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glückt ist, das Baarvermögen flüssig zu machen, wonach nun laut Abrechnung Alles erledigt ist. Es hat mich in tiefster Seele alterirt, daß der junge Herr seinen Abschied genommen und sich so früh eine Gemahlin erwählt hat. Das kümmert mich freilich nicht, nur glaubte ich ganz fest, daß er das Gut übernehmen wolle, weil Sie ja leider noch immer gezwungen find, die Heimath zu meiden. Der Gedanke gab mir einen Stich durchs Herz, doch dachte er gottlob garnicht daran, sondern meinte, daß es über kurz oder lang in Schleswig« Holstein anders würde, weil der König es nicht mehr lange machen könne, daß ein Krieg und infolge dessen die Trennung der Herzogthümer von Dänemark alsdann unausbleiblich wäre. Er schien sich darüber zu freuen, — ich denke mir, daß es Ihretwegen war, Herr Baron! —
Auf Justus machte dieses Schreiben den Eindruck, als ob der Bruder, welcher mit gieriger Hast fein Erbe gefordert, ohne sich weiter um ihn, den er verrathen und beraubt hatte, zu kümmern, für ihn gestorben, für immer aus seinem Dasein gestrichen sei. Und so trug er mit männlicher Kraft den Verlust, welcher einen Riß durch sein ganzes Leben, durch alle Träume einer glücklichen Zukunft an der Seite eines geliebten Wesens gemacht, weil ihm der Gedanke an Liebe und Ehe nun vollständig und für immer vergangen war.
Einige Jahre später starb König Friedrich VII. von Dänemark, mit ihm erlosch die männliche Linie des bislang regierenden oldenburgischen Stammes, und das Haus Schleswig-Holstein« Glücksburg bestieg den erledigten Thron, somit die weibliche Linie, infolge dessen die deutschen Herzogthümer, wenn auch erst nach blutigem Kampfe, von Dänemark losgetrennt wurden.
Und nun durfte auch Baron Justus Alting in die ge« liebte Heimath, auf die väterliche Scholle zurückkehren.
3. Capitel.
Ahnungen.
Wir sahen den Rittmeister heute, in seinem zweiundsechzigsten Lebensjahrs, noch ungebrochen an Geist und Körper, vor seinem Schreibtische sitzen, den amerikanischen Brief, welcher ihn in die soeben entrollte Vergangenheit zurückführte, vor sich. Es war wohl kein Wunder, daß dieses Schreibe» ihn in tiefster Seels aufregte, da die Unterschrift den Namen «Hans Joachim von Alting" trug, der folgendermaßen schrieb:
«Mein theurer Bruder! — Wenn diese Anrede nach alledem, was ich gegen Dich verschuldet habe, Dir zu anmaßend erscheint, dann streiche sie durch, aber sei wenigstens nicht rachsüchtig, meinen Brief ungelesen zu vernichten. Ich möchte Dir recht viel schreiben, Dir mit ganz anderen Worten meine Reue darthun, wenn nicht die Zeit zu kurz dazu wäre, well der Tod neben mir steht und mich zur Eile mahnt. Vielleicht gereicht es Dir zur Genugthuung, wenn Du hörst, daß mein Glück an ihrer Seite nur von kurzer Dauer gewesen ist, daß es nur ein Jahr gewährt und die Geburt unseres ersten Knaben ihr das Leben gekostet hat. Ach, vielleicht wäre es auch besser gewesen, sie hätte das Kind mitgenommen, da ich es nicht ansehsn konnte, ohne an meinen Verlust erinnert zu werden, — denn selbst auf die Gefahr hin, von Dir noch tiefer verachtet zu werden, gestehe ich, daß ich es haßte und infolge dessen fremden Händen (einer deutschen Familie) zur Pflege und Erziehung übergab. Der Tod meines Weibes, für dessen Besitz ich nicht nur an dem eigenen Bruder zum Verräther geworden, sondern auch Ehre, Beruf und Vaterland verloren habe, war die erste furchtbare Strafe, welche mich traf. Von nun an begann die Veraltung, ihre Geißel über smich zu schwingen und alle meine Pläne und Bemühungen zu durchkreuzen. Ich wußte den Knaben in guten Händen und versuchte es, in dem großen Welttheil, wo nur der Erfolg, das heißt König Mamon angebetet wird, meine seemännischen Fähigkeiten, und zwar in der Marine zu verwerthen, um in meinem geliebten Fahrwasser zu bleiben. Vergebens! Nun kaufte ich mir ein Schiff, um als Küstenfahrer dem Elemente treu zu bleiben, — aber ich war kein Handelsmann, und eines Tages, als ich Sehn
sucht nach meinem Sohne Hans Justus bekam und das Schiff in der Obhut meines Compagnons ließ, war dieser bei meiner Rückkehr mit meinem Eigenthum auf und davon gegangen. Ich wurde dann Farmer,'.wovon ich Nichts verstand und somit wieder zu den Betrogenen gehörte, doch Habs ich mir stet» den harten Spruch wiederholt: Du hast es verdient! — Jetzt aber bin ich ein sterbender, von fruchtloser Reue und Gewiffensqual gepeinigter, unglücklicher Mann, welchem der Gedanke, seinen Sohn arm und nutzlos in dieser fremden Welt zurücklaffen zu müssen, das Sterben unsäglich schwer macht. Da gedachte ich Deiner, mein Bruder, und fand den Muth zu diesem Briefe, um Dir meinen Justus ans Herz zu legen, Dich zu bitten, Dich seiner anzunehmen und ihm die Sünde der Eltern nicht anzurechnen. Wenn Du diesen Brief erhältst, bin ich tobt und mein Sohn bereits unterwegs zu Dir. Seine Mutter gab ihm schon sterbend den Namen Justus, ihr letzter Gedanke galt Dir. Leider steht er mir sehr ähnlich, es wäre mir lieber gewesen, wenn er ihr'gliche, und mit ihren Augen Dich zur Milde, zur Versöhnung stimmen könnte; so laß unsere gute, verstorbene Mutter, deren Augen und Gesichtszüge er besitzt, zu Deinem brüder- lichen Herzen sprechen, und ihrem Enkel ein Plätzchen im Hause seiner Vorfahren bereiten. Darauf hofft Dein sterbender Bruder Hans Joachim von Alting."
Der Brief war aus Jefferson, Staat Missouri, datirt und trug das Datum des 21. Juli 1886.
„Beide tobt," murmelte ber Rittmeister, „sie in bet Blüthe ihrer Jahre, noch im Sterben be» von ihr Verrathenen gebenkenb, und er ein verlorener, in ber besten Manneskraft vom Tobe ereilter Mann! — So rächt sich jebs Sünbe schon hienieben."
Er faltete bett Brief wieder zusammen, steckte ihn in den Umschlag und verschloß ihn in seinem Schreibtisch: Dann erhob 6t sich und schritt in düstetet Erregung auf und nieder.
„Armer Junge," murmelte er dabei, „armer, verwahrlostet Schelm, ber im Gtunbe gänzlich verwaist ist. — Wie kann ich ihn bie Sünben ber Eltern entgelten lassen? Ist er nicht von meinem Blute, ein echter Alting? Ob er wohl das Reisegeld gehabt hat?" setzte er nachdenklich hinzu, „sicherlich, er könnte doch sonst nicht schon unterwegs sein."
Hans Joachim hatte, als er für seinen Sohn an das Hetz des Bruders appellirts, diesen sehr richtig beuttheilt, da das ausgeprägte Gerechtigkeitsgefühl desselben es nicht zuließ, einen Unschuldigen für die Sünden Anderer verantwortlich zu machen, wie Baron Justus auch zu stolz war, einen Alting verkümmern und verderben, den unbefleckten Namen in irgend einer Weise schänden zu lassen.
Als er zu diesem Entschlüsse gekommen war und seine Fassung wieder erlangt hatte, begab er sich zu seinem Töchterchen zurück, das noch immer auf ber Veranba saß, und träumend in die Landschaft hinausblickte. Es war mittlerweile ganz dunkel geworden, ein geheimnißvollet Zauber umwob bie Natur, von fernher scholl bas Quaken ber Frösche. Dann schien sich das Dunkel zu lichten, ein märchenhafter Schein erhellte die stille Gegend, und im silbernen Lichte begann der Mond seine magische Wanderung am Nachtgewölbe.
Ellen sühlte sich an diesem Abend von einer beklemmenden Angst bedrückt, wie vor dem Nahen einer großen Gefahr. Der amerikanische Brief ließ ihr kein Ruhe, die Ahnung kommenden Unheils, welches ihren Wohlthäter und zweiten Vater, und vor Allem auch ihr eigenes Glück bedrohte, erfüllte ihr Herz mit banger Sorge. Sie athmete wie erlöst auf, als der Baron zurückkehrte und sich an ihrer Seite niederließ.
„Du spinnst wohl hier poetische Sommernachts-Fäden, mein Kind," meinte er scherzend, „na, in Deinen Jahren übte der Mondschein auch so eine Art Zauber auf mich aus. Später versteht man dergleichen nicht mehr."
„Ei, ich meine doch, wenn das Herz Dir jung blieb, müßte ei» solcher Zauber —"
„Ne, Kleine, das wäre im Alter doch nur ein fauler


