Ausgabe 
1.12.1896
 
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Die Brüder.

Novelle von Reinhold Ortmann.

(Fortsetzung.)

Mit großem, fast entsetztem Blick suchten die Augen Hermanns in seinem Gestcht zu lesen.

Was heißt da»? Wenn ich glauben müßte, Werner, daß Du daß Du im Stande wärest, sie schändlich zu verrathen*

Der Andere unterbrach ihn/ mit einer ungeduldigen Schulterbewegung.

Wozu in aller Welt diese theatralischen Phrasen! Hier ist von keinem Verrath die Rede, sondern einfach von der Erkenntniß eines Jrrthums, dessen heuchlerische Aufrecht» erhaltung geradezu ein Verbrechen wäre sowohl gegen das Mädchen al» gegen mich selbst. Soll ich denn mit vollem Bewußtsein uns Beide für alle Zukunft unglücklich machen, nur weil ich mich eine kurze Zeit lang über die Natur meiner Empfindungen getäuscht habe? Soll ich"

Er konnte nicht ausreden, denn sein Bruder hatte ihn an beiden Schultern gWackt und rüttelte ihn wie man einen Schlaftruvkenen im Augenblick der Gefahr zu ermuntern sucht.

Wach' auf, Unseliger! Komm' zu Dir! Du bist ja von Sinnen! Was hat diese italienische Hexe mit Dir angefangen, daß Du so wahnwitzige Dinge denken und sprechen kannst? Danke dem Himmel, daß Niemand fie ge­hört hat al» ich."

Ungestüm befreite sich Werner von dem rauhen Griff.

Mich dünkt, wenn Einer von uns sich wie ein Ver­rückter benimmt, so bist Du es, nicht ich. Und ein für alle Mal, Hermann: Du magst über mich und meine Handlungs­weise denken wie es Dir beliebt die Dame aber, deren Du soeben Erwähnung gethan, werde ich nicht beleidigen lassen, von Dir so wenig als von irgend einem anderen Menschen. Keiner hat ein Recht, mit Geringschätzung von ihr zu reden, denn sie hat Keinem Anlaß dazu gegeben."

Aber ist es denn nicht die« Weib, dem Du Margarethe zum Opfer bringen willst. Kannst Du mir bei Deiner Ehre s

versichern, daß fie keinen Antheil hat an der ungeheuerlichen Wandlung, die seit heute Morgen mit Dir vorgegangen ist?"

Soll es ihr als ein Verbrechen angerechnet werden, daß eine unwiderstehliche Gewalt unsere Herzen zusammen­zwingt daß wir von allem Anbeginn für einander be­stimmt waren, ob auch Länder und Meere uns trennen mochten? Dir freilich werde ich das Wesen einer solchen Liebe niemals begreiflich machen, denn man muß selber leidenschaftlichen Empfinden» fähig sein, um lodernde Leiden­schaft zu verstehen. Aber was liegt auch daran, ob Ihr nüchternen Alltagsseelen uns begreift! Es muß Dir genügen, daß diese Liebe für mich eine Erlösung bedeutet, eine Be­freiung au» der erstickenden Dumpfheit, in der mein Talent rettungslos hätte verkümmern müssen. Jetzt erst spüre ich in mir wieder da» heilige Feuer, das mich zum Künstler macht; seit heute erst fühle ich mich wieder stolz und glück­lich in der Gewißheit, daß ich zu Großem berufen bi«. Wenn Du es in Wahrheit so gut und brüderlich mit mir meinst, wie Du es mich oft hast glauben machen wollen, so mußt Du mir viel eher behülflich sein, die verderblichen Fesseln abzustreife«, statt mir mit den hohlen Tiraden einer schwachmüthigen Philistermoral die köstlichsten Stunden meine» Lebens zu vergällen."

Ich kenne kein Stttengesetz, da» dem Künstler gestattete, war Anderen al» ehrlos verboten ist. Und ich glaube nicht daran, daß eine verbrecherische Leidenschaft tet Stande sein sollte, urplötzlich ein Genie aus Dir zu machen. Im besten Falle betrügst Du Dich selbst mit einem solchen Wahn. Aber wenn es auch mehr wäre als Wahn wenn dieser Sinnenrausch auch die Wunderkraft hätte, Dich zu den ge­waltigsten künstlerischen Thaten zu begeistern, Du müßtest dennoch Deine ganze Energie dafür einsetzen, Dich von ihm zu befreien. Denn zehnmal heiliger als die vermeintliche Pflicht gegen Dich selbst sind Deine Pflichten gegen das Mädchen, das Dir seine Zukunft und dar Glück seines Lebens vertraute. Es giebt keinen Ruhm und keinen Erfolg, der nicht tausendfach zu hoch bezahlt wäre mit dem schimpflichen Bewußtsein einer begangenen Schurkerei."

Mit einem ungeduldigen Achselzucken wandte sich Werner Eggestorf ab.

Laß un» diese zwecklose Auseinandersetzung enden, da