Ausgabe 
3.9.1896
 
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gefeiert worden, und noch die Mutter des jetzigen Schloßherrn, die heitere Rheinländerin hatte in diesem Saale als junge Gebieterin der Ballfreude sich hingeben dürfen, bis andere Pflichten die Jugendlust beendeten, und seitdem keine Mustk hier mehr erklungen war.

Nun stand die Adoptivtochter des letzten Barons vor dem Bilde der letzten Schloßherrin, die in ihrer vollen Jugendschönheit für die Gallerte gemalt worden war und was ihr an alten Ahnen fehlte, durch Liebreiz zu ersetzen wußte. Sie war unstreitig die schönste der hochedlen Frauen, die so stolz, mit so vornehm abweisenden Mienen aus ihren breiten Rahmen herabblickten.

Ellen betrachtete das reizende Gestcht der Rheinländerin und stellte in Gedanken ihren amerikanischen Enkel daneben. Ja, er glich ihr auffällig, die Gestchtszüge waren die ihrigen, nur das sonnige Lächeln fehlte und der freie unbefangene Blick ihrer freundlichen Augen- Die seinigen waren freilich ebenfalls braun, oder vielleicht schwarz? Sie konnte es nicht genau sagen, sondern hatte nur die Empfindung, daß fich etwas Lauerndes und Unheimliches darin verberge, die Spottsucht, die das Heiligste verhöhnt und ihr Opfer er­barmungslos in den Staub tritt. Hatte er diesen Blick, der fich zur geeigneten Zeit zu verschleiern verstand, von seinem Vater? Eine heftige Unruhe und Ungeduld er­faßte das junge Mädchen, das die Stunde nicht erwarten konnte, wo ste mit dem Vater allein fein werde, um sein Urtheil über diesen so plötzlich ins Haus geschneiten Neffen zu hören.

Noch einen Blick über die Ahnenreihe werfend, begab ste stch nun rasch hinunter, um ihren häuslichen Pflichten nachzu­kommen.

Mittlerweile hatte der Baron bei einer Cigarre seinen Neffe« ins Verhör genommen, was dieser mit einem spöttischen Lächeln aufnahm.

Mit Verlaub, lieber Qnkel," unterbrach er ihn nach den ersten einleitenden Worten.Sie haben doch sicherlich einen kleinen Cognac oder dem Aehnliches vorräthig? Ich bin ein wenig Alkohol beim Frühstück gewohnt."

Bedauere sehr, ich führe keinen Schnaps, dulde ihn auch nicht bei meinen Leuten," versetzte der Baron ruhig, mein selbstgebrautes Bier scheint Dir also nicht zu munden?"

Nun, es mag für hiesige Verhältnisse ganz vortrefflich sein, in Amerika aber würden Sie keine Liebhaber dafür finden. Sie scheinen demnach Temperenzler zu sein?"

Dürfen diese Bier trinken? Ich bekämpfe die Branntweinspest, auch unter einem feinen Etikett. Daran mußt Du Dich gewöhnen. Nur Sonntags und bei Gesell­schaften wird Wein gereicht. Ich bitte jetzt, mich nicht wieder zu unterbrechen."

Hans Justus verbeugte sich ernsthaft.

Ich habe Dich auf das Schreiben Deines Vaters hin hier ausgenommen," fuhr der alte Herr mit einem kurzen Räuspern fort,habe Dir die Hand zum Willkommensgruß gereicht, ohne vorher nach Deiner Legitimation zu fragen."

Der junge Mann fuhr empor, seine Augen funkelten zornig.

Glauben Sie vielleicht"

Ich glaube in dieser Hinsicht niemals etwas, worüber ich keine Beweise habe," fiel der Baron ruhig ein,ereifre Dich nicht unnöthig. Es wäre mir allerdings angenehmer gewesen, wenn Dein Vater stch in Deinem Interesse früher an mich gewendet und erst meine Ansicht darüber gehört hätte." (Fortsetzung folgt.)

Eine großartige Idee.

Skizze von A. von Wartenberg-Vielrogge.

------- (Nachdruck verboten.

Ein trüber, grauer Himmel, unaufhörlich hernieder­strömender Regen, fahles Abenddämmern, das ist so da» rechte Stimmungsbild für eine Nachtfelddienstübung.

Naß bi» auf die Haut war jeder einzelne Mann der

Compagnie, welcher dort in mißmuthigem Schweigen die durch­weichte Chaussee entlang zog. Die Laune des Lieutenants von Schrötter, der neben den Mannschaften einherschritt, war auch nicht gerade die rosigste. Trübselig hingen die Spitzen des onst so keck aufgeputzten Schnurrbärtchens herab. Mürrisch »lickten die blauen Augen vor sich hin, und regelmäßig entfuhr »en Lippen ein halb unterdrückter Fluch, wenn der Fuß wieder tn einer großen Wasserlache versank.

In stummer Erbitterung gedachte der Lieutenant de» Herrn Oberst, der kein Erbarmen kannte, wenn e» galt, eine einer großartigen Ideen zu entwickeln. Dabei scheute er weder Wind noch Wetter! Von dem Adjutanten gefolgt, prengte der Gestrenge soeben über da» Brachfeld, daß die Erdklümpchen nur so herumflogen.

Der Hauptmann ritt ihm entgegen, um die vorschrifts­mäßige Meldung abzustatten. Gnädig winkte der Herr Oebrst ab und sprach dann hastig auf den Officier ein.

Ah", dachte der Lieutenant von Schrötter vergnügt, vielleicht wird noch der ganze Rummel des schlechten Wetters wegen verschoben. Etwas Gescheiteres könnte gar nicht passiren!"

Allein seine Hoffnung kam zu früh.Vorwärts marsch!" hieß da» Commando, und weiter ging e» in gleichmäßigem Schritt die mit Pappeln besetzte Chaussee entlang. Die Lust zum Scherzen war allen vergangen. Keine Cigarre wollte brennen, sang- und klanglos marschierte die Compagnie dahin.

Ein Wagen rollte heran. Hastig wandte stch Herr von Schrötter um und erkannte trotz der hereinbrechende« Dunkel­heit auf den ersten Blick die junge Dame, welche vom Bock des leichten Jagdwagens aus mit viel Geschick die feurigen Rosse lenkte. Eilig zwirbelte der Lieutenant seinen Schnurr­bart in die Höhe und tupfte mit dem Taschentuch die Regen­tropfen vom Gestcht.

Wahrhaftig ste ist es," murmelte er vor stch hin.

Richtig, wir find ja auf dem Wege nach Schloß Bergwald."

Als das Gefährt näherte, grüßte der Lieutenant mit de« gezogenen Säbel. Der Gruß wurde mit der langen Fahr­peitsche ebenso förmlich erwidert, dafür aber leuchtete hüben in den blauen und drüben in den braunen Augen ei« inniger Gruß auf.

Unwillkürlich hatte die junge Dame die Zügel angezoge«; die Pferde fielen in Schritt. Der Herr Hauptmann ritt heran, ihn erkennend, rief ihm Else vom Bevernt zu:

Guten Abend, Onkel I Was macht ihr denn bei diesem Wetter hier draußen? Du glaubst wohl, e» soll sich heute Abend noch aufklären? Bewahre! Das bleibt die ganze Nacht so bei. Laß Dir rathen, Onkelchen, zieh' mit Deinen Braven nach Hause. Sieh' nur, Herr von Schrötter macht ein ganz betrübtes Gesicht. Ich wette, er ist pudelnaß!"

Recht gerathen, gnädiges Fräulein! Aber dem Herrn Hauptmann geht es nicht besser. Das ist nun einmal nicht anders im königlichen Dienst. Waren Ste i« der Stadt?"

Ja, ich hatte dringende Besorgungen," und stch tief vom Bock herabneigend, während der Hauptmann um den Wagen herumritt, flüsterte das Mädchen zu dem auf der anderen Seite nebenherschreitenden Osficier:

Sonntag am Aurfichtsthurm."

Ich komme," gab er ebenso zurück.

Ja, denke Dir nur, Else, wir haben heute Nachtfelb- dienstübung," versetzte der Hauptmann, dem da» Geflüster ent­gangen war.

Bei diesem Wetter?" staunte da» Mädchen.

Was hilft e»! Der Herr Oberst hat unglücklicher Weise wieder einmal einegroßartige Idee" gehabt. Ich hoffe aber immer noch, er hat ein Einsehen und läßtdas Ganze sammeln" blasen."

Ach so, das Signal, das Euch heimzurücken erlaubt?" Ja wohl."

Wie ist es doch?"

So wenig Verständniß für Musik Herr von Schrötter im Allgemeinen besaß, wie die Töne dieses Signals, bas ihm schon so oft die ersehnte Ruhe verheißen, aufeinander folgen