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Za» ber," unterbrach der Baron sie mit einem etwas gewaltsamen Lachen. „Die Mondschein-Schwärmerei gehört der Zugendj, für graue Haare ist sie thöricht und lächerlich. Naj, lassen wir das, meine Tochter," setzte er rasch hinzu, „ich habe Dir eine Mittheilung zu machen, welche jenen Brief, der mich heute Abend ziemlich erregt hat, betrifft. Er kommt aus Amerika und zeigt mir die Ankunft eines Neffen an."
„Der junge Herr von Römhild sprach vor einiger Zeit davon, lieber Vater I" versetzte Ellen mit Anstrengung. Es war urplötzlich, als sei mit diesem unbekannten Neffen das Unheil bereits angekündigt worden."
„Was weiß der Grünschnabel von meinem Bruder?" fuhr der Baron heftig empor, „sprich, was erzählte er Dir I"
„O, nichts weiter, als daß vor vielen Jahren ein jüngerer Bruder von Dir existirt habe, welcher dänischer Marineoffizier gewesen und bet dem schleswig-holsteinischen Aufstand als Dein Gegner mit Dir in der Schlacht zusammengetroffen sei. Mehr wußte er nicht, und mich verlangt auch nicht darnach, weil Du sicherlich, wie ich mir dachte, Deine gewichtigen Gründe haben würdest, nicht davon zu sprechen."
„So war es auch, mein Kind," sagte der alte Herr tief aufseufzeud. „Mein Bruder war seit 26 Jahren tobt für mich. Du wirst mein Erschrecken verstehen, wenn ich Dir sage, daß der heutige Brief seine Unterschrift trägt, und zwar die eines sterbenden Mannes, der mir seinen Sohn sendet. Hans Justus von Alting, so heißt mein Neffe, muß, wie ich mir denke, 25 Jahre alt sein. Wenn er seinem Vater die Augen zugedrückt und ihn begraben hat, tritt er seine Reise an, und ich glaube, daß wir ihn jetzt täglich erwarten können. Was meinst Du zu den beiden Thurmzimmern, sie sind geräumig, mit hübscher Aussicht und könnten dem Amerikaner schon gefallen. Es waren einst die Zimmer seines Vaters, welche dieser als Knabe mit mir zusammen bewohnte Ich habe sie seit unserer Trennung nicht wieder betreten," setzte er leiser hinzu.
„Die Zimmer sind stets gesäubert und in Ordnung gehalten worden," bemerkte Ellen, deren Beklemmung zuge- benommen hatte, „sie gefielen mir gleich so sehr —*
„Ja, ich weiß, mein Kind, Du wolltest sie bewohnen, was ich Dir rundweg abschlug. Wie stehst aber mit der Ausstattung derselben?"
„Ziemlich kläglich, lieber Vater, die Möbel müssen mindestens mit neuen Ueberzügen versehen werden."
„Dann müßen wir lieber neue aus T. kommen lassen, oder — ich denke mir, daß der junge Mann es in Amerika al» Farmer oder dergleichen wohl nicht luxuriös gewohnt sein wird, — und wir uns die Umstände deshalb nicht zu machen brauchen, zumal er täglich eintreffen kann. Verstehe mich recht, Ellen, es kommt mir nicht auf die Ausgabe, sondern einzig auf den Punkt der Zweckmäßigkeit an."
„Ich weiß, Papa," erwiderte das junge Mädchen, „und werde es auch ohne neue Möbel behaglich machen. Hoffentlich wird dieser Neffe, welcher Deinen Namen führt, sich desselben würdig erweisen und Dir den Sohn und Erben ersetzen, ja, es freut mich aufrichtig, daß dieses schöne Gut dereinst doch noch dem alten Stamme verbleiben und in die rechtmäßigen Hände kommen wird."
Der Baron schwieg eine Weile.
„Mein Bruder erhielt sein Erbtheil auf Heller und Pfennig ausgezahlt," erwiderte er dann mit harter Stimme. „Weder er noch seine Nachkommen haben auch nur den Schatten eines Rechts auf Altinghof. Ich bin nicht kinderlos, wie Du weist, und nicht gesonnen, mich durch einen hergeschneiten Neffen zu einer himmelschreienden Ungerechtigkeit verleiten zu lassen."
„Er ist Deine» Bruders Sohn, Dein leiblicher Verwandter," wandte Ellen zaghaft ein, „Du wirst ihn um meinetwillen nicht zurücksetzen, lieber Papa, bedenke nur, wie er mich betrachten, mich in den Augen der Welt verdächtigen könnte
„Er wird es nicht wagen, Zwietracht in mein friedliches
Haus zu tragen," unterbrach der Baron sie heftig, „fei deshalb ganz ruhig, meine Tochter, und vergiß nicht, daß er als Bittender unter mein Dach tritt, und daß fein Vater — doch genug davon," unterbrach er sich mit einem schweren Athemzuge, „ich freue mich nicht seines Kommens, ich will nur wünschen, daß er ein civilisirter, vor allen Dingen aber ein Halbwegs guter Mensch sei, der es mich nie gereuen lasse, ihn ausgenommen und damit eine dunkle Vergangenheit begraben zu haben. — Laß un« zur Ruhe gehen, meine Liebe, morgen beim Hellen Sonnenlicht werden wir die Dinge ruhiger betrachten und überlegen können."
4. Capitel.
Der ajmerikanische Neffe.
Drei Tage waren feit der vorhergehenden Unterredung zwischen Baron Alting und seiner Adoptivtochter verflossen, als ein Telegramm aus Hamburg eintraf, das folgende lakonische Zeilen enthielt:
„In Hamburg eingetroffen, reise sofort weiter und treffe am 29. August auf Station X. ein.
Alting.
Baron Justus las das Telegramm zweimal durch und gab es dann Ellen, welche mit ihm auf der Veranda beim Morgenkaffee saß. Sie erschrak so heftig, daß das Papier in ihrer Hand knisterte.
„Das ist ja heute schon," sagte sie leise.
Der alte Herr warf einen Blick auf seine Uhr.
„Sieben, —" bemerkte er kurz, „wann ist das Tele gramm aufgegeben?"
„Gestern Abend um acht Uhr —"
„Dann ist er also mit dem Nachtzuge gefahren, der um neun Uhr auf dek Station X. eintrifft," rief Baron Justus erschreckt. „Heinrich schirre mal gleich den kleinen Jagdwagen an und fahre Hal» über Kopf so rasch der Schimmel laufen kann, nach der Station."
Dieser Befehl wurde dem Kutscher zugerufen, der soeben auf dem breiten Platze vor dem Schlosse vorüberging. Der alte Herr folgte ihm sofort, um ihn noch genauer über den Ankömmling zu instruiren, während Ellen erregt ins Haus ging, um ihre Anordnungen für den Gast zu treffen.
„Du bist nicht mitgefahren, Papa?" fragte sie, als der Baron ihr drinnen begegnete.
„Das hieße dem ungebetene» Gaste zu viel Ehre erzeigen und ihn zum Herrn der Situation machen," versetzte er finster, „zum Henker, meine Liebe, ich hätte ihm mit Vergnügen eine Summe nach Amerika geschickt, aber mir diesen groß« Jungen so ohne Weiteres wie eine bestellte Waare herzusenden, ist die letzte erstaunliche That meines Herrn Bruders, vielleicht eine zweite Auflage feiner Jugendsünden."
„Du sprichst von einem Tobten," mahnte ihn Ellen, liebevoll ihre Arme um sein Hal» legend. »War er Dir auch Schlimmes zugefügt haben mag, mein theurer Vater, der Tod löscht jede Schuld. Am allerwenigsten aber darfst Du es jetzt dem Lebenden, der vertrauensvoll zu Dir, seinem einzigen Blutsverwandten kommt, entgelten lassen. Wer weiß, welche Stütze Dein Alter an ihm gewinnt."
„Du bist ein Prachtmädel," sagte Baron Justus, zärtlich ihre Stirn küssend, „es soll nach Deinem Willen geschehen. — Doch was die Stütze anbetrifft, so bist Du mir gerade recht, denn nach dem Telegramm zu urtheilen, scheint mein Herr Neffe einen netten amerikanichen Ton anzuschlagen. Warten wirs also ab, wie er sich benimmt, und welche Rolle er hier zu spielen gedenkt."
(Fortsetzung folgt.)
Ouittensenf. 4 bis 6 Quitten, 200 Gramm gelbes und 50 Gramm grünes Senfmehl, Vs Liter Weinmost, 6 Gramm Gewürznelken, ebenso viel Ingwer, 5 Gramm Koriander, ebenso viel Anis und Fenchel, möglichst fein ge«


