UntechaltmtSsbLM MM Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Schwester Ilse.
Roman von Clarissa Lohde.
(Fortsetzung.)
XXIII.
In der Wohnung der Geheimräthin von Willrich herrschte ein ganz ungewöhnlich lebhaftes Treiben. Das Dienstmädchen machte die Parketböden blank, wischte und stäubte mit rieseln« dem Schweiß auf der Stirn. Die Geheimräthin selbst steckte frische Gardinen an die Fenster, während Käthe und Elly eben dabei waren, die Tafel zu decken und mit Blumen zu schmücken.
„O Mama, Mama," rief Elly. die eben einen Strauß prachtvoller Rosen, die ersten des Frühlings, in eine kunstvolle Majolikavase geordnet hatte und nun zurücktretend ihr Werk betrachtete, „fleht es nicht herrlich aus? Gelt, so schöne Rosen haben noch nie in dieser Vase gestanden!"
„Für Dich find es natürlich die schönsten," meinte die Geheimräthin mit etwa» wehmüthigem Lächeln, „da sie ein Geschenk Deines Verlobten sind —*
„Meines Verlobten! Käthe, hörst Du, wie hübsch das klingt? Die Verlobte des Consuls Alfred Schimmer. Ach, Braut fein, geliebt werden, giebt es denn etwas Köstlicheres auk Erden? Mach' es mir nach, Käthe, ich bitte Dich. Ich dachte immer, wir würden heute zwei Verlobungen hier feiern können, und wenn es nicht so ist, trägst Du jedenfalls die Schuld daran. Denn daß Axel Dich liebt, daran zweifelst Du doch selbst nicht; aber darf er es wagen, Dir feine Hand anzubseten, da Du immer so sehr gegen das Heirathen sprichst und Deine erlangte Selbständigkeit als Künstlerin nicht genug zu preisen weißt?"
Käthe schüttelte ungeduldig den Kopf; sie sah etwas bleicher und schmaler aus als das Jahr vorher, und die Linien nm ihren Mund waren um ein Weniges herber ge« worden.
„Wenn heute nicht Dein Ehrentag wäre, Elly, an dem man Dir Vieles nachsehen muß, könnte ich wirklich ernstlich wieder mit Dir grollen. Warum sollen denn alle Menschen
nach Deiner Art glücklich werden? Jeder gestaltet sich sein Schicksal selbst und wie es für ihn paßt."
„ Die Gefährtin eines Mannes zu werden, das paßt doch wohl für jedes weibliche Wesen, denn es ist unser Zweck und Beruf auf Erden, und ich meine, Du beraubst Dich selbst des höchsten Glanzes des Lebens, wenn Du der Erfüllung dieses Berufes entsagst."
Dabei trällerte sie fröhlich vor sich hin:
„Lieben und geliebt zu werden, Ist das höchste Glück auf Erden."
„Still, Elly, still," mahnte die Mutter. „Du weißt doch, daß Käthe das nicht gern hört, willst Du ihr den Abend verderben? Axel und Käthe sind doch alt genug, um allein zu wissen, was sie zu thun haben. Wenn sie sich nicht heirathen, werden sie wohl ihre Gründe dazu haben."
In demselben Augenblick schlug die Glocke im Corridor an, rasche Schritte, Säbelklirren erklangen und gleich darauf stürmte ein junger Offizier in's Zimmer, erst Elly, dann dis Geheimräthin und zuletzt auch Käthe umarmend.
Es war Ellys Bruder, der aus seiner Garnison zu diesem festlichen Tage hrrübergekommen war, ihn mit den Seinen zu feiern.
„Nun, da seid Ihr ja Alle in der besten Beschäftigung!" rief er. „Und Du, Elly," — er legte seine Hand unter ihr Kinn und sah ihr lachend in die Augen — „eine Braut! Wer hätte das gedacht! Ich glaubte wirklich, Du würdest eine alte Jungfer, solch' hohläugige Gesanglehrerin werden, die in jeder Gesellschaft am Flügel steht, ihre Kunst zu produciren, damit sie Schülerinnen sich ersingt. Und nun feierst Du heute Verlobung und nach drei Monaten Hochzeit und willst dann fort in die weite Welt gehen?"
Die Geheimräthin seufzte.
„Das ist der Tropfen Wermuth in dem Kelch unseres Glückes, daß Elly so weit sortgeht, nach Porto Allegre."
„Aber das ist ja gerade reizend, Mama," widersprach Elly, „und wir werden ja nicht immer da bleiben, da» meint Axel auch —"
„Dieser Axel," rief der Lieutenant, «was nicht au» dem Menschen Alle» werden kann! Man gratultrte mir schon in dem Regiment zu dem einflußreichen Vetter, welcher ja persona gratissima beim Minister sein soll."


