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Die directe Folge dieses Entschluffes war, daß sich Rheinsberg am nächsten Morgen nach dem Dienst sofort hinsetzte und ein Urlaubsgesuch an sein Regiment schrieb. Hierauf machte er sehr sorgfältig Toilette, fuhr sodann nach Ludwigs- bad hinüber und ließ sich dort bei Ilse Seltikoff anmelden.
Die hochgradige Aufregung, in der das junge Mädchen sich Tags zuvor befunden, hatte einer trüben Niedergeschlagen- heit Platz gemacht und als man ihr jetzt die Karte des Lieutenants brachte, lehnte sie matt in einem Sessel, während Hedwig vor ihr stand und sich in dem Bestreben, die Freundin von der Grundlosigkeit ihres Verdachtes zu überzeugen, in einen wahren Feuereifer hineinredete.
,O, Heda, nun ist er doch gekommen! Aber ich kann ihn nicht sehen I Bitte, bitte, thu' mir den Gefallen und sprich Du mit ihm. Sag' ihm, daß er wieder geht!"
„Unsinn, Kind! Darf doch jeder Verbrecher sich verthei- digen, warum willst Du ihn nicht anhören? Du bist es Dir und ihm schuldig I"
«Nehmen Sie meinen Dank, mein gnädigstes Fräulein, für Ihre warme Fürsprache," ertönte jetzt die klangvolle Stimme des Offiziers von der Thür her. «Verzeihen Sie, Ilse, daß ich gegen Ihren Willen hier eindringe; aber ich muß Sie sprechen!"
«Ach, Herr von Rheinsberg!" rief Hedwig, «wie haben Sie mich erschreckt! Doch Sie müssen mich einen Augenblick entschuldigen —"
Und damit war die junge Dame bereits aus dem Zimmer geschlüpft, ohne auf der Freundin bittendes «Hedwig!" zu achten.
n„ «Me, liebe Ilse!" Mit diesem Ausruf war Rheinsberg stürmisch auf die Geliebte zugetreten, welche von ihrem Sessel aufgestanden war, ihm bleich, aber entschlossen entgegentrat und wie zur Abwehr leise die Hand erhob.
«Einen Augenblick, Herr von Rheinsberg. Sie sind wohl gekommen, um mich zu überzeugen, daß ich in einem Jrrthum befangen war, als ich Ihnen schrieb. Es bedarf nicht vieler Worte. Sagen Sie mir nur Eins, aber auf Ihre Ehre: Haben Sie mich für eine reiche Erbin gehalten oder nicht?"
_ ^se- Sie hätten nicht meine Ehre anzurufen brauchen 1 Ja, ich habe Sie dafür gehalten! Aber —"
»Ich weiß genug, Herr Lieutenant, und ich glaube, Sie werden begreifen, daß wir Beide nun nichts mehr miteinander zu besprechen haben."
„Nein, das begreife ich nicht. Ilse, haben Sie denn gänz vergessen, was Sie mir vorgestern Abend gestanden? 34 »weiß es noch. Soll ich es Ihnen in's Gedächtniß zurück-
„Das ist nicht nöthig, Herr von Rheinsberg. Ich weiß es leider nur zu gut! O Gott, daß ich mich so in Ihnen täuschen mußte!"
_ «Es war keine Täuschung, ich liebe Sie; Sie, Ilse Seltikoff; ich mußte Sie lieben, trotzdem ich Sie für eine Erbin hielt. Ich wehrte mich gegen diese Liebe, ich kämpfte dagegen, eben weil ich Sie reich glaubte und ich bin glücklich, Ilse, daß Sie arm sind wie ich!"
„Wozu diese Comödie? Sie denken vielleicht, ich hätte Sie nur auf die Probe stellen wollen? An ein Mädchen, das er wirklich für arm hält, wird der elegante Lieutenant von Rheinsberg doch keine Liebesbetheuerungen verschwenden! Aber glauben Sie nur, es ist bittere Wahrheit. Doch was thut's? Uebermorgen ist die rechte Erbin da, dann können Sie ja Ihr Glück auch bei ihr versuchen! Ich werde Sie nicht verrathen!" ,, ^Rheinsberg war bei diesen beleidigenden Worten sehr bleich geworden; doch nach einer secundenlangen Pause sagte » in ansch-inend ruhigem Ton: „Ich danke Ihnen, mein gnädigste» Fräulein! Uebermorgen bin ich nicht mehr hier, kann also von Ihrer Güte keinen Gebrauch machen. Leben Sie wohl!
M Und mit einer tadellosen.Verbeugung verließ er das Zimmer.
, -Ilse, Ilse, was hast Du gethan?" rief Hedwig, die ihm in der Thür begegnete und offenbar dis letzten Worte gehört hatte. „Das wird er Dir nie vergeben!"
„Ich weiß es," entgegnete die Angeredete tonlos.
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Mehr als ein Jahr war vergangen.
Die Herbstmanövsr waren vorüber und in wenigen Tagen sollte die Hochzeit von Curt und Hedwig stattfinden.
Ilse Seltikoff befand sich schon seit einiger Zeit im Hause des Landraths zu Besuch, denn Hedwig konnte natürlich die wichtigste Feier ihres Lebens nicht ohne die geliebte Freundin begehen. Ilse war zwar sehr ungern an die Stätte zurückgekehrt, wo sie die schönsten und die traurigsten Tage ihre» Leben« zugebracht. Aber Hedwig wünschte ihr Kommen so ernstlich, daß sie nachgeben mußte. Brauchte sie ja doch keine Begegnung mit Rheinsberg zu fürchten, denn wie Hedwig ihr geschrieben, hatte er seinen Abschied genommen und Jckstädt verlassen.
Die beiden jungen Dämen waren heute allein. Curt und der Landrath waren in die nächste größere Stadt ge- fahren, wo sie noch Einiges zu besorgen halten, das an der Ausstattung der Villa sehlte, die der junge Offizier für sich und seine zukünftige Frau hatte bauen lassen. Außerdem be- absichtigte Curt, mit einem Herrn zusammen zu treffen, den er al» Administrator für einen Gütercomplex an der polnischen Grenze engagirt hatte, welcher ihm vor ungefähr Jahresfrist durch Erbschaft zugefallen war.
„Der Herr ist ein alter Freund meines Schwiegersöhne» und kommt direct von der landwirthschaftlichen Schule," hatte der Landrath am Morgen zu Ilse gesagt. „Auch so eine neumodische Erfindung," hatte er brummend hinzugefügt, „früher nahm man practische Landwirthe für solche Stellen."
Der Zug, der die Herren zurückbringen sollte, mußte bald eintreffen, und da Hedwig den Bräutigam den ganzen langen Tag hatte entbehren müssen, so sollten sie direct nach Hause kommen und den neuen Administrator zum Abendbrod mitbringen.
Hedwig war eben in ihr Zimmer gegangen, um ihr reizendes Persönchen noch etwas reizender zu machen, und Ilse stand am Fenster desselben Salons, al« der Wagen unten vorfuhr.
Es war schon zu düster draußen, um mehr al« die Umrisse der Gestalten zu erkennen, und so sah sie nur, daß der Fremde eine hohe, elegante Gestalt hatte und ein Etwa« in den Bewegungen, das ihr bekannt vorkam. Doch es mochte wohl nur das sichere Auftreten eines Mannes von Welt sein, das sie anheimelte.
Jetzt ertönten Schritte im Corridor und Ilse hörte Curt sagen: „Geh' nur einstweilen da hinein; ich muß zuerst zu meiner Braut, komme aber sogleich mit ihr zurück."
Wenige Secunden später wurde die Thür des Salon- geöffnet und in ihrem Rahmen stand, hell beleuchtet von der im Vorsaal bereits brennenden Lampe, — Rheinsberg.
Einen Schritt war Ilse zurückgetreten, aber er war nicht Schrecken, was sich in ihren Zügen malte, sondern eher Staunen und freudige Ueberraschung, mit der sie die Augen auf der stolzen, männlichen Erscheinung ruhen ließ.
„Rheinsberg!"
Sie mußte den Namen wohl ausgesprochen haben, denn der Eintretende, der einen Augenblick den Schritt angehalten hatte, schloß die Thüre hinter sich und sagte: „Ja, Rheinr- berg, aber nicht der elegante Lieutenant von Rheinsberg, sondern der Administrator Rheinsberg. Und dieser darf doch wohl ein anderes Ideal haben, als eine reiche Erbin. Meinen Sie nicht auch, Fräulein Ilse Seltikoff?"
Da kam Leben in die Gestalt des jungen Mädchens und rasch nach der Thür eilend, stammelte sie verwirrt: „Verzeihen Sie - ich will - es ist so dunkel hier -"
Aber rascher noch als sie hatte Alfred die Thür erreicht und seine Hand leise aus ihren Arm legend, sprach er innig: „Ilse, warum fliehen Sie mich? Haben Sie nicht einige


