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anderes Geschäft, vielleicht ein Testament - — hm, hab' ich recht gerathen?"
„Hören Sie, Herr von Römhild, Sie find mir als Ehrenmann bekannt, und als intimer Freund des Barons auch eine Art von Vertrauensperson für mich," erwiderte der Notar nach einer Welle. „Sie haben recht, die Haupt, ache betraf ein Testament, und weil ich eine Art Nimrod bin, so verband der Baron in seiner liebenswürdigen Art zugleich dieses Jagdsest damit. Er hatte auf zwei Tage gerechnet und das Geschäftliche auf morgen festgesetzt. Da mir jedoch nur der heutige Tag zur Verfügung stand, so traf ich schon gestern Abend ein und machte mich auch sofort an die Arbeit. Obwohl der Inhalt des Testaments vorerst ein Geheimniß bleiben muß, so darf ich doch Ihnen, der als einer der Zeugen fungiren sollte, soviel verrathen, daß der Reffe darin nur mit einer Baarsumme abgefunden wurde."
"®otl Dank!" brach es wie ein Aufathmen von Römhilds Lippen.
„Freuen Sie sich nicht zu früh," fuhr der Notar seufzend fort, „das Testament ist freilich fertig, aber/ das Wichtigste, die Unterschrift fehlt, natürlich auch die Zeugen, was mit Ihrer heutigen Gegenwart verbunden werden sollte."
„Aber deshalb hätte doch Baron Alting unterschreiben können!" rief der alte Edelmann, zornig an seinem Bart zausend.
L «Za, ja, ich bat ihn auch darum, — aber er meinte, das fei morgen mit den Zeugen-Unterschriften ein Abmachen, — und dabet blieb e». - Wenn der Mensch bei wichtigen Anlässen doch niemals etwas aufschieben würde, wie viel nutzlose Reue könnte er sich und Anderen ersparen!" m "Natürlich, man ist immer klüger, wenn man vom Rathhause kommt, als wenn man htngeht," murrte Römhild, „nun seh' ich's kommen; wenn das Unglück sich erfüllt, dann kann die Adoptivtochter sich trollen, und der neue Herr tritt das Erbe an. Aber können Sie, al» gerichtliche Person, denn wirklich nichts dabei thun, daß diese» Testament seine Gültigkeit behält, Herr Notar? — Sie können es doch beschwören, daß der Baron e» so hat haben wollen —"
Ueber da» hagere Gesicht der Notars zuckte ein flüchtige, Lächeln.
„Sie sprechen da ein großes Wort gelassen aus," erwiderte er langsam; „ein Testament ohne Unterschrift läßt sich durch keinen Eid rechtskräftig machen, hier gilt tatsächlich nur der Buchstabe. Wenn ich bei Ihnen, sollte das Schlimmste eintreten, alsdann auf Beistand rechnen darf, so will ich selbst, verständlich auch mit dem unvollendeten Testament Aller thun, um der Baronesse zu ihrem Recht zu verhelfen. Mein seliger Vater hat schon dem verstorbenen Baron von Alting al« Rechtrbeistand und Vermögens-Verwalter gedient, ich bin ihm in diesem Vertrauenramte gefolgt und weiß deshalb auch ganz genau, daß der Vater de» Amerikaners fein Erbe bei Heller und Pfennig ausgezahlt erhalten hat. Meines seligen Vaters Bücher reden laut genug davon, und wenn Herr Justus es nicht glauben sollte, dann steht's auch noch fest besiegelt im gerichtlichen Archiv."
„Dar Wort gefällt mir von Ihnen, Herr Notar!" rief Römhild erfreut. „Natürlich stehe ich und mit mir noch mancher alte Freund zu Ihnen, um unsere Gegend nicht zu einem amerikanischen Tummelplatz unheimlicher Gesellen um# zuwandeln. Ich denke, wir hätten genug an diesem Melwig, der sich wie ein Raubthier zwischen uns gesetzt hat. Aber noch lebt mein wackerer Alting," setzte er, unwillkürlich seine Jagdkappe abnehmend, hinzu, „und ich hoffe zu Gott, daß er ihn un» erhalten wird."
„Dar hoffe ich ebensallr," sprach der Notar aus der Tiefe seines Herzen«.
11. Eapitel.
Eine Niederlage.
Acht Tage waren seit dem verhängnißvollen Jagdfest verflossen, Hans Justus, den der Barbier-Gehtlf«, welcher die Geschäfte seines Prinzipal, jetzt allein besorgte, mittlerweile
verbunden hatte, war wieder hergestellt und zeigte dem Gesinde seine» tobtkranken Oheims jetzt den Herrn. War er vorher schon gefürchtet gewesen, so zitterte jetzt Alle» vor ihm bis auf dar unvernünftige Vieh herab, wie der Kutscher seinem Weibe im Vertrauen klagte.
Hans Justus kannte nur zwei Menschenklaffen, Herren und Sclaven, und zwar für die ersteren alle Rechte, für die letzteren alle Pflichten!
Man hatte ehedem recht häufig fröhliche, Lachen, Singen und Pfeifen unter den Leuten gehört, der alte Herr Baron liebte es, frohe Gesichter zu sehen und nahm selbst ein vor# lautes Scherzwort nicht übel. In den letzten acht Tagen aber herrschte Friedhofsstille überall, Niemand wagte auch nur ein lautes Wort, geschweige denn einen Ton, der wie Singen oder Pfeifen klang. Al» sie sich am ersten Sonntag, wie e, Gesetz in Altinghof war, mit den nothwendigsten Ausnahmen zur Kirche rüsteten, fuhr der neue Herr wie ein Ungewitter dazwischen und verbot ihnen den „Unsinn".
„Ich verlange von Euch Arbeit, aber kein Beten," höhnte er, seine Reitpeitsche, die er stet» in der Rechten hatte, drohend gegen die verblüfften Leute schwingend. „Macht Eure Sal# baderei Abends vor'rn Schlafen ab, verstanden?"
„Wir bleiben nicht bei diesem Herrn," flüsterten sich die Knechte zu, „und ich halt'« auch nicht bei ihm aus," seufzte der verheirathete Kutscher, „ich verzage am Herrgott, wenn er uns unseren Rittmeister nimmt."
Auch die Mägde gingen dem brutalen Gebieter so wett al» möglich aus dem Wege, während die beiden Aeltesten, die Wirthschafterin und der alte Diener, sich kummervoll anblickten, da sie wohl Ersparnisse besaßen, aber doch nicht ausreichend, um davon leben zu können. Wie sollte da, werden? —
Es war ein heiterer Octobertag. Han» Justus hatte sich de» Onkels Reitpferd satteln lassen, um einen Besuch im Forsthause zu machen, vor dem ihm ein wenig zu grauen schien.
„Bah, ich war daheim geblieben," dachte er, al« er lang# sam dem Walde zuritt, „was kann ich dafür, daß ihm da«# selbe pasfirte, was mir, dem Meisterschützen, geschah? Wir haben uns Beide «»geschossen!"
Gr lachte kurz, ein häßliches Lachen, vor dem selbst da« Pferd zu erschrecken schien, denn e» machte einen Sprung nach vorwärts und jagte dann im Galopp weiter.
„Ah, Bursche, Du hast jetzt einen anderen Herrn, der keine Eigenmächtigkeit duldet," sprach Hans Justus, mit festem Griff und Schenkeldruck das Pferd zum Schritt zwingend. Dann setzte er es in Trab und hatte bald den Wald erreicht, durch welchen ein bequemer Reit' und Fahrweg bi« zum Forst# hause führte. Er war klug genug, diese« Pferd, da« noch sein eigen nicht war, nicht zu mißhandeln und jetzt eine sehr ernste Miene aufzusetzen.
Al» er vor dem Forsthause hielt, eilte ein Jägerbursche herbei, um das Pferd zu halten. Han« Justus sprang au« dem Sattel, warf ihm den Zügel zu und fragte den au« dem Hause tretenden Förster, mit kurzem Nicken den Gruß desselben erwidernd: „Ist der Arzt noch hier?"
„Ja, gnädiger Herr, doch macht er augenblicklich einen Spaziergang im Walde."
«In Begleitung der Baronesse?"!
„O nein, die Baronesse ist im Krankenzimmer —"
„Dann führen Sie mich dorthin," befahl Han» Justu« herrisch.
Der Förster zögerte.
„Um Verzeihung, gnädiger Herr," sagte er ehrerbietig, aber fest, „der Arzt hat mir den strengen Befehl gegeben, jeden Besuch ohne Ausnahme abzuweisen, well der Herr Ritt# meister vor jeder Aufregung sorgfältig behütet «erden müsse."
Han« Justus maß den „stechen Sclaven", wie er ihn im Innern nannte, mit einem zornigen Blick und machte dann eine Bewegung, um an ihm vorüber in’« Hau« zu trete«. Furchtlos stellte sich Erichsen vor die Thür.
„Ich muß den gnädigen Herrn bitten, den Befehl de« Arztes zu respectiren," sagte er mit fester Stimme. „Sie


