Ausgabe 
27.8.1895
 
Einzelbild herunterladen

Dienstag den 27. August

«irdliculilälkr

isksksr

HnterWMgMaU zum Gießener Anzeiger (General-Anzeiger).

''r'*

W

In KMarLin als Kasakm-Hetma.

Humoreske von A. Tholuck.

- '+ . (Nachdruck verboten.)

Zu Anfang der 20er Jahre hatte das Schicksal eine An« zahl junger Freiwilliger des X. Artillerie-Regiments in die kleine, aber reizend gelegene Bergfestung G. . .dicht an der Grenze verschlagen, wo sie in Folge der absolvirten Brigade» schule zu Bombardieren, allerdings mit der ziemlich weitgehen­den BezeichnungBice" ernannt worden waren. DasVice" vor der Charge deutet sehr zart an, daß der Inhaber der Charge wohl die vollkommene Berechtigung zur Führung dieses Dienstcharacters hatte, jedoch in Folge der damaligen mißlichen Finanzverhältnifle nur den Gehalt eines Kanoniers bezog. Die in G. zusammengezogenen Vice-Bombardtere ragten über ihre etat-mäßigen Herren Kameraden dadurch weit hervor, daß sie gut erzogen und, was die Hauptsache, wiffenschastlich weiter waren, zum Theil schon verheiratheten, älteren Leute. Natur­gemäß bildete dieser Vorzug ein festes Band unter den jungen Leuten, und bald sah man die Bürgerkreise sich für die flotten Bombardiere interessiren und ihnen gesellschaftlich einen Platz einräumen, welcher früher den Soldaten selten zu Theil wurde.

So war auch der Carneval herangekommen und mit ihm der Maskenball der Bürgerreffourcs, welcher nach altem Her­kommen in dem außerhalb der Festungswerke belegenen Amalien- thal stattfand. Auf Veranlaffung einiger Bombardiere, deren Wort in Vergnügungssachen etwas galt, war der Ball der Bürgerreffource einen Tag nach dem der adligen Reffource gelegt worden nur weil die Herren Bombardiere in Folge ihrer Verbindung mit den Burschen und auch vielleicht den Kammer­mädchen der Offiziere sehr leicht zu eleganten Masken kamen, deren Beschaffung ihnen bei dem höchst geringen Solde nicht möglich gewesen wäre- Der Tag des Balles war gekommen und alles, was nur irgend courfähig in der Bürgerreffource war, hatte seine Vorbereitungen getroffen. Sehnlichst wurde die Dunkelheit herbeigewünscht und endlich nach Beendigung des Abenddienstss konnten die tanzlustigen Bombardiere sich in die Masken werfen und zur Wohnung ihrer Damen eilen, um diefel^n zum ferneren Amalienthal zu geleiten.

. Einer der Bombardiere, nennen wir ihn Waldau, hatte vas Glück gehabt, den polnischen Burschen seine» Premier­

Lieutenant» Grafen v- P. zur Hergabe von dessen Maske zu bewegen, welche letzerer sich von Berlin verschrieben hatte und zwar war die« die Originaluniform eine» Hetmans der Garde- Kosaken, welche sich durch ungemein reiche Goldstickerei und Eleganz auszeichnete. Mit Mühe war der derbe schlesische Bom­bardier in die Uniform des russischen Häuptlings hineingezwängt, die juwelenstrotzende Carabella umgegürtet und die Beine mit glänzenden Lackleder-Stulpen bekleidet. Dann wurde der sehr fadenscheinig aussehende Comismantel übergewofen, dieIn- terimsMütze" auf das braunlockige Haupt gestülpt und nun der Weg zum Haufe der Geliebten angetreten, welche außerhalb des Feldthores bei ihren Eltern wohnte. Auf dem Wege dorthin mußte Waldau verschiedene Hauptstraßen passtren, wobei er da« Glück hatte, keinem Offizier zu begegnen, da ihm da« Grüßen derselben unmöglich wurde, daß er die mächtige Bären­mütze, welche den Hauptschmuck seines Costüms bildete, unter dem Arme tragen und sich außerdem den Mantel wegen der reichen Goldstickerei fest zuhalten mußte. Glücklich bis an die damals von einem Offizier commandirte Feldthorwache gekom­men, wollte es das Schicksal, daß dicht vor dieser ihm der Wind den Mantel ausriß, so daß der Posten vor Gewehr die reiche Goldstickerei und die breiten rothen Streifen zu sehen bekam. Mit wahrer Stentorstimme brüllte der Posten:Heraus" und Waldau hatte die größte Mühe, seinen Mantel fesHuhalten, während der eben heraustretende Offizier die Armbewegungen fürAbwinken" hielt und deßhalbSchultern und Abtreten" ließ. Die Angst des armen Kofaken-Bombardiers war un­beschreiblich und man wird die Hast, mit welcher er an der Wache vorüberzukommen versuchte, sehr erklärlich finden; end­lich hatte er da» Hau« seinerLisette" erreicht und eilte mit dieser dem EldoradoAmalienthal" zu. Hier wurde jede» maskirte Paar mit einem Tusch der Kapelle empfangen und bald formirte sich die zahlreiche Gesellschaft zur Polonaise. Verschiedene Ueberraschungen waren angekündigt und ein Jeder amüsirte sich auf da« Beste. Besonderes Aufsehen machte ein Paar, welches in der Tracht der lithauijchen Bauern auf einer Trage, welche im gewöhnlichen Leben zum Herausschaffen von Streu aus dem Garnisonstalle diente, durch 6 Kanoniere in räthselhafter Uniform bis in die Mitte des Saales spedirt wurde, wo der Cavalier graziös seiner Dame herabhalf, «ährend di» Kanoniereohne beizutreten Kehrt machten" und mit ihrer