Ausgabe 
1.12.1896
 
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- Ssä -

wir doch niemals dahin gelangen werden, uns zn verstehen. Was sollen mir Deine schönen Tugendlehren frommen, nach« dem ich mit mir selber vollkommen im Reinen bin über da», war ich zu thun und zu lassen Habel Gebietet Dir Deine strenge Ehrenhaftigkeit, mich deshalb zu verachten wohl, so muß ich Deine Verachtung eben tragen."

Er schickte stch an zu gehen, sein Bruder aber vertrat ihm den Weg.

-34 lasse Dich nicht fort," rief er,denn ich werde nimmermehr zugeben, daß das reinste und edelste Geschöpf durch die elenden Künste einer gewissenlosen Kokette zeitlebens unglücklich werde. Ich verbiete Dir, sie wiederzusehen, denn mein Wort darauf! ich würde Dich, wenn es sein muß, mit Gewalt von ihrer Seite reißen."

Trotz des engen verwandtschaftlichen Verhältnisses, das zwischen ihnen bestand, mußte Werner seinen Bruder sehr schlecht gekannt haben, als er ihm vorhin die Fähigkeit leidenschaftlichen Empfindens abgesprochen. Wie er jetzt vor ihm stand, die Hände unwillkürlich zu Fäusten geballlt, mit zuckenden Gesichtsmuskeln und sprühenden Augen, offenbarte sich eine fast erschreckende Leidenschaftlichkeit in seinem Ge- bahren, und der Andere war er, der sich ungleich besser zu beherrschen verstand. Er versteckte den Zorn, der ohne Zweifel auch in ihm arbeitete, hinter eiskaltem Sarcasmus, indem er erwiderte:

Darauf könnten wir es immerhin ankommen lassen. Aber es setzt mich, offen gestanden, in Verwunderung, gerade bei Dir einen so hartnäckigen Widerstand gegen die Auf­lösung meines Verlöbnisses zu finden. Ich hoffte Dir durch diese unerwartete Verbesserung Deiner eigenen Chancen viel­mehr eine gewaltige Freude zu bereiten."

Hermann Eggestorf starrte ihn an, als hätte er in einer fremden Sprache geredet.

Was was willst Du damit sagen?"

Nun, wir brauchen die Comödie, die wir seit drei Monaten aufgeführt haben, doch jetzt wahrhaftig nicht länger zu spielen. Du hast Deine Sache nicht schlecht gemacht, das will ich Dir gerne zugeben; aber ich hätte trotzdem blind sein müffen, um nicht zu sehen, daß Du selber bis über beide Ohren in Margarethe Arnholdt verliebt bist. Nun kannst Du ja in Gottes Namen Dein Glück versuchen, da Du durch keine brüderliche Rücksicht mehr gehindert bist, um fie zu werben."

Noch immer stand der Andere wie gelähmt. Nur seine Brust hob sich in schweren, hörbaren Athemzügen, und lang» sam, ganz langsam verbreitete sich eine dunkle, brennende Röthe über sein vordem bleiches Geficht. Werner Eggestorf aber war niemals in einem verhängnisvolleren Jrrthum ge­wesen als jetzt, da er stch dies Schweigen nach seiner Weise deutete.

Du siehst, mein Lieber, daß Deine flammende Ent­rüstung schon aus diesem Grunde keinen übergroßen Eindruck auf mich machen kann," fuhr er mit dem Ausdruck un- verhohlener Genugthuung fort.Man verräth sich zuweilen auch dadurch, daß man des Guten zu viel thut. Und was das schlechte Gewissen betrifft, so sind die Leute, die sich offen Md ehrlich zu ihren Jrrthümern bekennen, wohl noch immer die schlimmsten nicht. Gewisse schleichende Duck­mäuser, die den Kato spielen, bis sich ihnen vielleicht eine gute Gelegenheit"

Er kam nicht weiter, denn ein furchtbarer Faustschlag, der ihn mitten ins Geficht getroffen, machte ihn zurücktaumeln. Hermann Eggestorf schien plötzlich um eine halbe Haupteslänge gewachsen, so gewaltig hatte sich sein Körper in allen Muskeln gereckt. Der heilige Zorn hatte seiner Erscheinung mit einem Mal etwas Jmponirendes, fast Hoheilsvolles gegeben. Der reckenhafte Werner sah trotz seines bunten kriegerischen Auf­putzes in diesem Augenblick klein und unbedeuteud aus neben ihm.

Und vielleicht war es diese seltsame Wandlung, die den Geschlagenen abhtelt, die schmachvolle Beschimpfung auf gleiche Weise zurückzugeben. Wohl hatte er mit einem Aufschrei der Wuth nach dem kurzen Schwerte gegriffen, das an seiner

Hüfte niederhing, aber er hatte die Hand wieder finken lassen ohne es zu ziehen und bückte stch nach seinem zu Boden ae-' fallenen Helm. u

»Du- bist mein Bruder danke dem Himmel dafür daß ich mich dessen selbst in diesem Augenblicke erinnere. Aber die armseligste aller Creaturen will ich sein, wenn ich Dir diese Stunde je vergesse. Wir werden Abrechnung halten verlaß Dich darauf früher oder später und der Schlag soll Dich gereuen bis an das Ende Deines Lebens."

In abgerissenen Worten hatte er es hervorgefloßen, von der furchtbaren Erregung wie von einem Fieberschauer ge. schüttelt. Unbeweglich stand ihm der Andere gegenüber. In seinen Augen loderte noch immer der Grimm, um sseine Lippen aber lag jetzt ein tief schmerzlicher Ausdruck.

Gehl" sagte er tonlos.Was Du auch thun magst zwischen uns ist Alle» aus! Wir haben nichts mehr mit einander zu schaffen."

Der Nachen, der Luigia übergesetzt hatte, näherte sich wieder der Insel und Werner Eggestorf ließ dem Gehilfen des Feuerwerkers kaum Zeit, ihn zu verlassen. Er warf dem Manne ein Geldstück zu und legte sich mit der ganzen Kraft seiner muskulösen Arme in die Ruder.

Ein dunkler, blutunterlaufener Fleck bezeichnete die Stelle, wo ihn die Hand seines Bruders getroffen.

m.

Das enge, bescheidene Künstlerheim, da» Clemens Arn­holdt vor mehr denn dreißig Jahren für sich und feine junge Gattin eingerichtet, hatte in dieser langen Zeit seine Physiognomie kaum merklich verändert. Die luxuriösen Wohnungsausstattungen waren damals noch nicht in der Mode gewesen, und den Neuvermählten, die in unendlich langem Brautstand auf den Tag ihrer Vereinigung geharrt hatten, wäre es überdies wohl herzlich schwer geworden, eine solche Mode mitzumachen. Denn wie fleißig auch Meister Arnholdt den Pinsel führte, mehr als zu des Lebens Nothdurft und Nahrung unumgänglich nothwendig war, wollte ihm feine Kunst durchaus nicht etntragen. Und der große Erfolg, an dem er gleich so ungezählten Hunderttausenden vor ihm und nach ihm seit seinen Knabenjahren träumte dieser glänzende, märchenhafte Erfolg, der ihn mit einem Schlage berühmt und reich machen sollte, er ließ allem heißen Ringe« und rastlosem Bemühe« zum Trotz vergeblich auf sich warten.

So war es denn ungeachtet der ausschweifendsten Hoff­nungen und der kühnsten Lustschlösser bei den plumpen Schränken und Comoden, den steiflehnigen Rohrstühlen und der billigen Schwarzwälder Uhr in Meister Arnholdts Wohn- stübchen geblieben. Was sich im Lauf der Zeiten an prunken­dem Ueberfluß dazu angefunden hatte, stammte fast aus­schließlich aus des Hausherrn eigener Werkstatt. Das lebensgroße Brustbild seiner jungen Frau, ein Selbstportrait, und zwischen den beiden ein liebes blondlockiges Ktnder- köpfchen mit lachenden Lippen, lustigen Schelmenaugen und einem traurigen Jmmortellenkränze über dem verblichenen Rahmen.

Clemens Arnholdt hatte kein Bildniß mehr gemalt nach diesem, dessen Farben noch nicht trocken gewesen waren, als sich die lustigen Schelmenaugen seines Erstgebornen be­reits auf ewig geschlossen. Er hatte er in jener dunklen Stunde verschworen, und er hatte das qualerpreßte Gelöbniß gehalten, wie oft er auch in Versuchung gerathen sein mochte, die reizenden Züge der Töchterchen«, mit dem ihn der Himmel nach achtjähriger Ehe beschenkt hatte, auf der Lein­wand festzuhalten. Es waren fortan nur noch Landschaften aus seinem Atelier hervorgegangen, hübsche, saubere, glatte Bilder, von denen nur seine mißgünstigen Kunstgenossen be­haupten konnten, daß auf ihnen der Himmel zu blau und der Wald zu grün sei. Unerschütterlich hatte Clemens Arnholdt an sein Talent und an seine große Zukunft ge­glaubt, auch als sein üppiges Lockenhaar sich schon bedenklich zu lichten und fein wallender Bart sich silbern zu verfärben