356
Was die Straße verschlingt.
(Bilder aus dem socialen Leben der Reichshauptstadt.)
_ ^ sonnigen Landen ist es noch Sitte, daß ehrsame Meister ihr Handwerk auf der Straße unter freiem Himmel betreiben und frei von Ladenmiethe und Spiegelscheiben ihre Waare, so wie sie fertig ist, dem Vorüberwandelnden anbieten und verkaufen. In unserem kühlen Norden zieht sich der seßhafte Kaufmann und Handwerker hinter die Mauern des Hauses zurück und es find die Enterbten des Schicksals, die durch Verkauf geringer Waare auf der freien Straße ein kümmerliches Dasein fristen.
In der Weltstadt Berlin giebt es Tausende solcher Existenzen, die das Gewühl und der Kampf des Lebens auf die Straße geworfen hat und die nun im Lärm der Straße sich abmühen, ihren Lebensunterhalt zu finden. Manche schnurrigen Käuze find darunter, die Dir ein Lächeln abnöihigen, manche gebrochene Gestalten, die Dir die Thränen des Mitleids entlocken. Betrachten wir, was diese Aermsten der Armen, die Du in früher Morgenstunde und in der tiefsten Nacht, bei greller Sonne und beim Heulen des Sturmes bei ihrer Thätigkeit findest, betreiben.
Da ist zunächst die große Schaar der Zeitungsverkäufer. Auf öffentlichen Plätzen, in belebten Straßen, in der Nähe der Bahnhöfe, an den Pferdebahnkreuzungspunkten bieten sie ihre Zeitungen feil. Einige verkaufen nur die Nummern einer bestimmten Zeitung, Andere bieten Dir in großartiger Unparteilichkeit die „Kreuzzeitung" und den „Vorwärts", die „Germania" und die „Nationalzeitung" an. Sie sind so un- parteiisch, daß sie an dem einen Abend mit dröhnender Stimme ausrufen: „Parlamentsausgabe der Freisinnigen Zeitung; hoch- wichtige Rede des Abgeordneten Bebel gegen den Militäretat" und am anderen Abend: „Parlamentsausgabe der Freisinnigen Zeitung; hochwichtige Rede des Kriegsministers gegen den Abgeordneten Bebel." Im Winter machen sie mit diesen Parlamentsausgaben gute Geschäfte; im Sommer werden die Parlamentarier — pardon — von — Rennpferden abgelöst. Da tönt es durch die Straßen: „Neueste Nummer der Sportwelt. Großer Steg vom Armbruster im Badener Jubiläumspreis." Die Verkäufer bleiben dieselben: Arme Kerle in abgerissenem Anzug, Frauen, denen die Noth auf dem Gesicht geschrieben steht. Die Käufer aber wechseln: Im Winter find es bebrillte Männer, die nicht früh genug die weisen Sprüche ihrer Lieblingsparlamentarier zu lesen bekommen können, im Sommer elegante Dandys mit Plättfalten in den Beinkleidern, Jünglinge, die ihres Vaters Geld am „Toto" verwetten und nur sehen wollen, wieviel „Odds" es auf den siegenden Gaul gegeben hat.
Unter diesen Jünglingen hat die zweite große Gruppe der Straßenverkäufer nicht ihre Kunden. Diese Gruppe bilden die Verkäufer der verschiedensten Lebensmittel. Sie suchen die Bedürfnisse von Kreisen zu befriedigen, die nicht viel reicher sind als sie. Wenn man am Lustgarten die uralten Frauen sieht, die noch ältere« Backwerk und Würstchen verkaufen, die den Lenden lebensmüder Ackergäule entstammen, so wird man es wohl begreifen, daß sich nur die ärmere Bevölkerung an diese „Leckerbissen" heranwagt. Aber ein gar streitbares Geschlecht sind diese Greisinnen, das hat der Schreiber dieser Zeilen einmal an sich erfahren, als er als junger Student eine solche alte Dame „anulkte". Da bekam er einen harten Apfel mit solcher Vehemenz an den Kopf geworfen, daß ihm noch heute der Schädel brummt, wenn er daran denkt.
Einen etwas zeitgemäßeren Eindruck machen die Händler, dis kleine Wagen benutzen, um auf ihnen Obst, Südfrüchte, Naschwerk, manchmal auch Häringe durch die Straßen zu be- fördern. Die Häringe und Flundern freilich stinken manchmal zum Himmel empor wie Kains Missethat, aber das Obst sieht leidlich manierlich aus, wenn es auch zweiter, dritter oder fünfter Güte ist. Bis in die tiefe Nacht halten diese Händler
»ebaction: A. Scheyda.
- vielfach Mann und Frau - aus, um einige Groschen zu verdienen. Noch länger als sie gehen die .fliegenden Kaffe«. Händler , die in einer fahrbaren Maschine warmen Kaffee bereit halten, und die Würstchenverkäufer, die den dampfenden Kessel vor sich hertrage», ihrem Berufe nach.
Weniger günstiger gestellt als diese Lieferanten für den Magen sind die Lieferanten für das Herz: die Blumenhänd. ler. Der Berliner liebt die Blumen sehr, und da zudem die Blumen in den Läden meist nicht unerheblich theurer sind, als bei dem ambulanten Händler, so finden diese guten Absatz. Somit könnten fie ganz guten Verdienst erwerben, wenn sie sich nicht gar zu sehr Conkurrenz machten. Daß Blumen eigentlich nur von Menschenblumen, von hübschen, blühenden Mädchen, verkauft werden sollten, ist in Berlin ebenso zur Fabel geworden, wie in der bella Italia. Was handelt nicht Alles mit Blumen auf der Straße! Alte Graubärte, würdige Matronen, Stelzfüße, Einäugige und dann wieder junge Bur« fchen, die nicht arbeiten wollen oder keine Arbeit finden, und halbwüchsige Kinder. Hübsche Blumenmädchen giebt es aller» dings auch, aber die verkaufen ihre Blumen nicht auf der Straße, sondern eilen von Local zu Lokal, um an die Gäste ihre Veilchen und Maiglöckchen loszuwerden. Sie nehmen an manchem Abend ein guter Stück Geld ein, doch die armen Kinder haben nichts davon, denn das Geld wird ihnen meist von den Frauen, die ihnen Kost und Logis geben und sie mit den hübschen Schwarzwälderinnenkostümen ausstaffiren, abge« nommen.
Doch nun zurück auf die Straße. Neben den Vertreter« der genannten Categorien giebt es «och Unzählige, die mit allem Möglichen und Unmöglichen handeln — „wie's trefft", wie der polnische Jude sagt. Da geht ein Mann am Stra« ßendamm entlang, der einige ganz junge Möpse in den Armen hält, um sie Liebhabern zu verkaufen. Die armen Thierchen zittern vor Kälte und Schwäche, und es ist sonderbar anzu« sehen, wie der Mann, aus dessen verwitterten Zügen ein sturmbewegtes Leben spricht, die kleinen Thiere zärtlich streichelt. Plötzlich tönt neben Dir eine tiefe, wie aus dem Grabe kommende Stimme langsam und jede Silbe betonend: Wachs-streich-höl-zer. Du blickst Dich um und siehst einen steinalten Mann, mit mächtigem, wirren Silberbart, in einem verschlissenen, zerfetzten Rock; das Mitleid erfaßt Dich und Du giebst ihm einen Groschen. Aber im nächsten Augen« blick überlegst Du, ob Du den Nickel nicht lieber jener bleichen, halb verhungerten Frau hättest geben sollen, die Dir Notizbücher, das Stück für 5 Pfennige, anbietet, oder jenem kaum zwölfjährigen Mädchen, das in der kalten Winternacht oder bei dem sprühenden Frühlingsregen in seinem dünnen Kleidchen erbärmlich friert, und Dich mit zitternder Stimme bittet, ihr einen Kalender oder bergt abzukaufen, weil der Vater fie schlage, jwenn sie nach Hause komme, ohne etwas verkauft zu haben. Das Mitleid erfaßt Dich, Du ziehst Deine Börse, giebst auch dem Kinde eine Kleinigkeit und gehst
Plötzlich hörst Du, wie dieselbe Stimme, die da Dein höchstes Mitleid erregt hat, lachend ein frivoles Wort ausspricht. Du wendest Dich um und siehst, daß das junge Mädchen von einigen Wüstlingen umringt ist, die ihr frivole Worte zurufen, denen sie, die kaum den Kinderschuhen ent« wachsen ist, in derselben Weise antwortet. Glaube nur nicht, daß dieses junge Mädchen eine Ausnahme ist. Alle die vier« zehnjährigen Knaben und die noch jüngeren Mädchen, die Nachts in der Friedrichstadt oder an anderen belebten Orten ihre Maaren feilbieten, sind durch das nächtliche Treiben, das sich in ihrer unmittelbaren Nähe abspielt, verdorben. Der Weg, den fie in späteren Jahren wandeln werden, ist ihnen vorgezeichnet: er führt in die Tiefe. Sie fristen ihr junges Leben von der Straße, von dem Mitleid oder der Kauflust später Nachtschwärmer, und die Straße fordert ihren Lohn dafür und verschlingt sie, wie sie eine Generation vorher ihre Eltern verschlungen hat.
— Druck und Verlag der Brühl'schen UniverfiMS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Scheyda) in Gießen.
34 bei der der jetzi, director fachen S Gründer hatte.
Re, in Oeste specieller besondere Namens wurde id sondern niffen de
Pol die direc Tages n fahrt ab einen „ls
Mi! unteren „Pennbr nennt.
Es Secte dl ihre Sack und Rich Sinne gi Verbrech,
Der enthalt d ste mit 2 tigt«. E d, h. im


