Nr. HS
SamSlag den 28, September»
1885.
smiliökßlüttsk
leneKer
HnterhaMngMatt zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).
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Ihr Vermächtniß.
Äemon »en Marimilian Stoegtlia.
(Fortfetmig.)
Heyd wurde von dem Baurath Wiebe in Dirschau sehr freundlich empfangen. Er gab ihm seine volle Zufriedenheit zu verstehen betreffs der Arbeiten, dis er seit einem halben Jahre geleitet und der von ihm eingesandten Plänen zu Bauten, die noch in Aussicht standen.
Lange conferirten sie über wichtige technische Fragen im Tiefbau, besprachen insonderheit den nahezu vollendeten Bau der Dirschauer Brücke und das Projekt der noch größeren Weichselbrücke bei Fordon-
„Wir hatten erst beschlossen, Sie nach Memel-Insterburg zu senden, Herr Baumeister, doch ist hierin eine Aenderung eingetreten und Sie dürften bald zur internen Bauverwaltung beordert werden. Ihr neuestes Werk, Herr Heyd, zu dem ich Ihnen noch meine volle Anerkennung ausdrücke und viel Glück wünsche, hat Sensation gemacht und wird es sicherlich auch in den weitesten Kreisen thun. Wie gesagt, wir waren völlig überrascht und es dürfte für Sie noch etwas nachfolgen."
Und der Baurath lächelte so vielsagend, als wüßte er ganz genau, was Heyd bevorstand.
„In vierzehn Tagen werde ich Ihre Bauten abnehmen; doch nun kommen Sie, Herr Baumeister, wir wollen hinüber gehen, der Zug von oben ist schon durch."
Nun schritten sie nach der anderen Seite der Bahnhalle und fuhren nach Danzig.
Der joviale Baurath behandelte Heyd mit so großer Herzlichkeit, wie er es gegen einen Sohn nicht hätte anders thun können und wer weiß, ob er in diesem talentvollen Mann nicht eine paffende Partie für eine seiner Töchter erblickte.
Auch Lydia und Elsa, die Töchter des Baurathes, waren bestrebt, ihren gern gesehenen Gast so gut wie irgend möglich zu empfangen und zu bewtrthen.
Elsa, die jüngere Tochter, die ganz dem Wesen ihres Vater» glich, liebte lustige Gesellschaft und war stets heiter und guter Dinge. Lydia dagegen glich mehr ihrer seligen
Mutter. Aus dem schönen Gesicht dieser Tochter, das von einer Fülle dunklen Haares umrahmt war, strahlte edle An» muth. Schon frühzeitig war sie wirthfchaftlich erzogen und wiewohl sie den ganzen Hausstand leitete, schwärmte sie doch besonders für Kunst und Literatur. Ihre Aquarellen — sie malte mit Vorliebe Landschaften — zeigten viel Talent und ganz begeistert war sie, wenn sie aus Hamlet vorlas und träu» mend blickten ihre Rehaugen in die Leere, wenn sie sich in Faust vertiefte.
Heute hatte sich Lydia mit großer Sorgfalt gekleidet, denn sie hatte für den Baumeister, der heute da» dritte Mal ihr Gast war, ein ganz besonderes Interesse, aber auch mit keiner Wimper hätte sie dies verrathen.
Im Sommer waren „Bauraths", wie sie ihre vielen Bekannten unter sich zu nennen pflegten, ständige Gäste in Zoppot, wo es ihnen an Unterhaltung und Zerstreuung ebenso« wenig fehlte, wie zur Winterszeit im Winter»Club, in dem der Herr Rath langjähriges Mitglied war. Bälle und Gesellschaften begannen um die Weihnachtszeit und frohe und ver« gnügte Stunden brachten sie mit sich, denn hier sagte man sich: Jeder thue seine Pflicht und gehe froh durch's Leben.
Bon all' den Männern aber, die Lydia dort im Laufe der Zeit kennen gelernt hatte, erschien ihr doch keiner so aufrichtig, wie gerade Heyd.
Wie liebliche Musik klangen seine Worte ihr in den Ohren und sein Erzählen, bar aller Effecthascherei, so einfach, natürlich und wahr, fiel auf ihre Seele wie Mairegen auf duftige Flur.
„Herr Baumeister, Sie werden nicht errathen, von wem wir Ihnen einen Gruß zu übermitteln haben," sagte Else, al» sie bei Tische saßen, freudig auf Heyd blickend.
„Einen Gruß an mich! Fräulein Wiebe — das kann ich wirklich nicht errathen, wer könnte es auch fein!"
„Ein alter Freund von Ihnen, Herr Baumeister, und wenn auch die Zahl Ihrer Freunde nicht allzu groß fein mag, so werden Sie doch mit den Wenigen gern in fröhlichster Gesellschaft verkehren," erwiderte Else.
„Nein, gnädiges Fräulein, ich weiß in der That nicht, wer es sein könnte, so weit ich mich auch erinnere."
„Nun, so will ich es Ihnen leichter machen, Herr Baumeister," bemerkte Else und sah mit heiterer Miene von dem


