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Die Jahre ziehen hin und der Franz wird dem Stephan ersetzen, war dem sein unglücklicher Vater raubte: Er wird ihm ein ganzer Sohn und Erbe de» Hofe» werden. Vorläufig aber hält noch der Stephan mit fester Hand die Zügel und freigeben wird er fie erst dann, wenn'» an der Zeit ist.
Wie da» Licht der Laterne in da» Schneegestöber hinaus- fiel, erweiterten sich plötzlich Stephan» Augen.
Was war da»? Auf den Stufen lag wirklich ein Mensch I
Die Thüre riß der Stephan auf und stürzte über die Schwelle. Ein voller Schneewirbel blies ihm in'» Gesicht; er achtete nicht darauf.
Da vor seinen Füßen lag Einer und der Stephan wußte es, das war der Anton. Der hielt sein Versprechen, war heimgekommen, um im Vaterhaus zu sterben, nachdem er dort nicht mehr leben gekonnt.
Heute wandt sich der Sohn nicht im Schnee wie vor drei Jahren, heute flehte und bat auch der bleiche Mund nicht um Ausnahme. Und dennoch nahm ihn heute der Vater ans, ohne Bitten — weit offen stand die Thür und der Wind fegte den Schnee in'» Hau».
Auf den Stufen int Schnee kniete der Stephan neben seinem Sohne und fuhr ihm mit der Hand über da» Gesicht und that dann einen langen Aufschrei. Der vor ihm war tobt — nun wirklich tobt!
Aber wenn er doch noch lebte? Nur für kurze Zeit, damit er noch die Seinen erkannte und ruhig sterben konnte.
Während im Hause oben Licht aufflammte und Geräusch entstand, nahm Stephan den Körper seines großen Sohnes wie ein Kind in seine Arme und trug ihn in'» Haus.
Auf Händen getragen in'» Vaterhaus I Wenn Anton sich selbst und seinen alten Vater sehen könnte I Das Blut hatte sich dennoch nicht verleugnet; einmal brach es sich Bahn; es war eben doch sein Sohn, den er nun tobt über die Schwelle trug. —
In Stephans Hof gab es diese Nacht kein schlummerndes Auge; aber es war Alles vergebens. Der Heimgekehrte erwachte nicht mehr. Zwar kam er todesmatt bis an das Vaterhaus, wie er ersehnt, aber man hörte ihn nicht mehr, wie er leise wimmernd vor der Thür zusammenbrach. Nur der Hund hatte einmal aufgeheult.
Anton war gestorben auf den Stufen de» Vaterhauses.
Weihnachtszeit ist'» wieder, aber keine fröhliche, denn im Haufe liegt Einer auf der Tobienbahre mit einem Herzen, das nicht mehr heiß schlagen, das nicht mehr fühlen und leiden konnte.
Jetzt war aller Zauber von Lampenlicht und Flittergold dahin — nun schlief der Comödiant ruhig unter'm heimaih. lichen Dach. —
Ein „sinniges" Weihnachtsgeschenk.
Der kleine Lix, der eigentlich Felix heißt, so erzählen die „Dresdener Nachrichten", hatte sich schon lange einen Eisenbahnzug mit heizbarer Locomotive gewünscht und dieser Wunsch war ihm nun erfüllt worden. Auf einem besonder« großen Tische neben dem Weihnachtsbaum waren die Schienen gelegt und stattlich nahm sich der kleine Zug aus, der zum Abfahren bereit stand: eine allerliebste Locomotive, ein Tender, ein Gepäckwagen, Wagen erster, zweiter und dritter Klaffe und eine vollständige Holzlowry. Der Zug sollte nun in Bewegung gesetzt und die Freuds des kleinen Lix auf das glanzvollste gesteigert werden. Man brachte Spiritus und Wasser, füllte Beides in die Kessel der Maschine ein, entzündete die Brenner und Alle» stand erwartungsvoll und harrte des großen Augenblicks. Wohl volle fünf Minuten, während das Wasser im Kessel kochte und die Dämpfe sich entwickeln mußten, starrten Alle wie hypnotisirt auf die Locomotive, die mit jedem Augenblick mehr pustete und dampfte. Noch immer stand der Zug unbeweglich. Todtenstille herrschte unter dem lieblichen Weih- nachtsbäum, die Erwartungen hatten eine förmliche elektrische Spannung angenommen. Die kleine, niedliche Locomottve aber spielte jetzt in jener verdächtigen Farbe, welche die Bügeleisen bei höchster Leistungsfähigkeit anzunehmen pflegen. Das Dingelchen sah nicht mehr freundlich au», sondern bösartig und heimtückisch. Und da I Plötzlich sauste die Locomotive und mit ihr der ganze Zug mit einer Kraft und Geschwindigkeit los, die jeder Beschreibung spotten. Wie vom Bösen besessen, rast das Ganze ßexensabbatartig über die Schienen, einem Courierzug gleich, der alle und jede Führung verloren, so schnell, so drohend und wirbelnd, daß die Umstehenden den Bewegungen nicht mehr zu folgen vermögen und nur noch einen mit aller Macht schwingenden Kreis erblicken, unter dessen Wirkungen Hören und Sehen vergeht. Bereits ertönten Hilferufe und die Beherzten machten Versuche, dem verrückt gewordenen Schnellzug ein Ziel zu setzen, da — der Himmel bewahre Jeden vor ähnlichen Weihnachtsüberraschungen — entgleist der Zug und fällt auf den Boden. Die nun ent- stehende Verwirrung ist grenzenlos. Der Zug rast unten am
den Lederstuhl zurück und starrte zur Decke; draußen verhallten die Schritte seines Sohnes.
_ Um seine Kniee streifte etwa»; müde blickte er hinunter: §rani es, der sich vergeblich abmühte, an ihm hinaufzuklettern. Wie frisch das Gesichtchen war! Und wie " deu Stephan an seine Söhne gemahnte — an eine ferne, ferne Zeit!
Neue Kraft fühlte der Stephan plötzlich durch seine Adern nJeine. Muskeln spannten sich. Er stand auf, faßte das Kind unter den Armen und hob es hoch zu sich empor.
Ein voller, goldiger Sonnenstrahl fiel auf Großvater und Enkel. Muthig strampelte der kleine Bengel mit den Beinchen und haschte nach dem Barte des Stephan.
Zur selben Stunde nahm Anton sein Bündel im Hinter- Haus und vertteß die Heimath.
IV.
Drei Jahre sind vergangen.
«n x°Fer ^uft bewirthschaftet der Stephan mit seinem Weib noch immer den Hos. Der Doctor verdient blutwenig a” dieser Familie, denn auch der kleine Franz ist munter wie ein 2$$,tm Jetzt geht er bereit» ein ganzes Jahr zur Schule und wie der sich entwickelt hat! Da» mußte einst ein ganzer Bauer werden und der Stephan kann's ja am Ende noch erwarten. Der denkt noch lange nicht an's Sterben.
Von Anton war nie etwas gehört worden. Aber der Stephan wartete von Jahr zu Jahr im Geheimen; er mußte doch Heimkommen; ihm sagte die» ein inneres Etwa«.
Wiederum ist'« heilige Nacht, so kalt und stürmisch wie damals vor drei Jahren. Heute ließ der Sturm und Schnee- fall aber nicht nach wie damals, al« auf den Stufen des Hauses der verlorene Sohn gelegen und um'Aufnahme gefleht ,
Manch' scheuen Blick warf der Stephan diesen Abend aus dem Fenster nach dem Hofraum. Sonderbar, heute war ihm immer, als müßte dort auf den Quadern vor der Thür etwas int Schnee liegen. Selbst der freudige Jubel des kleinen Franz, der lärmend um den beleuchteten Tannenbaum hüpfte und dann auf dem großen Schaukelpferd ritt, verscheuchte diese Gedanken nicht.
Al« Alles schon schlief, floh ihn der sonst gesunde Schlaf. Mitternacht war längst vorbei - Stephan hörte jede Stunde int Dorfe schlagen — im Hof unten heulte einmal der Kettenhund laut aus, dann war er aber wieder ruhig.
Noch eine halbe Stunde lang hielt sich der Bauer im Bette, dann stand er sachte auf, um Niemand zu wecken und schlich sich mit der Stalllaterne die Treppe hinunter. Vor
Kalte zusammenschauernd, ging er dem kleinen Fenster neben I bet Hausthüre zu. Es war freilich lächerlich, immer zu denken, t da draußen müsse Einer warten, bis man ihn aufnehme — aber dennoch!--


