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Redaktion I. V.: Hermann Elle. — Druck und Verlag der Brühl'schen Universitäts-Buch- und Steindruckerei (Pietsch L Scheyda) in Gießen.
was «ar das? — Langgezogene Töne, unsicher zuerst und zaghaft und nun anschwellend, hallten sie laut und kräftig durch die Nacht. Neues Leben durchströmte die halb erstarrten Glieder. Das Signal! — Zweifelnd, der schönen Hoffnung nicht zu trauen wagend, horchte Alles und lauschte gespannt. Da war es wieder. Hell schmetternd setzte es ein. „Sammeln!" sammeln!" — lockten die wohlbekannten Töne. —
Hier war kein Zweifel mehr möglich, es wurde „das Ganze fammeln" geblasen.
„Schrötter, hören Sie es?" — erkundigte sich vorsichtshalber der Hauptmann bei seinem Untergebenen.
„Ja wohl, Herr Hauptmann," entgegnete dieser- „Di Töne scheinen aus nächstes Nähe zu kommen. Hinter dem Park muß eine Abtheilung stehen, die das Signal gibt. —"
Auf Anordnung des Compagniechefs wurde das Signal ausgenommen und weitergegeben. Von hier und dort 'lang es bald als Antwort zurück, ein Zeichen, daß man überall im Aufbruch begriffen war.
Wie gern folgte jetzt jeder dem Kommandowort des Führers. Der Humor kehrte wieder. Beim Gesang des lustigen Soldatenliedes und mit der Aussicht auf ein warmes Zimmer und ein Glas heißen Grogs marfchirts es sich noch einmal so gut.
Plötzlich sprengte ein Reiter in schärfster Pace heran. Es war der Herr Oberst selbst.
„Herr Hauptmann!" fuhr er wuthschnaubend auf den Compagniechef los. „Wie können Sie sich unterstehen und „das Ganze sammeln" blasen laffen. Ich bin außer mir I Alles läuft mir davon, kein Halten mehr! Was soll aus meiner Idee werden!"
Der Hauptmann hatte Mühe, dem erregten Oberst klar zu machen, wie unschuldig er an der ganzen Sache sei. Kaum vernahm der Gestrenge» die seiner großartigen Idee ver- hängnißvoll gewordenen Töne seien von jenseits des Schloßgartens gekommen, da jagte er auch schon davon, es dem Hauptmann überlassend, ob er weitermarschiren oder warten solle. Dieser entschied sich für das Erstere.
Indessen jagte der Oberst an der Parkmauer entlang und fahndete vergebens nach dem Mlffethäter. Er wußte von keinem Aussichtsthurm und keinem Schloßfräulein, er wußte ferner von keinem Waldhorn, das nun wieder ruhig an dem Nagel in der Halle hing, von dem es für kurze Zeit verschwunden gewesen- Er wußte auch wohl längst ntqtr mehr von der Liebe, die erfinderisch macht und oft tollkühn wagt, wenn dem Geliebten Gefahr droht.
Ein Anderer aber wußte dies alles, doch der behielt seine Schlüsse wohlweislich für sich. Der nächste Sonntag Nach« mittag aber fand ihn wieder auf dem Wege nach Schloß Bergwald. Eine Meile zu Fuß ist für einen tüchtigen In» fanterielieutenant nichts als ein netter kleiner Spaziergang. Geflügelten Fußes eilte er dahin. Endlich war der Aussicht»- thurm erreicht. Dort war dis schmale Pforte in der Parkmauer. Auf flog die Thür. Zwei weiche Mädchenarme schlangen sich um seinen Hals, und ein frisches Lippenpaar bot sich ihm zum Kusse. r „ on
„Nun, ist Dir die Nachtfelddienstübung gut bekommen?
— fragte Else von Bevernt, sich aus seinen Armen lösend. —
„Vortrefflich," entgegnete der Lieutenant von Schrötter. „Aber denke Dir, unser Oberst ist noch jetzt suchswild aus den Bösewicht, der das Signal: „das Ganze sammeln" ab« gegeben hat- Bis jetzt ist er noch nicht erwischt worden. Könntest Du mir nicht ein wenig auf die Spur helfen? Wer mag es wohl gewesen sein, ahnst Du es nicht, Du Schelm?" — , -
Er hob mit der Hand ihr Kinn in die Höhe und buckle ihr prüfend in die Augen.
Sie wich seinem Blicke aus, doch sich innig an ihn schmiegend, flüsterte sie: ,, .
„Geliebter, Du hättest Dich in der feuchten Nacht i« erkälten können! —"
mußten, das wußte er genau und konnte daher sogleich Auskunft ertheilen.
Zuerst kommt: „Das Ganze", erklärte er, schwer und gewichtig: „Tra! — tra — tra — trat" — und dann: „Sammeln" kurz, staccato: „Tra tra! — tra tra! — tra tra! — tra tra! —"
Else hatte es schnell aufgefaßt und trällerte es ihm lustig nach.
„Famos, Mädel!" lobte der Hauptmann. „Vielleicht hörst Du dies liebe Signal heut Abend noch. Wir marfchiren in der Richtung auf Bergwald. Hinter Eurem Park wird Halt gemacht. Wenn Du es vernimmst, dann freue Dich für uns, daß wir endlich nach Hause dürfen und nicht bei diesem gräßlichen Wetter im Freien kampiren müssen. —"
„Die ganze Nacht wohl gar? —"
„Schon möglich!"
„Da könnt ihr Euch ja den Tod holen! — Euer Oberst ist wirklich grausam. Ich wünschte, ich könnte ihm seine großartige Idee ordentlich anstretchen!
„Ei, ei, Else, wenn der Gestrenge Dich hörte!" — drohte der Hauptmann. —
„Ist mir höchst gleichgültig," trotzte sie, „ich sagte ihm meine Meinung am liebsten gerade ins Gesicht. Könnte ich ihm einmal einen tüchtigen Possen spielen, weiß Gott, ich thäte er! —*
„Mädel, reich mir die Hand. So viel Mitgefühl für den armen Soldaten hätte ich Dir gar nicht zugetraut I" — rief der Onkel, ihr mit listig zwinkernden Augen die Rechte hinhaltend. — , _ c „ „
„Ach Du," schmollte sie, die dargebotene Hand zurückschiebend. „Nun, ich wünschte eine recht trockene Nacht."
Sie zog die Zügel an und schnalzte mit der Zunge als Aufmunterung für die Pferde.
„Adieu Onkel! — Adieu Herr von Schrötter! — Erkälten Sie sich nicht!" rief sie noch zurück, dann sauste die Peitsche über den Rücken der Pferde durch die Luft, fort rollte der Wagen und war bald den sehnsüchtigen Blicken des Lieutenants entschwunden. — t .
Tiefer und tiefer sanken die Schatten der Nacht herab. Unendlich lang dehnte sich der Weg. Schließlich aber war doch das Ziel erreicht. , ,
„Ganzes Bataillon halt! — Rührt Euch! —" lautete das Kommando. , c
Die Chaussee machte hier eine Biegung und zog sich an einer ziemlich hohen Steinmauer entlang, über dis halb entlaubte Baumkronen herüberschautsn. Es war die Parkmauer von Schloß Bergwald.
Herr von Schrötter wußte es wohl, er kannte hier reden Weg und Steg. Hinter den Bäumen lag das Schloß, und in dem Schloß wohnte sie, die ihm mit ihren braunen Augen und dem sonnigen Lächeln das Herz gestohlen hatte. — Er seufzte tief auf und wußte selbst nicht recht, galt dieser Seufzer seinem abhanden gekommenen Herzen, dem Regen oder der Nachtfelddienstübung.
Die Lage wurde eine immer ungemüthlichere. Nirgend» ein trockenes Fleckchen Erde, dazu der naßkalte Regen. Niemand wußte, was werden follte, denn hier waren weitere Befehle abzuwarten.
Plötzlich hob der Lieutenant lauschend den Kopf. Es war ihm, als raschelte das Laub jenseits der Mauer, und als näherten sich Schritte. Doch nein, jetzt blieb wieder alle» still. Er konnte sich auch getäuscht haben. Aber da, — knarrte nicht dis Thür des Aussichtsthurmes, der sich hier rechts am Ende des Parkes befinden mußte?
Als Herr von Schrötter da» letzte Mal in Schloß Bergwald gewesen, hatte er mit Else von der Plattform» de» Thurmes aus den schönen Rundblick genossen. — Er erinnerte sich dessen nur zu genau. Rasch wandte er den Kops in der Richtung, in der er den Thurm vermuthete. —
Es war stockfinster- Nichts ließ sich erkennen. Aber


