtet. Mit der ganzen Gewandtheit ihre« Mundwerks setzte ste der Herrin auseinander, wie dieser Mensch" sich einbilde, in dem Portrait da oben eine ihm bekannte Dame zu entdecken, und daß er sich trotz ihrer Mißbilligung soweitverstiegen" habe, den Schreibtisch ul» Leiter zu seinem Ziele zu benutzen. Dann aber riß Ignaz das Wort an sich, indem er das eingepackte Skizzenbuch nahm und es der Baronesse überreichte.

Als Adele den Namen des Herrn von Fröden vernahm, huschte etwas über ihr Antlitz wie ein Strahl von purpurner Sonnengluth. Sie wandte sich ab um recht hastig nach einer Papierscheere zu greifen, mit welcher sie die Hülle des Päckchens öffnete.

Ignaz blinzelte indessen da« Zöfchen an und verlangte mit lebhbftem Geberdenspiel das blaue Berlok zurück, dar Wetti in der hohlen Hand behalten hatte.

Ich danke es ist gut!" sagte die Baronesse etwas kleinlaut, nachdem sie das Begleitschreiben Frödens gelesen hatte, und biß sich auf die Lippe. Verstand ste wohl zwischen den Zeilen zu lesen?

Ignaz stand wie auf glühenden Kohlen- Jetzt war er entlassen und sollte gehen. Aber da hielt das intriguante Ding noch seinenTalisman" in Händen und verleugnete ihn mit einer Miene, um die sie da« unschuldligste Lamm hätte beneiden können Wie, dachte der kleine Kobold etwa daran, ihm das Kleinod zu unterschlagen?

Noch einmal wagte er's, ihr seine Wünsche pantomimisch auszudrücken. Vergebens Wetti wendete sich ab und that, als hätte sie auf einer Console etwas Staub entdeckt, den sie entfernen mußte. Da ging er so weit, sie im Zurück­treten am Schürzenband zu zupfen.

Im selben Moment sah die Baroneffe wieder von dem Skizzenbuche Vollwang« auf und verwunderte sich nach Gebühr über die anscheinende Respectlosigkeit diese« Domestiken.

Was giebt's? Wollen Sie noch etwas von diesem Mädchen?"

Ignaz konnte nur ein Undeutliches hervorstottern. Wetti aber sprang schon zungenfertig ein, um dem Burschen einen unerwarteten Streich zu spielen.

Der Herr Ignaz wollte mich nur bitten, der gnädigen Baroneffe dieses Ding da zu übergeben- Er will es ge­sunden haben; es soll eben der Dame gehören, die er in diesem Portrait der Frau Gräfin Degenstetn halb und halb wiedererkannt zu haben meint' Ob die Baroneffe nicht die Güte haben wollten, es dem Herrn Grafen zu zeigen; vielleicht erkennt er es wirklich als das Eigenthum der seligen Frau Gemahlin. Der junge Mann thut ja schon seit Jahren alles Mögliche, den Schmuck dem rechtmäßigen Eigenthümer zurückzustellen."

Sie kannten die Gräfin Degenstein?" wandte sich dis Baroneß an den Diener, nachdem sie von Wetti das Berlok empfangen hatte.

Verzeihung! Da« kann ich eben nicht sagen," entgeg­nete Ignaz, in seiner schmerzlichen Bestürzung über Wetti» schnöden Verrath ganz fassungslos.Ich meinte nur, dre Gräfin da auf dem Bilde sähe allenfalls - einer Dame ähn-