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begann. Als matt die treue Gefährtin feines Lebens hinaus« trug zum letzten Schlummer, da hatte er nichts so bitter be« klagt, als daß es ihr nicht mehr vergönnt sein sollte, die glorreiche Zeit seiner glänzenden Triumphe zu erleben, und wenn er des Abends mit seiner qualmenden Meerschaumpfeife in der Sopharcke saß, während Margarethens schlanke Finger den Tisch sür das einfache Nachtmahl herrichteten, pflegte er mit greisenhafter Stimme und jugendlichem Feuer von den Erfolgen zu sprechen, die sich nun ganz gewiß in allernächster Zukunft einstellen mußten.
Seine Bilder aber wanderten unterdessen von einer Ausstellung in die andere, bis sie endlich nach langer Irrfahrt in den Ausgangshafen, das Atelier ihres Schöpfers, zurückkehrte«. Hier und da nur, wenn die harten Anforde« rungen des Daseins sich gar zu gebieterisch geltend machten, verschwand eines von ihnen in dem Magazin irgend eines zweifelhaften Kunsthändlers, bei dessen geschäftlichen Calcu- lationen der Hunger unberühmter Künstler einen der wesentlichsten Factoren ausmacht, und die Tage, an denen solches geschah, waren die einzig wirklich düsteren in dem Leben des alten Malers. Er pflegte nicht davon zu sprechen, wenn er einen derartigen Handel abgeschlossen hatte; Margarethe aber las es ihm vom Gestcht, und niemals war sie voll zärtlicherer Aufmerksamkeit für den Vater als an diesen seinen schwarzen Tagen. Länger als vierundzwanzig Stunden hielt denn auch feine Niedergeschlagenheit selten an, und wenn er am folgenden Abend behaglich rauchend auf seinem Lteblingsplätzchen saß, konnte er von dem Plan zu einem neuen Werke mit solcher Begeisterung reden, wie wenn ihn ein eben errungener gewaltiger Erfolg dazu angestachelt hätte.
Aber das Alles war ja nun vorbei — auf ewig vorbei.
Das alte Sopha und die steiflehnigen Rohrstühle standen wohl noch auf ihren Plätzen und die ausdauernde Schwarzwälder Uhr tickte in schläfrigem Gleichmaß wie seit dreißig Jahren. Auch die dunkel angerauchte Meerschaumpfsife hing an der gewohnten Stelle und ihre silbernen Beschläge blinkten im frostigen Schein der Februarsonne- Meister Arnholdt aber kam nicht mehr, sie mit liebevoller Behutsamkeit herabzunehmen, und die bläulichen Rauchwolken, die er ihr entlockt, zu phantastischen Luftschlössern zu gestalten. Die Thür zu seinem Atelier blieb beharrlich geschloffen; denn er lag seit einem halben Jahre neben der voraufgegangenen Gefährtin seiner Jugend draußen in der kühlen Erde, und seine Enttäuschungen wie seine Hoffnungen, sie waren mit ihm begraben.
Im einfachen schwarz»» Trauerkleide saß Margarethe am Tische, mit einer kunstlosen Näherei beschäftigt. Sie hatte sich sehr verändert in diesen schicksalsschweren neun Monaten, die seit dem Künstlersest im Stadtpark und seit der Aufhebung ihres Verlöbnifles mit Werner Eggestorf vergangen waren. Ihr Teint war minder frisch und rosig als damals, ihre Wangen schienen schmaler und ihr Augen größer geworden. Ihre ganze Erscheinung hatte etwas Reifes und Frauenhaftes gewonnen und von der naiven Kindlichkeit jene: Tage war nichts mehr in ihren Zügen. Der sanfte Liebreiz ihrer Person aber hatte dabei nichts eingebüßt, ja, sie war heute trotz des schlichten dunklen Gewandes vielleicht schöner als in dem bunten Maskencostüm des für sie so unglücklich verlaufenen Frühlingsfestes.
Draußen auf der altersmorschen, knarrenden Stiege wurde ein Schritt vernehmlich. Margarethe horchte erwartungsvoll auf, sogleich aber senkte sie mit einem kleinen Stirnrunzeln der Enttäuschung das Köpfchen wieder auf ihre Arbeit. Nein, so schwer und langsam war sein Schritt nicht. Der, auf deffen Erscheinen sie in verschwiegenem Herzen seit Stunden hoffte, konnte das nimmer sein.
Nun schlug die Wohnungszlocke an, und da sie die Auf- Wärterin sortgeschickt hatte, mußte sie selber hingehen zu öffnen. Da sah sie im Halbdunkel des Treppenflurs mit freudigem Erstaunen, daß es dennoch der Erwartete war, der da vor ihr stand.
„Grüß Gott, Fräulein Margarethe! — Ich störe doch
nicht? Nur auf einen Sprung wollte ich herauf kommest, weil ich gute Neuigkeiten für Sie habe."
„Wie können Sie von Störung sprechen, Herr Eggestorf Seitdem alle Welt mich vergeffen hat, ist jeder Besuch zu einem festlichen Ereigntß für mich geworden."
Sie hatte ihn in das Wohnzimmer genöthigt, und nun erst konnte sie ihm ordentlich ins Gesicht sehen. Aber sie erschrak vor seinem Anblick so sehr, daß sie außer Stande war, ihm ihre Mstürzung zu verbergen.
„Mein Gott, wie bleich und angegriffen Sie aussehen! - Sie find doch nicht krank?"
Hermann Eggestorf lächelte und machte eine verneinende Geste; aber er fuhr dabei doch unwillkürlich mit der Hand über die Stirn.
„Nicht im Geringsten. Etwas Usberarbeitung vielleicht — Sie wissen ja, die Denkmalsconcurrenz macht mir zu schaffen — und allenfalls ein bischen Kopfschmerz. Aber das hat nichts zu bedeuten."
W Sein ohne dies hageres Antlitz erschien in der That beunruhigend fahl und verfallen. In wie leichtem Tone er auch auf ihre besorgte Frage geantwortet hatte, es war ihm doch nicht gelungen, Margarethens Beforgniß ganz zu zerstreuen.
„So erlauben Sie mir wenigstens, Ihnen eine Tafle starken Kaffee zu bereiten. Es war meines armen Vaters Universalheilmittel gegen derartige Zufälle, und ich Habs hier Alle; bei der Hand."
Es half ihm nichts, daß er bescheidenen Einspruch erhob, und er mußt« auch, trotz seines Sträuben», in der Sophaecke Platz nehmen, darin Meister Arnholdt dreißig Jahre lang von seinen künftigen Erfolgen geträumt hatte.. Unverwandt, wenn auch mit merkwürdig verschleiertem Blick, sah er von da aus den graziösen Hantirungen Margarethens zu.
„Aber sind Sie denn gar nicht neugierig, meine Neuigkeiten zu erfahren?" fragte er nach einer Weile- „Ich will doch sehen, ob Sie scharfsinnig genug sind, sie zu errathen."
„Eine gute Neuigkeit, Herr Eggestorf?"
„Ich denke wohl, daß man sie so nennen kann. Und ich werde Ihnen ein bischen helfen, indem ich verrathe, daß ich geradewegs von dem Kunsthändler Becker komme."
„Wie? — Er hat doch nicht schon wieder eins von meines Vaters nachgelassenen Bildern verkauft?"
„Richtig getroffen. — Die verfallene Mühle im Walde, und natürlich abermals an einen Amerikaner. Der Kaufpreis ist allerdings nicht sehr hoch — nur tausend Mark. Aber bei den heutigen Verhältnissen —"
Freudig betroffen hatte Margarethe in ihrer Beschäftigung inne gehalten.
„Tausend Mark? Das ist ja ein Vermögen. O, mein armer, armer Vater, wenn er das doch hätte erleben können! Ich glaube, man hat ihm niemals solche Preise für seine Bilder gezahlt. Und in der kurzen Zeit, seit dem Beginn der Ausstellung, ist es nun schon der dritte Verkauf. — Warum nur ist es meinem Vater bei Lebzeiten nicht so gut geworden?"
„Sie kennen ja den alten Erfahrungssatz, Fräulein Margarethe, daß die Würdigung eines Künstlers zumeist erst anfängt, wenn er selber aufgehört hat, auf Erden zu wandeln. Es ist traurig, daß auch Ihr Vater dies Loos theilen mußte; aber wir wollen uns freuen, daß man jetzt wenigstens zu einem kleinen Theile gut macht, was man an ihm gefehlt."
Zaudernd und befangen, wie wenn er im Begriff sei, etwas Unrechtes zu thun, hEe er seinem Portefeuille einen ver» schloffenen Briefumschlag entnommen, den er jetzt auf den Tisch legte.
„Da mich der Kunsthändler nun einmal als Ihren Generalbevollmächtigten anfisht, hat er mir den Betrag für Sie eingehändigt. Sie haben wohl die Güte, sich von der Richtigkeit zu übergeugen."
(Fortsetzung folgt.)


