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1895

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!»m Gießener Anzeiger (Genrral-Aweigrr)

Unter'm Dach der Heimath.

Eine Weihnachtsgeschichte aus dem Comödiantenleben von Gebhard Schktzler-Perasini.

------- (Nachdruck verboten.)

I.

Hebet das große Dorf strich der eistge Nordwind, drehte den großen Hahn auf der alten Kirche, daß er ächzte und pfiff, als wäre in den rostzerfreffenen alten Körper urplötzlich Leben eingekehrt. Die Thurmglocke summte dazu leise ob den Sturmstößen, welche um ihre erzenen Kanten fuhren. Es war ein recht garstiger Tag, der nun zu Ende ging und morgen war doch großer Feiertag Weihnachtstag.

Schöner heiliger Abend!" murrte deshalb auch der Großbauer Stephan, der, unter der Thür eines stattlichen Gehöftes stehend, die Schneeflocken von Hut und Aermeln klopfte, die er sich eben auf einem Gang in's Dorf gesammelt. Das ist das reine Hundewetter! Ja, zu schlecht für einen Hund!"

Den Schnee von den massiven Sohlen stampfend, schritt er durch den Hausgang nach der Stube.

Er mußte den starren Nacken beugen, wie er über die Schwelle schritt. Der Stephan war trotz seiner vierundfünfzig Jahre fest und aufrecht, mit Muskeln so hart wie Stahl und Eisen.

Ob auch sein Herz so hart? Die Meisten im Dorfe be­haupteten dies, obwohl sie hinzusetzten, daß das Schicksal den Stephan so hart gemacht hätte.

Er lebte mit seinem Weibe ruhig auf dem großen Gut, das abseits vom Dorf und den anderen Gehöften lag, küm­merte sich nie ^übermäßig um die übrigen Dörfler und be- wirthschaftete sein Anwesen mit Hilfe eines halben Dutzend Dienstboten, die alle in dem Hinterhause wohnten und auch dorthin ihre täglichen Mahlzeiten erhielten, denn der Bauer duldete keinen näheren Anschluß.

Die im Hinterhaus waren ihm Leute, die er bezahlte, pünktlich und reichlich, von denen er jedoch auch ebensolche Arbeit verlangte. Sie fielen ihm auch nicht lästig, denn sein finstere« Gesicht, seine allzeit eistge Ruhe schreckten sie schon von vornherein zurück.

Zwei Söhne hatte der Stephan einst und Beide waren ihm verloren. Der Eine der »eitere war seine Freude und sein Stolz gewesen; auch dann noch, al« sie ihn zum Mllitär nahmen. Aber bald rief die Kriegstrommel nach Frankreich und der junge Bauer mußte bett flatternden Fahnen folgen.

Damals waren die Mienen des Stephan noch nicht so eisig gewesen, nur ängstlicher wurden sie von Tag zu Tag, je länger der Kampf währte, je heißer die Schlachten tobten.

Und dann eines Tages stöhnte der Stephan tief schmerz- lich auf beim Lesen eine« Briefes sein ältester Sohn, sein Liebling war gefallen; eine wälsche Kugel drang ihm in da« junge Herz. Nicht zu Hause bei den Seinen, in Vaterland«, lüft, in seinen waldigen Bergen starb er, sondern ein Fremd­ling auf fernem Boden, umwallt von Pulverdampf. In seinem Schmerze hatte der Bauer keinen Sinn dafür, daß sein Sohn mit so vielen Andern auf dem Feld der Ehre für seinen König und sein Vaterland fiel.

Er holte seinen Sohn; wenigstens sollte er daheim, nicht in den Kalkgräberü der Wahlstatt ruhen.

Wie er den Sohn auf dem Wagen von der Bahnstation holte und durch das Dorf fuhr, war'« ihm, als verlöre er dabei ein Stück seines Herzens, das der Tobte hinter ihm nähme.

Nun blieb ihm noch der eine Sohn, für den er all' die Liebe und Sorge hegte, deren er noch fähig war. Aber Anton, der Jüngere, nunmehr alleiniger Erbe des Hofe«, war kein richtiger Bauer. In seinen Adern floß ein phantastische« Blut, da« der Vater nie begriffen hat. Vielleicht «ar da« vom Großvater, der ein Gaukler in seiner Jugend sollte ge- wesen sein, dann eine reiche Bauerntochter im Dorfe freite und sich selber zum Bauer bequemte. Ein richtiger soll er nie geworden sein; jetzt war er längst gestorben.

Anton zählte achtzehn Jahre, al« fein Bruder fiel und sein eigene« Naturell drängte ihn ebenfalls hinaus nach dem Kampfplatz; doch schob diesem Vorhaben das Machtwort de« Vater« eine Wand vor; er mußte bleiben. Freude machte er seinem Vater nicht viel; er war und blieb ein Phantast, der lieber, statt auf dem Felde die Ochsen anzutreiben, am Raine lag und den Wolken nachschaute. Ein Etwas steckte in ihm, was ihm unbequem «ar, am unbequemsten freilich