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Falsches Spiel.
Roman von E. v. Linden.
(Fortsetzung.)
Der Frühstückstisch stand im Eßzimmer gedeckt, als der Jagdwagen vor der Schloßrampe hielt- Baron Justus stieg gemeffen die breite Freitreppe hinab und sah den jungen Mann, der mit einem Sprunge den Wagen verlaffen hatte, prüfend an, bevor er ihm die Hand reichte.
„Ich heiße Dich in meinem Hause willkommen, Hans Justus I" sprach er dann ebenso gemeffen, „folge mir! — Heinrich, besorge das Gepäck meines Neffen ins Thurmzimmer."
„Das also ist er," flüsterte Ellen, welche im Speisezimmer hinter einem Fenstervorhang stand und den Ankömmling mit klopfendem Herzen musterte.
Sie konnte stchs nicht verhehlen, daß er ein ungewöhnlich hübscher Mann war, dieser Neffe aus Amerika. Von hoher kräftiger Gestalt und lebenstrotzender Gesundheit, mit einem dunkelgelockten Apollokopf, schien er sich seines Sieges überall sicher zu sühlen, darauf deutete das spöttische Lächeln um die bärtigen Lippen, Ellen mußte bei seinem Anblick unwillkürlich an den Bittenden, wie der Vater hervorgehoben hatte, denken. Dieser junge Mann mit der stolzgebogenen Nase und dem verächtlich funkelnden Blick kam sicherlich nicht als Bittender in seines Oheims Haus, sondern als vollberechtigter Sohn und Erbe, darüber konnte bei ihr gar kein Zweifel obwalten. Sie fühlte ihre Ahnung, daß mit ihm das Unheil über die friedliche Schwelle von Altinghof getreten war, zur Gewißheit werden, da er ihr trotz seiner schönen Außenseite nur das Gefühl eines schaudernden Widerwillens einflößte.
Allerdings war seine Kleidung gerade nicht salonfähig, sein kleiner Koffer auch nicht danach aussah, noch andere Garderobestücke als höchstens Wäsche in stch zu bergen. Doch schien ihn dieser Mangel in seinem sicheren Auftreten durchaus nicht zu geniren, obwohl er am Ende einen anderen Empfang haben mochte. Ellen bemerkte noch das häßliche Lächeln, womit er dem voranschreitenden Onkel die Treppe hinauf ins Schloß folgte, und begab stch dann rasch an den Tisch, um hier noch etwas zu ordnen. Sie hörte, wie der Baron dem Diener befahl, den jungen Herrn nach seinem
Zimmer zu begleiten und dort zu seiner Verfügung zu bleiben und schrak zusammen, als die Thür geöffnet wurde.
Baron Justus trat ein. Er streckte ihr die Hand entgegen und fragte halblaut:
„Hast Du ihn gesehen?"
„Ja, er —6 — sie stockte.
„Nun, er ist doch ein hübscher Bursche," fuhr er ungeduldig fort, „so einer, deffen Anblick jedes Frauenherz entzücken muß. Du hast ihn hier vom Fenster aus nicht genau beobachten können," setzte er dann, sich besinnend hinzu, „warte also mit Deinem Urtheil. Soviel steht freilich fest, daß er ein starkes Selbstgefühl, und vvn Unterwürfigkeit keine Spur besitzt. Nun, dafür ist er ein Alting, den ich in diesem Punkte auch nicht anders haben möchte."
Ellen schwieg, wäre nur das fatale Lächeln nicht gewesen, doch mochte sie dem alten Herrn nichts davon sagen, um nicht von vornherein Mißtrauen zu säen.
Der Neffe hatte sich nicht lange bei seiner Toilette aufgehalten. Als der Diener, der ihn mit einer gewissen ängstlichen Neugierde beobachtete, sein Zimmer geöffnet hatte, bedeutete er demselben mit einer herrischen Kopsbewegung, stch zu entfernen und trat dann an eins der geöffneten Fenster, von wo aus man einen entzückenden Rundblick über die gesegnete Landschaft hatte. Doch schien der junge Mann keine Empfänglichkeit für die Schönheit derselben zu haben, sondern als echter Amerikaner nur den Ertrag der Felder und Wälder abzuschätzen, wie seine halblauten Worten bekundeten.
„Er zeigte keine besondere Freude bei meinem Anblick," murmelte er mit einem kurzen spöttischen Lachen, „calculire, daß Du Dich doch so wie so ein wenig in Deinem edlen Bruder getäuscht zu haben scheinst, meine Väterchen! Aber," setzte er, in dem geräumigen und sehr behaglichen Gemache nachdenklich auf« und abschreitend, laut hinzu, „ich bin Dir doch dankbar sür die vielen Beweise Deiner übergroßen Liebe für mich, Du warst immer gut mit mir."
Ein Ausdruck echter Trauer veredelte in diesem Augenblick sein spöttisches Gestcht. Der Gedanke an den tobten Vater, den er nach amerikanischer Art zwar stets burschikos behandelt, aber doch sehr lieb gehabt hatte, weil Vater und Sohn, als letzterer erwachsen war, wie zwei gute Kameraden mit einander verkehrt hatten, ergriff ihn plötzlich mit einer


