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meinte er halblaut, „es ist doch keine Kleinigkeit, in unseren sonst so stcheren Wäldern Gefahr zu laufen, unversehens eine Kugel zwischen die Rippen zu bekommen. Wenn stch hier die Gewohnheiten amerikanischer Hinterwälder einbürgern sollten, wie es doch den Anschein hat, dann verkaufe ich mein Gut und fiedele mich bet anständigen Nachbarn an."
„Ja, es ist eine unheimliche Geschichte," erwiderte der Notar mit leiser Stimme, „möge Gott fie zum Guten wenden- — Bitte, Herr Förster," wandte er fich, wie von einem peinlichen Gedanken ergriffen, hastig an Erichsen, „bringen Sie mir, wenn es möglich ist, noch eine Nachricht über den KraÄen, da ich jetzt schleunigst nach dem Schlosse zurück muß."
Der Förster ging in's Haus und kehrte schon nach wenigen Minuten mit dem Arzte zurück, der seinem alten Freunde selber die Mittheilung machen wollte, daß die Hoffnung, bett Verwundeten am Leben zu erhalten, allerdings noch nicht aufzugeben, jedoch sehr schwach sei.
„Selbstverständlich werde ich hier bleiben, bis fich der Zustand in der einen oder anderen Weise entschieden hat," setzte er hinzu, „doch hoffe ich, daß keine edleren Theile verletzt find, was natürlich ausschlaggebend ist. Von einem Transport kann aber auch in diesem Falle noch wochenlang keine Rede sein, weshalb der Barbier als brauchbarer Heil- gehülfe und Wärter ebenfalls hier bleibt. Sein Geschäft wird, wie er verfichert, nicht darunter leiden."
„Bleibt denn die Baronesse hier im Forsthause?" fragte Römhild.
„Sie besteht allerdings fest darauf," erwiderte der Arzt, „und ich leugne nicht, daß ich gerade fie als Pflegerin jeder anderen vorziehen würde. — Es fragt fich ja nur, ob fie im Schlosse entbehrt werden kann."
„Darüber wird die junge Dame jedenfalls selbst am besten entscheiden können," meinte der Notar, „wenn Sie die Güte haben möchten, lieber Doctor, mich ihr zu empfehlen, da ich noch heute nach F. zurückkehren muß."
„Die können fich auch persönlich von ihr verabschieden, alter Freund, werde der Baronesse einige Notizen für meinen Asfistenten einhändigen, die Sie wohl mitnehmen. Adieu, lieber Notar I"
Er schüttelte ihm die Hand und begab stch in's Haus zurück, worauf nach einer Weile Ellen mit kummervoller Miene erschien.
„Lassen Sie den Muth nicht finken, Baronesse," sagte Herr von Römhild, stch heftig räuspernd, um seine innere Bewegung zu verbergen. „Der Doctor hofft das Beste und unter Ihrer Pflege kann er ja garnicht sterben. Sie habe« ja auch eine gute Wirthschafterin im Schloß —"
„Gewiß," erwiderte Ellen leise, „in dieser Hinsicht kann ich vollständig beruhigt sei», lieber Herr von Römhild!"
„Und doch wäre Ihre Anwesenheit dort nothwendig, meine gnädige Baronesse," bemerkte der Notar, die junge Dame, welche sehr bleich aussah, theilnehmend betrachtend. „Der amerikanische Neffe wird trotz seiner Verwundung sofort die Zügel der Herrschaft ergreifen —"
„Worin ich ihn doch nicht hindern kann, Herr NotarI" fiel Ellen restgnirt ein, „er ist von dem Baron als rechtmäßiger Neffe anerkannt worden und wird sich, vor mir am allerwenigsten fürchten. Ich bitte Sie nur, diesen Schlüssel, den ich von dem Cabinet neben dem Wohnzimmer abgezogen habe, in Verwahrung zu nehmen. Sie wissen, daß das Eabinet durch eine Tapetenthür mit dem Zimmer meines Vaters in Verbindung steht, während er den Hauptschlüssel bei stch trägt und ihn auch diesmal zu stch gesteckt hatte. Ich «üß ja nicht, Herr Notar, ob Sie nicht irgend einen gesetzlichen Einspruch gegen die Herrschafts-Gelüste des Neffen in Anwendung bringen können, dem sei aber, wie ihm wolle, so viel steht fest, daß ich nur in der Begleitung meines Vaters nach Altinghof zurückkehren werde."
„Aber, meine liebe Baronesse," rief Römhild, tief be- wegt ihre Hand ergreifend, „wir alle, die wir uns Freunde des Barons Atting nennen, wissen es doch und können es Mhigevfalls eidlich bezeugen, daß er Sie als Tochter adoptirt
und auf Sie nicht nur feine volle väterliche Liebe, sondern auch alle Kindes - Rechte übertragen hat. Altinghof ist Ihre Heimath, Ihr Vaterhaus, und wenn Sie Rath und Beistand gebrauchen sollten gegen fremde Ansprüche, so besitzen Sie Freunde genug, an die Sie sich ohne Scheu wenden können, zum Exempel den Herrn Notar hier und mich. Es müßte sonst vielleicht schon ein Testament zu Gunsten des Neffen existiren —" fügte er mit einem fragenden Blick auf den Notar hinzu.
Dieser wiegte unmerklich den Kopf und nahm dann, nachdem er den Schlüssel und die ärztlichen Notizen zu sich gesteckt hatte, hastig von der jungen Dame Abschied.
Die beiden Herren, die stch zu Fuß auf den Weg machten, schritten jetzt rasch und schweigend durch den Wald, mit scharfen Blicken rechts und links umherspähend. Sie waren überzeugt, daß der Kranke unter der Obhut des Försters am sichersten war und daß keine neue Gefahr ihn dort bedrohen konnte. Erst, nachdem sie einen freien Feldweg, wo sie ganz sicher vor Horchern waren, eingeschlagen hatten, brach Römhild das Schweigen.
„Ich glaube, der amerikanische Buschklepper hat sich nur noch im Wald-Revier aufgehalten, um sich vom Gelingen seines Mord-Anschlags zu überzeugen."
„Wenn Ihr schauerlicher Verdacht stch bewahrheiten sollte, dann glaube ich's selber," erwiderte der Notar, „obwohl die Consequenz, die man alsdann daraus ziehen müßte, eine so ungeheuerliche ist, daß mir das Blut zu Eis gerinnt."
„Sie wissen es wohl nicht, daß der amerikanische Reffe ein Hausfreund des Lindenhageners ist?" fragte Römhild unvermittelt.
Der Notar blieb erschreckt stehen.
„Ja, ja, es ist so," fuhr der alte Edelmann fort, „die beiden Kumpane haben sogar eine Spielbank etablirt, um unsere Söhne zu rupfen. Hat der Baron Ihnen nichts davon gesagt?"
„Nein," erwiderte der Notar langsam weiterschreitend, „doch wird mir jetzt Vieles klar. Er wußte es also?"
„Ich selber wurde von den Freunden beauftragt, ihm die häßliche Geschichte mitzutheilen. Na, es war keine angenehme Aufgabe, der Gedanke daran macht mich noch unbehaglich."
„Ist der Baron denn nicht dagegen eingeschritten?"
„Er wurde dieser Mühe durch die jüngsten Ereignisse überhoben, zuerst durch die seltsame Ungeschicklichkeit des Neffen, der fich die ungefährliche Wunde beibrachte, und dadurch an der Theilnahme an unserer heutigen Jagd verhindert wurde, und nun durch das eigene größere Unglück."
„Sie folgern ja mit einer wahren Detectiv-Schärfe, Herr von Römhild!" sagte der Notar mit unverhohlener lieber« raschung. „Allerdings liegt Ueberzeugung in Ihrer Logik, zumal die Kugel, welche den Baron getroffen, nicht aus feiner eigener Flinte stammt. Liegt aber hier nicht auch die Möglichkeit vor, daß die verhängnißvolle Kugel stch aus unserer Mitte zu ihm verirrt haben kann, diese Schuld also einen ungeschickten oder sorglosen Jagdgenoffen trifft?"
„Das ist undenkbar," versetzte Römhild ohne Zaudern, „ich hatte mir allerdings einen anderen Standort gewählt, weil mir vor seinem wunderlichen Gebahren bange wurde, doch konnte nach der Ausdehnung des Wald - Reviers kein Jäger mit dem anderen in Berührung kommen. Zur Beseitigung dieser Ungewißheit aber soll mir Förster Erichsen die Kugel überlassen, die Sache wird stch alsdann bald aufklären."
„Thun Sie das, Herr von Römhild," bat der Notar, „der Verdacht ist so ungeheuerlich, daß man jeden Beweis streng prüfen und mit allen Möglichkeiten rechnen muß."
„Gut, so sei es, aber ich denke, daß wir die Augen offen halten, und daß die Adoptiv-Tochter meines alten Freundes auch besser dort bei ihm jetzt aufgehoben fein wird, als im Schlosse Altinghof. Im Vertrauen gesagt, Herr Notar, ich dachte mir eigentlich, daß Sie nicht bloß zur Jagd von F. herübergekommen sein konnten, sondern daß Sie noch ein


