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nung nach der junge Mann am meisten zu beklagen ist, aber er hat das Schicksal selbst herausgefordert und muß nun die Folgen tragen."
„Darf ich fragen, für wen Du ihn hältst?" fragte die Lady kalt.
„Wir dürfen in ihm nur den Mann, den Netta erwählt, sehen und für den sie ihren guten Ruf auf's Spiel setzt," ent» gegnete Lord Treville. „Und wenn Du klug bist, Emily, wirst Du heute bei der Trauung zugegen sein. Martan wird der Trauer wegen nicht kommen und Miß Cora wird schwer« lich der Aufgabe gewachsen sein, ihre Nebenbuhlerin zum Altar zu geleiten."
„Ich verstehe Dich nicht, Bruder," bemerkte Lady Emily stolz.
„Das ist möglich ... doch thätest Du gut, mir zu vertrauen und Dich meinen Wünschen zu fügen," antwortete der Graf. „Willst Du in die Kapelle kommen oder nicht?"
„Um unseres armen Bruders und seiner Tochter willen, die er mir anvertraute, sollte ich wohl kommen," lautete die Antwort, „doch Eines muß sicherlich geschehen, Bruder . -. das Schreiben, das der Vater unserer armen Netta hinterließ und das bei ihrer Verheirathung oder wenn sie siebzehn Jahre alt ist, geöffnet werden soll, muß vorerst gelesen werden- Nur unter dieser Bedingung kann ich mich mit dem Opfer einverstanden erklären."
„Gut! Das kann nachher geschehen. Das Testament gibt mir unbeschränkte Vollmacht, ihr zum Gemahl zu wählen, wen ich als passend für sie halte," versetzte der Graf.
„Hier half kein Bitten, das wußte Lady Emily. Es blieb ihr nichts Anderes übrig, als durch ihre Toilette ihren stolzen Unwillen über eine solche Verbindung zu zeigen. Demgemäß kleidete sie sich in dunkelvioletten Sammet, dem ein schwarzer Spitzenshawl den gewünschten Ernst verlieh, und gemeßenen Schrittes begab sie sich in das Zimmer, das sich neben der kleinen zu dem Hause gehörigen Kapelle befand.
Hier war schon eine kleine Gesellschaft versammelt. Der Graf, Frau Falkner, Adele saßen auf den Bänken der Kapelle, während Rupert in stolzem und düsterem Schweigen nahe am Altäre stand, wo der Priester fchon wartete.
Da öffnete sich die Thür und Retta trat ein, gefolgt von Cora.
„Was soll das? Wie können Sie ohne meine Erlaubniß hier erscheinen?" fragte der Graf in kaltem Ton, obwohl fest bewundernder Blick seine Worte Lügen strafte.
„Ich sehnte mich darnach, zugegen zu sein und dem Brautpaar meine besten Wünsche und meine Verzeihung aus- zusprechen," antwortete Cora ruhig. „Ich habe wohl ein gewisses Anrecht darauf, Mylord, bet einer solchen Gelegenheit Lord Faros hinterlassene Tochter und meinen früheren Beschützer und Freund zum Altäre zu begleiten."
Es war wirklich ein schönes Paar, wie sie da neben einander standen, diese junge Braut in dem einfachen weißen Kleide, das bester für ihre mädchenhafte Gestalt paßte, al« die eleganteste Toilette, und Cora in dem schweren weißen Seidenkleid, das eine weniger vollendet schöne Gestalt eher verunzier! haben würde, ihr aber nur ein noch malerischeres Aussehe verlieh. Nettas anmuthige Gestalt war graziös in de« weite Schleier gehüllt, der in ihrem Haar durch den Pfeil befestigt war, welchen Rupert ihr gegeben hatte.
Aber in seiner Aufregung achtete Graf Treville nicht aus solche Dinge. Sein Hauptwunsch schien zu fein, die Trauung seiner eigensinnigen Nichte mit dem Mann ihrer Wahl so schnell al« möglich vollzogen zu sehen.
Die Ceremonie begann und mit einer gewiffen Bitterkeit lauschte Lord Treville den bindenden Worten und blickte dabet auf Adeles mürrische Züge. ,
Endlich war es vorbei. Die Gelübde waren gesprochen und Netta war die Gemahlin des einfachen Bremer Seemanns- Der eigensinnige Wunsch des wunderlichen Einsiedler« wa erfüllt. Der Nichte war in ihrem launischen Gebahren Ein halt gethan und alle Pläne Frau Falkners vernichtet-
„Netta, ich wünsche Dir Glück und Muth und Ausdauer,
mir zu theilen, wenn nur die geringste Hoffnung für mich ist, daß ich sie beglücken kann, wie sie es verdient!"
Und Ernst machte sich daran, seinen Entschluß so rasch auszusühren, wie er ihn gefaßt hatte. Doch hegte er noch den geheimen Wunsch, irgend ein Andenken an die einstige Bewohnerin dieses einfachen Häuschens mit sich zu nehmen ... ein Wunsch, den er gegenüber der leidenschaftlichen, eifersüchtigen Adele und deren Beschützerin nicht zu äußern gewagt hatte.
„Jeanette, misten Sie, welches Zimmer Fräulein Cora bewohnte?" fragte er die junge, einfältige Bäuerin, die man zu seiner Bedienung zurückgelassen hatte.
„O gewiß .... ich liebte Fräulein Cora so sehr und das arme Ding ging so rasch davon, daß sie gar nicht Adieu sagen, noch irgend etwas mit sich nehmen konnte," entgegnete sie.
Und sie führte ihn in die kleine, saubere Kammer, welche Cora als Schlafstube gedient hatte.
Ernst sah sich neugierig darin um. Vielleicht erinnerte ihn die Kammer an das Zimmer auf Schloß Biddulph, das ihm als Versteck gedient hatte. Konnte es denn nicht möglich sein, daß sich irgend ein geheimes Versteck darin befand? Es war vielleicht eine wunderliche Idee und doch erfaßte sie der junge Mann voll Eifer und vorsichtig glitt feine Hand über jeden Spalt in der Mauer, um sich zu vergewissern, ob nicht irgend eine Unebenheit, irgend eine Oeffnung eine geheime Feder verrieth . . . aber, wie es anfangs schien, vergebens. Schon war Ernst im Begriff, sein Suchen voll Verzweiflung mit einem spöttischen Lächeln über seine eigene Thorheit auf« zugeben, als seine Finger einen Gegenständ berührten, der sich bei näherer Betrachtung als eine kleine Feder erwies, die er sofort zu drücken versuchte. Sie war verrostet und es dauerte eine Weile, ehe sie seinem Drucke nachgab und eine Art schmalen Schrank im Getäfel zeigte, der ein Regal hatte, auf dem ein kleines Bünde! Wäsche lag. Er zog das Bündel hervor und ohne über das, was er that, weiter nachzudenken, öffnete er es und untersuchte seinen Inhalt.
Er errieth sofort, welcher Art die hier so sorgfältig verwahrten Effecten waren- Er hatte Cora so oft von den einzigen Beweisen ihrer Abstammung sprechen gehört, daß er jetzt nicht zweifelte, daß er Kleider und Erinnerungen aus ihrer Ktnderzeit vor sich hatte.
„Aber von welchem Nutzen können sie sein?" murmelte er. „Als ob all' diese Spitzen und Linnen, in welche so kleine Kinder gehüllt werden, nicht alle gleich aussähen! Cora hat nicht viel zu erwarten, wenn diese Sachen das Einzige sind, was Aufschluß über ihren Namen und ihre Geburt geben faml u
Dabei ließ er das kleine, farblose Kleidchen, das ohne Zweifel ein Stolz irgend einer Mutter oder Wärterin gewesen war, zur Erde fallen.
Das Kleid berührte im Falle seinen Fuß und er glaubte einen eigenthümlichen Ton vernommen zu haben, der kaum von dem weichen Stoff herrühren konnte.
Er hob es wieder auf und untersuchte es genauer und entdeckte schließlich, daß irgend ein Gegenstand sorgfältig in den breiten Saum des Röckchen eingenäht war.
Lord Belforts erster Gedanke war, den Saum aufzureißen. Da besann er sich aber, daß man vielleicht an der Wahrheit seiner Aussagen zweifeln würde, wenn er ohne Zeugen das Geheimniß entdeckte und er hielt inne. Lord Belfort faßte dann einen kühnen Plan. Er beschloß, sich in seiner Sache an den Bruder des verstorbenen Lord Faro, an den in Frankreich lebenden Grafen Treville zu wenden, um diesem Aufklärung zu geben und mit dessen Hilfe vielleicht Begnadigung in England zu erlangen.
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„Du willst wirklich unsere Netta zu einer Heirath mit diesem unbekannten Abenteurer zwingen?" fragte Lady Emily entrüstet. „Bruder, wie kannst Du da« vor Deinem Gewissen verantworten?"
„In dieser Beziehung bin ich sehr ruhig. Laß Dir agen, Emily," erwiderte der Graf ernst, „daß meiner Mei«


