Ausgabe 
24.8.1895
 
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dessen Uniform ganz mit Blut bedeckt war, denn auch er hatte, unter den Helden des unsterblichen Tages mit der blanken Waffe furchtbar gearbeitet.

Während man stch die verschiedenen Wechselfälle der Schlacht erzählte, sagte plötzlich ein Soldat:Wißt ihr nicht, was man in dem Schlöffe da unten gesunden hat, da«, wie eg scheint, das Hauptquartier der Oesterreicher war? Major Marcel, das könnte Sie interesstren."

Was gab es denn in diesem Schlöffe? fragte unser Philosoph, der an diesem Tage wenigstens entscheidende Ar­gumente, lebende wie tobte, gegen die Barbarei der Kriege vorbringen konnte.

Ein Kind, Major."

Was sagen Sie, ein Kind? Erklären Sie stch näher," sprach Renoe, die herangetreten war, was nicht überraschen konnte, denn man war sicher, den hübschen Sergeanten über­all zu treffen, wo stch der Asststenzarzt Marcel befand.

Die Bürgerin Lefebvre, die Marketenderin vom 13., erkundigte sich über ein Kind," fügte Renoe hinzu.Sagen Sie uns doch, was war es mit dem Kleinen, der unter den Kugeln aufgelesen wurde?"

Ich habe ihn nicht aufgelesen," sagte der Soldat."

Sie haben das Herz gehabt, diesen Unschuldigen im Feuer zu lassen? Das thut kein französtscher Soldat."

Hören Sie, Sergeant," hob der Erzähler wieder an. Wir, ich und ein paar Kameraden, drangen in das ganz verlassene Schloß. Wir gingen sehr vorsichtig, weil wir einen Hinterhalt fürchteten. Diese Stille, diese Ruhe bedeutete nichts Gutes."

Das war ilug," sagte der Major.Fahre fort."

Da bemerkten wir plötzlich, als wir durch ein Keller­loch schauten, etwas wie einen Schatten ich lege an, feuere nichts mehr- Wir steigen in den Keller hinab, hören rufen, fchreien, stoßen die Thüre ein und was finden wir? Einen kleinen Jungen, ganz außer sich, den man dort eingesperrt hatte, und der, als er uns erblickte, sagte:Dort läuft Leonard I Er ist da hinausgelaufen I" Und da« Kind zeigte un« ein zweites Kellerloch, das auf einen äußeren Hof hinausgeht."

Leonard, diesen Verräther findet man überall, wo eine Niederträchtigkeit zu begehen ist," sprach eine Stimme hinter den Soldaten.

Es war Catherine Lefebvre, die herangetreten war und das Ende der Erzählung des Soldaten gehört hatte-

Und was haben Sie gemacht?" sagte ste lebhaft. Sicherlich haben Sie Leonard füsiliert und das Kind ge­rettet. Wo ist er, mein kleiner Henriot? Denn ich bin überzeugt, er ist es, den der Elende gestohlen hatte und dem Baron Lowendaal übergeben wollte. So sprich doch, Faul­pelz!" schrie ste den Soldaten an.

Dieser schüttelte den Kopf.

Leonard ist entwischt. Was das Kind betrifft"

Unglücklicher, Du hast es verlassen?"

Konnte ich mir helfen? Der Schlingel, den Ste Leonard nennen, hatte, ehe er davonltef, an ein von den Oesterreichern im Stiche gelassenes Pulverfaß Feuer gelegt. Wir wären beinahe alle mit der Baracke in die Höhe geflogen, und da mußten wir zum Rückzug blasen."

Meine Freunde," rief Catherine,es wird doch unter Euch an Leuten mit Herz nicht fehlen I Wer will mit mir unter den Ruinen des Schlosses suchen gehen, vielleicht ist der arme Kleine noch am Leben I Nein, Alle auf einmal dürft ihr nicht reden," sagte die Marketenderin, geärgert über das Stillschweigen.

Wir sind schon alle ganz zerschlagen I" sagte einer der Soldaten.

Die Suppe ist noch nicht einmal fertig," meinte ein Anderer.

Morgen muß man beisammen sein, um in Mons ein­zuziehen," fügte ein Dritter hinzu.

Und der, welcher das Abenteuer erzählt hatte, brummte: »In dem verwünschten Schlosse kann man sich vielleicht noch

ein paar Schüsse zuziehen oder mit ein paar Pulverfässern in die Höhe fliegen. So ein Schlingel ist es nicht werth, daß man für ihn seine Haut riskiert."

Dann gehe ich," sagte Catherine,und zwar allein, denn Lefebvre hat bei der Avantgarde Dienst, und Ihr seid zu feig, um mich zu begleiten. Ich habe seiner Mutter ver­sprochen, ihr das Kind zurückzugeben. Mein Versprechen werde ich halten- Trinkt, eßt und schlaft gut, meine Kinder! Guten Abend."

Bürgerin Lefebvre, wenn Sie wollen, gehe ich mit Ihnen," sagte der hübsche Sergeant.Za Zweien hat man mehr Muth."

Sagen Sie zu Dreien!" sprach ein schüchterne Stimme und der lange La Violette erschien. Sein Säbel besaß keine Scheide mehr, seine Uniform war von Säbelhieben zerhackt, auf seinem Kopfe faß der Helm eines Kapitäns der kaiser­lichen Dragoner.

Du kommst mit uns, La Violette? Das ist brav, mein Junge! Du weißt, es handelt stch um unfern kleinen Henriot, denn sicherlich ist er es, den der elende Leonard im Schlosse verlassen hat."

Es handelt sich um Sie, Madame Lefebvre. Sie wissen, ich will Sie nicht allein über die Schlachtfelder gehen lassen."

Im Augenblick, als ste stch anschickten, sich auf den Weg zu machen, verstellte eine dunkle Gestalt ihnen den Weg.

Catherine machte eine Bewegung der Ueberraschung.

Wie, Sie, Major Marcel?" fragte ste erlaunt.

Er kommt mit uns," meinte Renoe sofort.

Werdet Ihr nicht einen Arzt brauchen? Vielleicht ist das Kind verwundet," sagte der Asststenzarzt.

Und alle Vier drangen in die Nacht unter die Tobten, die Trümmer der Geschütze, die zerbrochenen Waffen, welche die glorreichen Abhänge von Jemappes bedeckten.

Unter den Ruinen des Schlosse« Lowendaal sand Cathe- rine den kleinen Henriot, ohnmächtig, aber nur mit leichten Contusionen-

Marcell brachte ihn zu sich, und der kleine Knabe wurde in's Lager zurückgeführt und von dem 13. Regiment als Kind des Regiments adoptirt.

XXL

Der Stern.

Toulon gleich Lyon, Marseille, Cannes und Bordeaux waren eine Festung des Verrathes geworden. Die Royalisten, mit den Girondisten vereint, hatten die Thore der Stadt und das Arsenal der Koalition geöffnet.

Alle Poesie Lamartines, aller Reiz, der den oratorischen Talenten, den Tugenden und dem Rufe der Deputirten der Gironde anhängt, kann ste von dem Verbrechen des Vater- landsverraths nicht amnestiren.

Zu einer Stunde, wo sich Europa auf Frankreich stürzte, der befreiten Nation Gesetze dictiren und ein verhaßtes Re­gime auferlegen wollte, pactirten die Girondisten, ihre Ver­gangenheit vergessend und aus Haß gegen dieBergpartei" und auch aus Furcht, ihre Pflicht verkennend, mit dem Feinde und appellierten an die Fremde.

Andrerseits wachten Robespierre, St. Just, Couthon, Carnot im Wohlfahrtsausschüsse. Die Freiwilligen eilten zu den Armeen; junge Generale, wie Hoche und Marceau, er­setzten an den Grenzen Dumouriez und Custive, die royali­stischen Verschwörer; vor Allem bewirkte ein glücklicher Zufall, daß die Kanonen der Republik vor Toulon und vor der eng­lischen Flotte einem jungen, unbekannten Artilleristen, Napoleon Bonaparte, anvertraut wurden.

Die verrätherische Stadt war von einem exotischen Schwarm besetzt, der aus allen Häsen der Küste zusammengekommen war: Spanier, Neapolitaner, Sardinier, Malteser. Der Papst hatte Mönche gesandt. Das war die Vendoe des Südens, eine schlimmere Vendoe als die des Westens: Die Rebellen besaßen die Meeresstraße, um Verstärkungen zu empfangen und in ihrer Mitte englische Truppen.