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Der Herbst nahte sich seinem Ende. Auf den Wegen tanzten große Haufen gelber Blätter im tollen Wirbel durcheinander. Hoch oben in der klaren, reinen Luft sammelten sich Schwärme vom Winde zusammengejagter Schwalben und beriethen über ihre bevorstehende Abreise.
Eines Tages waren Binta und die Zwillinge am Ufer eines lieblichen, dem Stry zufließenden Baches eifrig beschäftigt, eine Heerde störrischer Gänse mit langen Ruthen auf den Heimweg zu bringen. Aber weder das betäubende Geschrei noch die gebieterischen Geberden der Mädchen zwangen die geflügelten Empörer, die die Luft mit ihren näselnden Klagelauten und mit wüthendem Flügelschlagen erfüllten, zum Gehorsam.
Plötzlich bemerkte Blnia an einer Krümmung des Weges Hans, der mit der Flinte aus der Schulter und dem Hund neben sich daherkam. Bei ihrem Anblick beschleunigte er seine Schritte. Sein Gesicht war geröthet und seine Augen glänzten in ungewohnter Weise. Noch niemals hatte ihn das junge Mädchen so gesehen.
„Ich habe eben den Befehl bekommen, mich morgen in Stry bei den Soldaten zu stellen," sagte er schnell.
Soldat! . . . Dies Wort traf sie gerade in's Herz. — Daran hatte sie noch nie gedacht. Soldat! Freilich, er mußte ja auch daran wie alle Anderen. Sonderbar, wie ihr schwindelte, wie ihre Hände zitterten und wie sie fühlte, daß sie blaß wurde! Dennoch hatte sie die Kraft, sich aufrecht zu erhalten und mit möglichst gleichgiltiger Stimme zu fragen: „Soldat — auf lange Zeit?"
„Auf drei Jahre."
„Und während dieser ganzen Zeit werden wir Sie nicht sehen. Aber Sie sreuen sich wohl, nicht wahr?"
„Gott ja, er muß ja auch sein. Und dann ist es etwas Neues. Man bekommt andere Länder zu sehen und lernt bisher unbekannte Dinge kennen."
„Und Sie kommen nicht ein einziger Mal dazwischen wieder?"
„D ja, das kommt darauf an, wohin ich geschickt werde, vielleicht nach Lemberg oder Krakau . . - aber freilich, wenn ich nach Triest oder nach Böhmen käme, würde es wohl unmöglich fein!"
„Ja, das wäre zu weit," flüsterte sie mit ergebenem Lächeln.
„Werden Sie ein bischen an mich denken, Panna Binia, wenn ich fort bin?" fragte er.
In diesem Augenblick erschien auf der weißen, vor ihnen liegenden Landstraße eine wohlbekannte Britschka, mit einem kleinen Pferde bespannt.
„Das ist Papa," sagte Binia, ohne auf seine Frage zu antworten, und Schreck und Angst malten sich auf ihren
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Unwillkürlich entfernten sie sich von einander wie zwei auf frischer That ertappte Verbrecher.
„Auf Wiedersehen!" flüsterte Janek und bewegte die Hand zum Gruße.
„Leben Sie wohl!" antwortete sie niedergeschlagen und entfernte sich eilig mit den Kindern, die wieder dabei waren, die Gänse zu jagen.
Des Abends beim Eflen fing der Vater an, die beiden Zwillinge auszufragen.
„Ihr wart heute Nachmittag auf der Chaussee?"
„Ja, Papa."
„Mit Binia?"
„Mit Binia."
„Und wer sprach noch mit Euch?"
„D, das war Freund Janek, der Förster."
„Wie, Freund Janek? Ihr kennt ihn?"
„Ja, sehr gut; er hat «ns oft Pfeife« geschnitten schöne Haselnüsse gegeben."
„Und wo pflegt Ihr ihn denn zu treffen?"
„Ach, überall, im Walde, am Bach, auf den Wegen. Ist sy nett; aber er geht fort, er wird Soldat."
.Ja," sagte die Größere der Zwillinge, „er geht
drei Jahre fort, weit fort, und Binia hat sogar ein wenig geweint vorhin, als ste es hörte."
„Das ist nicht wahr," sagte die Andere, „ste hat nicht geweint."
„Ja, ich habe es wohl gesehen; aber ste drehte immer so den Kopf um, damit man es nicht bemerken sollte."
„Binia hat nicht geweint," beharrte die Kleinere, „Olena ist eine Lügnerin."
„Ja, Du lügst, Du Unart . .
Dem aurbrechenden Streit machte der Vater schnell ein Ende, indem er Beide am Arm faßte und zur Thür hinauswarf. Dann wandte er stch an Binia, die blaß, mit gesenktem Kopfe ihm gegenüber saß.
„Nun, willst Du mir sagen, was dies Alles bedeutet?"
Die übrige Familie hatte sich voller Neugier genähert, um die Scene besser genießen zu können.
„Vor allen Dingen," sagte der Priester barsch, „steh' auf und komm' her! So hält man stch nicht vor seinem Vater."
„Also Du kennst diesen Janek?"
„Ja. . ."
„Du weißt doch, daß er ein Taugenichts ist, der vor einigen Jahren hierher kam und Deinen eigenen Vater beschimpfte, und der dann zur Thür hinausgeworfen wurde wie ein Hund."
Binia antwortete nicht; aber ste bebte am ganzen Körper. Wie konnte ihr Vater es wagen, an jenen peinlichen Auftritt zu erinnern!
„Weißt Du nicht, daß er aus einer Familie von Bettlern stammt, daß fein Vater ein elender Bergmann war, der Gott weiß woher kam, ohne Papiere, ohne Heirathrbescheini- gung, und daß er, der schöne Janek, nicht einmal einen Namen hat?"
„Ja, ich weiß es."
„Und das hat Dich nicht gehindert, ihm Rendez-vous zu geben?"
Binia richtete sich feuerroth empor.
„Nein, Vater, das habe ich nicht gethan," sagte sie. „Jedesmal, wenn ich ihn getroffen habe, war es durch Zufall. Uebrigens," fügte sie leiser hinzu, „wäre ich ohne ihn damals vielleicht ertrunken — Du weißt ja, Vater."
Der Pope faßte ste heftig an der Schulter.
„Ertrunken, das wäre besser gewesen, als Deine Familie zu entehren," schrie er mit Donnerstimme.
„Na, na, Thymoftäus," versuchte die Popadia dazwischen zu treten.
«Ja, ganz gewiß," rief er, immer wüthender werbend; „das also ist der Dank für alle Mühe und Sorge, mit der ich Dich erzogen habe."
Binia stand leichenblaß, mit zusammengepreßten Lippen und starren Augen, unbeweglich vor ihm.
„Höre, Du wirst mir etwas versprechen, mir schwören, niemals wieder mit diesem Taugenichts zu reden und wenn Du ihm begegnest, ihm den Rücken zu drehen, damit er genau weiß, daß Du Dir nichts aus ihm machst. Versprich es mir, Du wirst Dich also nicht mehr mit ihm einlaffen."
Sie stotterte ein schmerzliches „Rein". Alles Blut war aus ihrem Gestcht gewichen.
„Es ist gut. Nun geh', wohin Du willst," sagte er, sie rauh fortstoßend.
Sie wankte hinaus, ihre Schwestern ihr nach.
Als er mit feiner Frau allein war, redete der Priester heftig auf ste ein.
„Du kannst Dich rühmen, Deine Töchter gut erzogen zu haben, Diotyma. Diese Duckmäuserin! Wer hätte das von ihr erwarten können! Diesem Menschen Rendez-vous zu geben!"
Aber die Popadia sagte mit entrüstetem Tone: „Du wirst das Märchen doch nicht weiter behaupten wollen? Ich stehe für Binia ein; ste ist jeder Jntrigue unfähig. Du mit Deiner albernen Scene setzest ihr allerhand Gedanken in den Kopf. Ich kenne keinen Menschen, der um nichts so in Zorn geräth wie Du- Und selbst wenn ste den Burschen getroffen


