Ausgabe 
1.8.1896
 
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Minuten für «ich übrig? Darf ich Ihnen nicht heute die Erklärung geben, die Sie vor einem Jahre nicht anhören wollten?"

Und wenn sie ihm auch keine Antwort gab, so litt sie es doch, daß er sie zu einem Sessel führte, in welchen sie sich widerstandslos sinken ließ, während sie mit beiden Händen ihr Antlitz bedeckte.

Was er zu ihr sprach, waren nicht viele Worte, aber der warme, innige Klang seiner Stimme senkte sich tief in ihr Herz. Sie mußte auch von seiner Erklärung vollkommen befriedigt sein, denn als jetzt in der weitgeöffneten Thüre Curt und Hedwig Arm in Arm erschienen, da zog Rheins­berg die nicht mehr Widerstrebende in seine Arme und rief dem Freunde mit mühsam unterdrücktem Jubel zu:Herr Curt von Thelen, es ist eine neue Bedingung in unfern Con« tretet aufzunehmen und diese lautet: Die Familienwohnung des Administrators Rheinsberg ist so schnell als möglich aus» zubauen und zur Aufnahme einer jungen Frau vorzurichten."

Hurrah, Fredi, die Bedingung nehme ich an I Eine größere Freude hättet Ihr Beide uns nicht machen können, nicht wahr, Hede?"

Fremdkörper im Ohr.

Von Dr. H. Grumbach.

------- (Nachdruck verboten.)

Durch unvorsichtiges und ungeschicktes Herumbohren im Ohre ist schon manches Unheil angerichtet worden. Hat sich das Ohrenschmalz verdickt oder ist es lange nicht entfernt worden, so daß es ein juckendes, kitzelndes Gefühl verursacht, dann ergreifen viele den ersten besten spitzen Gegenstand und bohren damit gewaltsam im Ohre herum. Wie ost sind da­durch schon Verletzungen der zarten inneren Haut ober gar des Trommelfells entstanden! Später, oft lange nachher, zeigt sich dann Eiter im Ohre, bald greift da» Geschwür immer weiter um sich, geht auf das Gehirn über und bis­weilen tritt sogar der Tod ein.

Noch schlimmer und schneller aber stellt sich das Unheil ein, wenn Theile des in das Ohr eingeführten Gegenstandes abbrechen. So mancher stochert z. B. ganz gedankenlos, ohne weiter die Folgen zu beachten, mit dem gerade in der Hand befindlichen Bleistift tief im Ohre herum. Plötzlich bricht die Spitze ab. Nun werden zuerst mit den Fingernägeln, dann mit Zahnstochern, Streichhölzern und dergleichen Instrumenten alle möglichen Versuche gemacht, den Fremdkörper wieder zu entfernen. Gelingt dies wirklich, so kann man von großem Glück sagen. Meist aber wird bei diesen Extractionsversuchen weil sie ohne jede Keuntniß der baulichen (anatomischen) Verhältnisse de» Ohres aurgeführt werden der betreffende Gegenstand immer tiefer in dem Gehörgang hineingeschoben, auch treten mehrfach kleinere, aber für die zarten inneren Theile höchst verhängnißvolle Verletzungen ein. Selbst für den Arzt wird es dadurch trotz der jetzt so vervollkommneten In­strumente, nachher oft unmöglich, den Fremdkörper ohne eine gefährliche Operation zu entfernen. Sowohl diese Fälle, als auch jene, wo namentlich Kinder sich Gegenstände spielend in'» Ohr stecken, führen daher nicht selten zu den schwersten Er­krankungen, ja selbst zum Tode.

Man könnte diese Schilderung für übertrieben halten und da» Krankheitsbilb als zu schwarz gemalt und nicht der Wirklichkeit entsprechend; deshalb will ich einige fachmännische Urtheile und characteristische Beispiele anführen. Professor Schwartze sagt in seinenchirurgischen Krankheiten des Ohres":Alljährlich sterben überall in Folge solcher ungeeig­neter Extractionsversuche eine Anzahl von Kindern. Aus der verhältnißmäßigen Seltenheit der veröffentlichten tödt- lichen Fälle darf nicht geichlossen werden auf die Seltenheit ihres Vorkommens." Es können eben in Folge des Wider­stände» der Angehörigen nur sehr selten anatomische Unter­suchungen nach Todesfällen durch Gehirnentzündung oder durch Eiterungen im Gehirne vorgenommen werden, und daher wird auch das Grundübel, die eigentliche Krankheitsursache selten erkannt. Aber doch finden sich in der medicinischen Literatur

viele Fälle, welche deutlich beweisen, daß Störungen bei Trommelfelle», Taubheit, Gehirnentzündung und Tod schon häufig die traurigen Folgen der ungeschickten Entfernung von Fremdkörpern im Ohre waren.

Dr. Sabatier sah den Tod durch eine Papierkugel eintreten, welche durch unzweckmäßige Entfernungsversuche in die sogenannte Paukenhöhle des Ohres gelangt war. Es zeigte sich bei der Sectiou eine schwere Verletzung de» knöchernen Daches der Paukenhöhle und eine Eiterung.

Dr. Weinlechner berichtet folgendes: Ein Waisen­knabe steckte sich einen Kieselstein in» Ohr. Er schob tüchtig nach, um ihn, wie er meinte, beim andern Ohre wieder her­auszubringen. Dadurch wurde der Stein fest in die Pauken­höhle gedrängt. Es trat Lähmung der Gesichtsnerven und nach einigen Tagen der Tod an Gehirnentzündung ein.

Dieselbe Todesursache bewirkte bei einem zwölfjährigen Knaben eine Kaffeebohne im Ohr, welche durch ungeschickte Entfernungsversuche immer weiter in die Paukenhöhle gedrängt wurde.

Viele andere Aerzte berichten ähnliche Fälle, in denen Johanuisbrodkerne, Kieselsteine, Bohnen, Kirschkerne auf ge­waltsame Weise tief in das Ohr gepreßt wurden und Ver­letzungen der Paukenhöhle, Zerstörungen des Trommelfelles u. f. w. veranlaßten. Und wenn auch wirklich solche laien­hafte Operationen nicht immer gleich diese schlimmen Folgen haben, so bewirken sie doch fast stets eine Schwellung des Innern Ohres und erschweren dadurch die späteren ärztlichen Eingriffe ganz bedeutend. Mit Recht sagt Professor Bezold: So einsach und sicher die Entfernung aller von Extractions­instrumenten in Laienhand unberührt gebliebenen Fremdkörper im Ohr, nach den Erfahrungen sämmtlicher Autoren, gelingt, so schwierig wird die Aufgabe, wenn der Körper durch Unge­schicklichkeit bis tief in den inneren Gehörgang vorgeschoben ist."

Möge daher Jeder, wenn einmal ein Gegenstand welcher Art er auch sei, groß oder klein ins Ohr gekom­men ist, die Hand davon lassen und nicht durch gewaltsame Entfernungsversuche großes Unheil anrichten. Das einzige Experiment, welches man selbstständig ohne Gefahr und sehr oft mit Erfolg ausführen kann, ist folgendes: Man neige den Kopf ganz tief nach rechts ober links, je nachdem der Gegen­stand im rechten ober linken Ohre sich befindet. Dann ziehe ein anderer die äußere Mündung des Gehörganges mit beiden Daumen energisch auseinander und der Patient rüttele und schüttele dabei mit dem Kopse und stampfe und hüpfe auf dem Beine der betreffenden Seite. Im vorigen Sommer traf ich auf einer Waldwiese mehrere Knaben, welcheRäuber und Soldat" spielten. Es schien aber gerade allgemeiner Friede zu herrschen, denn ohne von Holzsäbel und Schleuder Gebrauch zu machen, standen sie ängstlich-ruhig dicht bei einander. So­gar dieRäuber" machten trotz ihrer Hahnenfedern am Hute höchst muth- und rathlose Gesichter. Ich wagte mich daher näher heran und fragte, was geschehen sei. Da zeigten sie mir einen jämmerlich heulendenRäuber", welchem ein Stein­chen im Ohre saß. Er hatte sich vorher mit dem Ohre ganz dicht auf die Erde gelegt, um das eventuelle Herannahen der Soldaten besser zu hören. In seinem jugendlichen Eifer hatte er dabei wahrscheinlich das Ohr so fest auf den Boden gedrückt, daß der Stein gewaltsam hineingepreßt wurde. Ich wandte nun die vorhin geschilderte Methode an und alsbald fiel das Steinchen heraus. Nach kurzem Dank stürmten dann wieder Räuber und Soldaten wuthentbranut aufeinander los.

Hat dieses Experiment aber keinen Erfolg, so stehe man von allen weiteren Versuchen ab und nehme sofort ärztliche Hilfe in Anspruch.

Es mögen auch die Eltern ihre Kinder wiederholt auf die großen Gefahren aufmerksam machen, welche Fremdkörper im Ohre bringen können, damit die Kleinen nicht im Spiele sich solcheaus Spaß" hineinstecken. Ebenso sollen Erwachsene kein böses Beispiel dadurch geben, daß sie zum Entfernen de» Ohrenschmalzes Streichhölzer, Zahnstocher oder gar die leicht abbrechenden Bleistiftspitzen benutzen.