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Dabei hatte er wirklich die Flinte erhoben, als ob er sie auf den wehrlos Daliegenden abdrücken wollte. Fred aber verrieth weder Schrecken noch Angst; der Gedanke an einen raschen Tod hatte für ihn nichts Grausige» mehr.
«Wenn Ihr es vor Eurem und meinem Richter veränt- warten könnt," sagte er leise und ruhig, „so thut, was Euch gefällt."
Vielleicht war es feine gelaffene Ergebung, die einen so tiefen Eindruck auf den fürchterlichen Menschen hervorgebracht. Jedenfalls setzte er die Flinte wieder ab und der Blick seiner eben noch so ruhelosen Augen wurde eigenthümlich starr.
„Kommt Ihr mir auch mit Eurem Gott I" murmelte er. „Euer Richter und meiner? — Wißt Ihr das so gewiß?"
„So gewiß, als ich jene Eiche dort vor mir sehe — und so gewiß er es war, der sie wachsen ließ."
Mit drei langen Sätzen war der Mensch an seiner Seite.
„Was sagt Ihr von der Eiche? — Was wollt Ihr mit dem Patriarchen?"
„Mit dem Patriarchen? — Ich verstehe Euch nicht, Mann! Ich weiß nicht, was Ihr meint. Aber wenn Ihr mir an das Leben wollt, so macht es kurz — ich bitte Euch von Herzen."
Der Andere hatte diese letzten Worte offenbar gar nicht gehört.
„Wenn Ihr nichts von dem Patriarchen wißt, weshalb müßt Ihr von ihm reden? Laßt ihn aus dem Spiel, rathe ich Euch — und hütet Euch, einen Fuß unter den Baum zu setzen. Könnte leicht Euer letzter Schritt gewesen sein hier auf dieser Erde. Ist ein Gespenst darunter, ein verdammtes Gespenst. Geht ihm wahrhaftig besser aus dem Wege."
Fred erwiderte nichts. Was hätte er denn auch ant« warten sollen auf diese wirren, sinnlosen Reden, von denen er nicht das Mindeste begriff!
Der Mensch ging ein paar Schritte von ihm hinweg; dann kehrte er zögernd zurück.
„Schaut Herl Seht Ihr mir nicht» an?" fragte er mit kaum vernehmlichem Gemurmel.
«Was sollte ich Euch denn ansehen?"
«Oho, so fragt man die Leute au». Schaut mich an, sage ich. Recht fest und lange. Und dann sagt mir auf Ehre und Gewissen, ob Ihr nichts seht."
„Rein — ich sehe nichts."
Der Mann athmets schwer.
„Seid vielleicht nicht in der Spionierlaune — will'» wohl glauben, wenn man öiy Tage nichts über die Zunge gebracht hat. — Weiß, wie es thut! Habe feit achtundvierzig Stunden auch nichts genossen, obschon ich's hätte haben können. Aber ich kann nicht — kann nicht — kann nicht! Ist das verdammte Gespenst, das mich an der Kehle würgt, wenn ich — aber sagt mir doch, Mann, habt Ihr nicht vielleicht ein Stückchen Tabak bei Euch, das Ihr zur Roth entbehren könntet?"
«Ich kaue nicht und Alles, was ich habe, sind ein paar Cigarren. Aber wenn Ihr das nehmen wollt — es ist eine sehr geringe Erkenntlichkeit, die ich Euch damit erweise."
Er bot dem Andern die noch halb gefüllte Cigarrenbüchse dar und hastig griff Jener hinein, um sich sofort eine der Havannas anzuzünden.
„Dank' Euch, Herr!" sagte er, ein paar dicke Rauchwolken von sich blasend. „Wäre gut gewesen, wenn ich das Kraut vor drei Tagen gehabt hätte — gut für mich und gut auch für noch Einen. Danke Euch nochmals, junger Mann oder alter Mann. Kann's Such wahrhaftig nicht ansehen, was von beiden Ihr seid. Wie viel Jahre habt Ihr denn eigentlich — wie?"
„Vierundzwanzig."
Er schüttelte den Kopf.
„Könnten auch sechzig sein nach Eurem Gesicht, Aber vier Tage in der Prairie, ohne zu essen und zu trinken. — Will's wohl glauben — will'» wohl glauben! Und nun möchtet Ihr in ein Wirthshau», caleulire ich — möchtet etwas ge
nießen. Will Euch dahin bringen — will verdammt sein, wenn ich er nicht thus."
„Ich aber werde Euch al« meinem Lebensretter ewig dankbar sein."
„Haha — Lebensretter!" lachte er wild. „Möchte Euch dis Lust vergehen, mir zu danken, 'wenn Ihr wüßtet. — Aber nichts weiter davon. Ja, ich will Euch das Leben retten — ich will! Eilt Euch, daß Ihr in den Sattel kommt, Mann! Haben immerhin noch eine Stunde zu reiten."
„Ach, ich kann nicht einmal aufstehen!"
„So nehmt noch einen Schluck — so! — Und nun laßt Euch ein wenig helfen."
Er hob den jungen Mann, dessen abgemagerter Körper für seine sehnigen Arme sicherlich keine nennenswerthe Last darstellte, gleich einem Kinde empor und setzte ihn in den Sattel. Dann band er ihn mit dem Lasso fest und schwang sich auf seinen Mustang.
Während sie von dem Flusse hinweg in die Prairie hinein ritten, wandte er seinen struppigen Kopf unzählige Mal nach dem riesenhaften Lebenseichenbaum zurück, zuweilen dis drohend geballte Faust gegen ihn schüttelnd und fortwährend allerlei unverständliche Worte in seinen verwilderten Bart murmelnd.
Erst al» eine der Sykomoren-Jnseln sich zwischen ihn und den Gegenstand seiner unheimlichen Aufregung schob, schien er etwas ruhiger zu werden.
„Wo war denn der Anthony, Mister Burnet» Jäger?" fragte er plötzlich. «Warum hat er Euch nicht gesucht?"
„Er war mit einem Fremden nach San Felippe de Austin geritten — mit einem Manne, der vom Obersten Austin Land kaufen wollte, um sich hier anzusiedeln."
Es war gewiß nicht» in dieser Auskunft, da» ihn hätte zornig machen können und doch riß Freds Begleiter so heftig an den Zügeln seines Mustang, daß das erschrockene Thier sich ausbäumte.
„Mit einem Fremden sagt Ihr? — Mit einem Manne, der Land kaufen wollte, um sich hier anzusiedeln? — Weshalb seht Ihr Euch um? Warum sucht Ihr schon wieder den Patriarchen mit den Augen? War habt Ihr Euch um den Patriarchen zu kümmern? Was, frage ich, war?"
Fred versicherte der Wahrheit gemäß, daß er schon längst nicht mehr an den Patriarchen gedacht habe; aber er sehnte in der Stille des Herzens mit Inbrunst den Augenblick herbei, der ihn von diesem entsetzlichen Begleiter befreien würde. Der Mann verfiel jetzt in ein dumpfes, schweigendes Brüten und so ritten sie fast eine Stunde, bis eine rohe Einfriedigung, die vor ihnen auftauchte, die Nähe der verheißenen Herberge verrieth. Noch ein paar lang hingestreckte Pataten- und Welschkornfelder mußten sie passiren, dann lag, nachdem sie ein kleine» Gehölz von Pfirsichbäumen umritten hatten, da« rohgezimmerte Blockhaus vor ihren Blicken.
„Ich kann nicht mehr," stöhnte Fred, von einer neuen Ohnmachtsanwandlung befallen. „Er ist zu spät — ich muß sterben."
„Pah — sterben — sterben! — Es stirbt sich nicht so leicht, — und doch — verdammt — hier könnte e« Wahrheit werden."
Er sprang aus dem Sattel, fing den Sinkenden auf und trug ihn, nachdem er der größeren Schnelligkeit halber den Riemen mit seinem langen Waidmesser durchschnitten hatte, auf seinen Armen in da« Haus.
VI.
Ein Wirthshaus von jener Art, wie man sie in eivilisir- ten Ländern antrifft, war das nun freilich nicht. Der Besitzer hatte sich'« ziemlich leicht gemacht mit der Herstellung und der inneren Ausstattung des Gebäudes.
Rohe, unbehauene Baumstämme inne« und außen; in der Mitte eine Wand, welche die Küche von der Stube trennte; der Fußboden glatt gestampfte Prairie-Erde, aus der hier und da große Büschel Grases heranwuchsen.
Das war Alles, was an architectonischen Künsten auf. geboten worden war. Die Fensteröffnungen waren selbst.


