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tollkii hn geworden, Alles aufs Spiel setzte, um — zum Bettler zu werden.
Langsam, fast traumhaft zogen die Tage an Doras Seele vorüber. Es war fast ein Glück zu nennen, daß die Pfleae des Gatten sie vollständig in Anspruch nahm — in der Sorge um bas Heute vergaß sie das Gestern und Morgen. Die Schußwunde in der Brust war nicht eigentlich gefährlich, weil das Herz verschont geblieben war. So hoffte Dora wieder, nachdem ihr der Thatbestand mitgethellt war, mit aller Kraft ihres treuen, liebesstarken Herzens. Und auch in Mülverstedt begann sich ein neuer Lsbenstrieb zu regen, nachdem ihn die Verzweiflung verlassen hatte, und Dora als Engel an seiner Seite weilte. Dann wehte es ihn an wie Frieden. Aber es kamen auch böse Zeiten, in denen Mülverstedt, seinen Ruin erkennend, sich vermaß, das zerstörte Leben dennoch zu enden, koste es was es wolle.
Um den Selbstmordversuch todtzuschweigen und nicht eine Beute der neuigkeit-hungrigen Zeitungsreporter werden zu lasten, hatte die Spielbankverwaltung im Auftrage Mr. Le- blanc's, des Generalpächters, Dora eine namhafte Unterstützung zur Verfügung gestellt und auch weitere Hilfe versprochen, falls die Frau Baronin mit dem Gatten nach der Heimath zurückkehren wolle.
Innerlich widerstrebend, aber durch die Verhältniffs energisch gezwungen, hatte Dora die augenblickliche Hilfe angenommen. Ja, sie hätte vermuthlich auch die Reiseunter- stützung nicht von der Hand gewiesen, weil ihr ein lamentaler Brief Thereses eine bedeutende Verschlimmerung im Befinden des Vaters meldete, die sogar eine Katastrophe erwarten laste. Aber Mülverstedt widerstrebte entschieden einer Rückkehr nach Deutschland.
In Mülverstedt — wenn man sich wirklich zu einem Aufenthalt daselbst entschlosten hätte — erwarteten den Besitzer vielerlei Unannehmlichkeiten. Denn das seit einer Reihe von Jahren stark vernachlässigte Gut war allmählich mit Hypotheken überlastet worden, und eine Zwangsversteigerung stand vor der Thüre. Und an ein Leben in einer deutschen Großstadt, irt welcher man unbekannt war, aber mit dem Strome schwimmen konnte, war aus finanziellen Gründen nicht zu denken, selbst wenn die Reise und Eingewöhnung durch Mülverstedt glücklich überstanden war. So blieb man — obgleich die Sorgen für Dora riesengroß heranwuchsen.
Denn leider stellte fich mit Bestimmtheit heraus, daß die Lunge durch den Schuß gestreift war und nach Ausspruch des Arztes schweres, langes Siechthum unvermeidlich blieb. Und nur zu schnell mußte Dora den Zustand des Gatten selbst als lebenbedrohend erkennen.
Da, in neuer Verzweiflung, traf sie ein Brief aus München. Der Schreiber war Maler Wahlländer, der bald nach Mülverstedts Selbstmordversuch dorthin zurückgekehrt war. Doras Bild hatte er mit sich genommen, da es von dem Gatten, der es bestellt, unverlangt geblieben war. Unter dem Titel „Das Bild der Rose" schmückte es die Räume der Kunstausstellung und ward viel bewundert.
Der Brief, der Dora drückender, augenblicklicher Sorge überhob, lautete:
„Gnädige Frau!
Gestatten Sie einem alten Freunde, sich in Erinnerung zu bringen und verzeihen Sie ihm, wenn er wohlmeinend, aber vielleicht etwas vorschnell für Sie handelte. Ihr Portrait, zu dem ich eine mehr genrebildliche Auffassung wählte, schmückt seit einigen Wochen die Kunstausstellungsräume. Ich brachte es nicht über's Herz, seinen Liebreiz zu verbergen. Unter den Bewunderern, die es schnell um sich versammelte, befand sich auch ein junger, auf einer Reise nach dem Süden begriffener Professor, Doctor Hertel aus L. Er versicherte mir sofort, das Original zu kennen und benahmen mir in der That seine Worte jeglichen Zweifel, daß er ein früherer Bekannter von Ihnen sei. Seinem wiederholten Drängen nachgebend, überließ ich ihm käuflich das Portrait, nachdem ich heimlich eine Copie für mich felbst genommen hatte. Habe ich Unrecht gethan?
Ich hoffe nicht, obgleich ich weiß, daß Sie Marchese Picct das Portrait beharrlich verweigerten. Nachdem ich aber das Interesse gesehen hatte, mit welchem er es täglich betrachtete, bin ich überzeugt, daß er das Bild wie einen Schatz hüten wird. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, daß ich Ihnen den Gelderlös übersende, indem Sie mir erlauben, mir für mich selbst an der Erinnerung unseres einstigen Freundschaftsverkehrs genügen zu lassen.
Ihr Wahlländer."
„Edler Mann!" rief Dora aus, indem ihr die Thränen aus den Augen stürzten. Denn ihr Herz war durch die Masse der Eindrücke wie ein vollgefülltes Gefäß, das schon dis leiseste Berührung überflteßen läßt. „Ich verstehe Dich und Deine Großmuth. Und mein alter, heimlicher Verehrer, der trotz aller Gelehrsamkeit so ein freundliches, kluges, warmes Herz besitzt, nein, er ist kein Marchese Picci. Er mag das Bild behalten."
♦ * ♦
Es war Anfang October und Weinlese. Schwer und purpurn hingen die gereiften Trauben an den Rebstöcken, zwischen deren fich täglich vergrößernden Blattlichtungen die einerntende Winzerschaar sich hin und her bewegte. Terrasse um Terrasse begann sich zu leeren; hochgewachsene, mit südlicher Farbenfreudigkeit gekleidete oder fast unverhüllte Frauen- und Mädchengestalten beförderten die Traubenfülle hinab zur Kelter, so stolz und aufrecht, als ob sie anstatt des Kübels eine Königskrone auf dem Kopfe trügen. Abends aber faß man beieinander, malerischer als es der Pinsel des Künstlers wiedergeben könnte, oder drehte sich im Tanz, zu dem die Sternenlichter leuchteten.
Gesang, halb weinlesesroh, halb herbstlich traurig, schallte zur obersten Terrasse herauf, auf der dar Haus des nach Genua ausgewanderten Weingärtners gelegen war, in dem Mülverstedt und Dora feit Monaten Unterkunft gefunden hatten. Mülverstedts Befinden ließ keine Hoffnung mehr zu, mit dumpfer Ruhe sah Dora der Katastrophe entgegen.
Auf einem improvistrten, aber bequemen und sauberen Lager ausgestreckt, das vor dem Häuschen aufgestellt war, verbrachte Mülverstedt die Tage. Dora verließ ihn keinen Augenblick mehr. Mochte der Becher des Liebesglücks, das ihr Mülvststedt gereicht hatte, ungezählte bittere Tropfen enthalten haben — jetzt, wo er ihr von den Lippen genommen wurde, empfand sie nur dessen Süßigkeit.
„Die letzte Bitte — wirst Du sie mir erfüllen?" frug Mülverstedt mit Anstrengung.
„Alles, Geliebter."
„Wenn Du zurückkehrst nach Deutschland, Du wirst es? - Nicht?"
„Doch, Arthur "
„Armes Kind, Du triffst Niemand mehr — auch Deinen Vater nicht. Aber glaube mir, es ist mir schwer geworden, Dich hier festzuhalten . .
„Ich würde niemals gegangen fein, Dich niemals verlassen haben. Auch hat er mich kaum entbehrt, so hoffe ich wenigstens. Therese hat ihm die Augen zugedrückt."
„Nimm mich mit Dir, wenn Du zurückkehrst! Ich will in Mülverstedt begraben sein. Dorthin sollst Du mich bringen!"
„Nach — Mülverstedt?" frug Dora mit geheimem Schreck.
„Wülpern ist auf der Hochzeitsreise, wie ich zufällig durch den Inspektor hörte. Närrchen, was ist's auch weiter, selbst wenn Du ihn sehen solltest!" schloß Mülverstedt mit seiner gewöhnlichen Rücksichtslosigkeit. „Freilich wird das Stamm- gut nicht zu halten sein. Der Erbonkel mußte seine Sache besser machen und mindestens auch eine halbe Million Mark dazu legen — zu dem Famtlienbesitz nämlich. Aber ich möchte wenigstens dort begraben sein als Letzter meines Stammes. Versprichst Du es mir?"
Ein stummer Händedruck und eine große, herabfallende Thräne waren Doras Antwort.
(Schluß folgt.)


