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MuStag Bett 1. September
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Unlerhaltungsblatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger),
Falsches Spiel.
Roman von E. v. Linden-
(Fortsetzung.)
Die Hochzeit, wozu Hans sein Erscheinen zugesagt hatte, war auf den 1. November festgesetzt, heute war der erste October, also in vier Wochen sollte Baron Justus, der wie in einem seligen Traume sich befand, mit der Geliebten vereint werden.
Armer, verblendeter Mannl Vierzehn Tage nach des Bruders Abfahrt lag in einer mondhellen Nacht der dänische Kutter vor Bremerhaven, wohin Helene Rössing, so hieß die Nichte des Hamburgers Senators, auf einige Tage gereist war, um eine kranke Freundin zu besuchen- Während man sie dort wähnte, erhielt der Onkel nach fünf Tagen einen Brief aus Helgoland von Baron Hans Joachim, worin dieser die entsetzte Familie benachrichtigte, daß er Helene von Bremerhaven aus auf seinem Schiffe entführt habe, weil sie nicht ohne einander leben könnten, daß sie beide um Verzeihung und um die Einwilligung der Verwandten flehentlich bäten, und daß er auch bereits an Justus geschrieben habe. Der Bruder werde diesen Schritt verzeihen, der Helene und ihn selber noch in der letzten Stunde vor einem schweren Jrrthum bewahrt habe-
Justus glaubte diesen Schlag kaum überleben zu können. Er warf ihn auch wirklich darnieder wie eine vom Blitz getroffene Eiche. Ein schweres Nervenfieber brachte ihn an den Rand des Grabes. Der Senator sowohl wie seine Gattin waren außer sich vor Zorn und Erbitterung, sie sagten sich gänzlich los von der unwürdigen Nichte, sandten ihr aber die nöthigen Papiere zu ihrer Trauung nach Helgoland, die einem dortigen Privilegium zufolge von dem Geistlichen ohne das übliche Aufgebot gesetzlich vollzogen werden darf. Der Onkel gab dem dänischen Marine-Lieutenant zugleich anheim, den Heiraths - Consens von seiner vorgesetzten Behörde in Kopenhagen zu erwirken. Ein kleines Vermögen, das sie von ihren verstorbenen Eltern besaß, sandte der reiche Senator ihr ebenfalls mit diesem Schreiben, während er in derselben Stunde durch den dänischen Consul in Hamburg einen Bericht an da» Admiralitäts-Amt in Kopenhagen abgehen ließ.
Hätte Baron Justus Alling eine Ahnung von diesem rachsüchtigen Vorgehen des Senators haben können, dann wäre es sicherlich nicht aurgeführt worden und Alles anders gekommen. Aber er lag bereits in Fisberbanden und sollte auch, wie der Senator erklärte, mit dem schändlichen Verrath der beiden ihm am nächsten stehenden Personen nicht weiter behelligt werden.
Als seine kräftige Natur sich endlich nach monate- länger Krankheit zur Genesung durchrang, erfuhr er nach und nach, was sich während der Zeit zugetragen hatte, obwohl die Frau Senator, deren verhätschelter Liebling er blieb, ihm vorsichtiger Weise Vieles verschwieg, was seins völlige Genesung in Frage hätte stellen könnnen. Er erfuhr nur, daß die Trauung in Helgoland stattgefunden, Hans Joachim seinen Abschied genommen habe und mit der Gattin übers Weltmeer, wahrscheinlich nach Amerika gegangen sei. Was sie ihm verschwieg, das war der Umstand, daß sein Bruder vom Kriegsgericht zu einem Jahr Festung verurtheilt, dann aber, nachdem seine junge Frau sich an die damalige Gemahlin des Königs gewandt, schon nach zwei Monaten begnadigt und hierauf kasstrt worden war.
Mit feinem Tacte empfand die Frau Senator, daß diese Strafe, welche den Bruder betroffen, verhängnißvoll für Baron Justus werden könnte, daß sein Stolz in dem fleckenlosen Namen seines alten Geschlechts wurzelte, und er somit das Schlimmste wenigstens jetzt noch nicht erfahren durften
Als die kluge Frau ihn nun auch über den Geldpunkt beruhigen konnte, weil sie dafür gesorgt hatte, daß der Senator dem unwürdigen Paare noch eine erkleckliche Summe durch den Consul hatte übermitteln lassen und er schließlich au« den Briefen und Abrechnungen seines Verwalters, sowie aus einem vertraulichen Schreiben des Sachwalters die Gewißheit erhielt, daß Hans Joachim vor seiner Gattin in Alttnghof gewesen war, um sich sein Erbtheil auszahlen zu lassen, da konnte er mit gutem Gewissen zwischen sich und dem Bruder das Tischtuch zerschneiden.
„Ich glaube,- so schrieb der alte Sachwalter und Freund seines Hauses, „in Ihrem Sinne, Herr Baron, gehandelt zu haben, wenn ich Alttnghof mit einer Hypothek belastete, um Baron Hans das ihm nach meiner Berechnung zukommende Erbe behändigen zu können, wie es mir auch ge*


