Ausgabe 
3.9.1896
 
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fremden, krankhaften Rührung, das ein zu unerträgliches Gefühl für ihn war, um es nicht rasch abzuschütteln, zugleich aber den Beweis lieferte, von einer Stelle in seinem Herzen, worin noch eine Oase reiner, uneigennütziger Empfindung sich geborgen hatte.

Er schritt jetzt rasch in das nebenan befindliche Schlaf­zimmer, um in aller Eile Toilette zu machen, wobei seine Spottlust wieder Nahrung fand.

Mein Herr Onkel muß für neue, standesgemäße Garde­robe sorgen," dachte er beim Oeffnen des kleinen Koffers, der in der That nur einige Wäsche enthielt.Hm, daran erkennt man ja im Grunde den echten Aristokraten. Es wird nöthig sein, diesem Alten gegenüber den artigen Jungen herauszukehren, da mein lieber Papa ihm im Grunde auch zu übel mitgespielt hat. Ein Glück, daß er nicht verheirathet ist, wie man mir auf der Station erzählte, und wenn die Adoptivtochter paflabel ist, gut, dann heirathen wir ste und sichern uns damit unser Erbe, das dieser alte Dutchman uns am Ende noch streitig machen könnte. Sieh dich vor, Hans Justus, ein echter Alting bist Du und damit basta I"

Er pfiff leise den Dankee-doodle, strich noch einmal durch die dunklen Locken, welche sich in wilder Fülle in die Stirn drängten, und fand seinen Weg mit sicherer Ortskenntniß bis zum Speisezimmer, deffen Thür der Diener unterwürfig aufriß.

So, da bist Du, Hans Justus! setze Dich zu uns, Du wirst nach der Reise hungrig sein."

Mit diesen Worten hieß der Baron, welcher den Diener fortgeschickt hatte, seinen Neffen willkommen.

Gestatte, daß ich Dir hier meine Tochter Ellen vor­stelle," fuhr er dann rasch fort,Dein Vetter Hans Justus von Alting, liebes Kindl"

Eie waren also verheirathet, lieber Onkel?" fragte der junge Mann, der seine Züge jetzt merkwürdig in der Gewalt hatte.

Nein, verheirathet war ich nie, ich habe Ellen adoptirt und ste damit in alle Kindesrechte eingesetzt. Sie ist die Tochter einer mir sehr theuren verstorbenen Freundes, dem ich großen Dank schuldete. Jetzt aber wollen wir erst effen, und dann das Wettere besprechen."

Mit feinem, weltmännischen Tacte, der den ungenirt sich gehenlaflenden Amerikaner zu der nöthigen Zurückhaltung zwang und ihm kein geringes Mißbehagen verursachte, führte Baron Justus jetzt ganz allein die Unterhaltung und zwar auf einem Gebiete, das der Neffe nicht zu betreten wagte, um sich eine Blöße zu geben, dem Gebiete deutscher Jntereffen und deutscher militärischer Macht und Größe.

Hans Justus ließ ihm allein das Wort. Er that dem kräftigen Frühstück alle Ehre an, weil er in der That seit dem gestrigen Abend fast gar nichts genossen und deshalb einen Wolfshunger hatte, hörte aber schließlich, da ihm die Salbaderei des alten Narren, wie er ingrimmig dachte, Völlig unverständlich war, garnichr mehr zu, sondern fand es nur unerhört, daß der Geizkragen ihm anstatt, wie sich» gebührt, vom Besten aus feinem Wink eller, ein sonieder- trächtiges Gebräu" vorzusetzen wagte.

Er scheint mir, daß Dein Vater Dich nur als ein­seitiger Amerikaner erzogen hat," bemerkte Baron Justus plötzlich stirnrunzelnd.

Der junge Mann blickte ihn zerstreut an und zuckte verständnißlos die Schultern, worauf der Oheim die Frage wiederhotte mit dem Zusatze, ob ihm die deutsche Sprache vielleicht nicht ganz geläufig sei.

eO yes, yes, ich spreche kdar Deutsche wie meine Muttersprache, die mir natürlich lieber ist," erwiderte der Neffe lächelnd, mein verstorbener Vater konnte für meine Erziehung nicht viel thun, weil ihm die Existenzfrage genug zu schaffen machte."

Er nahm sein Erbtheil, das ihm bei seinem Abschied von der Heimath unverkürzt überliesert wurde, mit hinüber nach Amerika," nnterbrach der Baron ihn kalt,die Summe

war groß genug, um fich überall eins behagliche Existenz zu schaffen."

Ich weiß, daß er hier nichts mehr zu fordern hatte, aber drüben war just der große Krieg entbrannt, als sein Fuß den amerikanische» Boden betrat, er suchte deshalb ,

in die Marine einzutreten und hätte sich hier jedenfalls bald emporgeschwungen, doch war keine Lteutenantsstelle zu er- i

halten und als gemeiner Matrose einzutreten, dazu war ein Alting nicht im Stande. Auch wollte ihn die schwache Frau \

nicht fortlassen."

Es war Deine Mutter, von der Du sprichst," fiel >

Baron Justus scharf ein.*

Na, freilich, Onkel aber es war trotz alledem nicht recht von ihr, den Vater seinem eigentlichen Beruf ab- ,

wendig zu machen, da ich überzeugt bin, daß er in diesem Kriege, wo auch die Seemacht zur wirksamen Geltung kam, \

die höchste Staffel erreicht haben würde. Er wird in seiner

Liebe für die Frau damals auch aus zu großem Fuße, wie i

sie es als junges Mädchen gewohnt gewesen war, gelebt und .

vom Capital gezehrt haben. Genug, daß jener Anfang in ,

Newyork die erste Stufe zum Niedergang war, wovon mein

armer Vater, der stets ein vollkommener Gentleman geblieben

ist, Ihnen sicherlich nichts geschrieben hat." ;

Baron Justus zupfte nervös an seinem grauen Schnurr- 1

bart, die starken Brauen waren finster zusammengezogen und in den Augen blitzte e» zornig. :

Lassen wir diese unerquicklichen Erörterungen," sprach er kurz,ich habe die Vergangenheit begraben und erinnere > Dich an das vierte Gebot. Willst Du die Güte haben, ab­tragen zu lassen, meine Tochter?" wandte er sich an Ellen, die sich sofort erhob, um dem Diener zu klingeln und als­dann das Zimmer zu verlassen.

Sie mußte einen Augenblick auf die Veranda hinaus- treten und mehrere Male tief aufathmen, al» ob drinnen eine unreine Luft auf ihr gelastet hätte.

Armer Vater," dachte ste seufzend,ich fürchte, daß Dir mit diesem Neffen noch schwere Kämpfe bevorstehen; und woher nimmst Du die Gewißheit, daß er auch wirklich der Sohn Deines Bruders ist?"

Ein plötzlicher Gedanke ließ sie jetzt rasch ins Haus treten und nach einem breiten Corridor eilen, welcher die Ahnen - Gallerte genannt wurde, weil die der Fensterseite gegenüber befindliche hohe Längswand mit lebensgroßen Bildern der Alting'schen Vorfahren bis auf den vorletzten ;

Baron und seine Gemahlin bedeckt war. Seltsamerweise >

war nur noch ein Platz frei, welchen Baron Justus für fich selber als den letzten des alten, vornehmen Geschlechts, be­stimmt hatte.

Man sieht daraus," pflegte er wohl scherzend zu sagen, daß ich von vorherein zur Ehelosigkeit verurtheilt gewesen bin, weil für meine Frau kein Raum mehr vorhanden war."

Das Herrenhaus oder Schloß, wie es stets genannt wurde, machte den Eindruck einer alten feudalen Burg. Die von zwei Setten emporlaufende breite Freitreppe war mit steinernen Balustraden geschmückt, welche oben von hohen Gewächsen flankirt waren. Ueber der breiten eichenen Thür erhob sich das steinerne Wappen der Herren Alting: ein Ritterhelm mit offenem Visir über zwei gekreuzten Schwertern. Rechts bildete ein umfangreicher runder Thurm, der an einen wohlgepflegten Park stieß, den Abschluß, während sich links die bereits erwähnte Veranda bis zu einem Gewächshause hinzog. Letztere beiden waren von dem verstorbenen Vater des Barons auf Wunsch seiner Gemahlin angelegt worden, ebenso der große Rasenplatz vor dem Schlosse, der dem mittel» cflterlichen Gebäude das düstere Gepräge genommen hatte.

Ueber der Treppe mit dem Wappen befand sich iene Ahnen-Gallerte, die sich nach beiden Setten des ersten Stocks hin erstreckte, und von hier nach verschiedenen großen Geseu- schastsräumen hinführte, von denen der mittelste ein Saal war, der mit seinen kostbaren Gobelins, seinen Fahnen, Waffen, und Trophäen aller Art eher einem Ritter- sals- einem Ball- Saale glich. Und doch waren hier früher fröhliche Feste