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ja eigentlich das Resultat nicht fremd sein, aber was uni dennoch überraschen muß, ist der gar zu große Abstand zwischen dem ersten und zweiten Schützen, wie Sie stch, meine werthen Anwesenden, hiernach überzeugen können. So hat denn die Königswürde unter uns der Herr Baumeister Heyd erschaffen und zwar mit einer Ringzahl, einer Ruhe und Sicherheit, die uns wohl Alle in Erstaune« gesetzt hat und wie ich sie noch niemals Gelegenheit hatte zu beobachten. Mir kam es fast so vor, als richte stch das Ziel nach dem Schufle, zust wie bei dem Freischützen, deffen Kugeln nie fehlen und zur mitternächtlichen Stunde in dunkler Felsenhöhle oder am bestimmten Kreuzwege gegoffen sind. Ja, meine Werthen, so unheimlich schien mir diese Ruhe und Sicherheit. Den ersten Ritter begrüßen wir in dem Herrn Lieutenant von Zinnow und den zweiten in Herrn von Wildenau mit zwei Ringen weniger. Auf dem Rehbock war zwar der letzte Herr dem ersteren bedeutend über," sagte der Oberförster freundlich lächelnd, „aber wir müffen nun schon das Gesammtergebniß nehmen."
Dem Herkommen gemäß erhielt nun der König den Eicherkranz, den ihm Hertha ernst und schweigend überreichte; dann brachte der alte Amtsvorsteher das Hoch auf den Bau
meister aus- t t _
Jetzt nahm Heyd zur Entgegnung bas Wort. Er gedachte der Damen in freundlichen Worten und dankte ihnen für die liebe Spende, den Kranz; er gedachte in herzlicher Weife aller Schützen, die ja in erster Linie dazu ^getragen, daß dieses Vergnügen gleich einem frohen Feste in heiterster Stimmung verlaufen, und zum Schluffe gedachte er de» Wirthes Wundermild, bei dem sie hier zu Gaste-
„Meine Herren," sagte der Baumeister, „wir Alle wohl ohne Ausnahme danken dem Herrn Obersörster für die frohen Stunden, für d!eses echte deutsche Vergnügen, das wir in dieser Hille inmitten des herrlichen Waldes von Lindenheim verlebten- In liebevollster Weise war für Alles gesorgt, wie es nur irgend möglich war. Wir Alle danken Ihnen, Herr Oberförster, mit frohem Herzen und wie unsere Büchsen hinausschallten und des Waldes Echo miteinstimmt, so wollen wir unsere Gläser erheben und freudig einstimmen in den Ruf: Der Herr Obersörster, unser liebevoller, freundlicher Wirth, und die Damen seines gastlichen Hauses, sie leben
Und begeistert schallte es hinaus, weit hinaus in die Abenddämmerung, in den stillen Buchenwald und der Kugel- ! fang gab das Echo wieder, und von der Waldeshöhe klang es abermals: Hoch — hoch — hochl
Neuntes Capitel.
Ein Monat ist seit diesem Tage vergangen. Die Sonnen, wärme flimmerte über dem kleinen See. Junge Wildenten spielten zwischen dem Schilf, den Wafferrosen und den breiten Blättern, die flach auf dem Waffer lagen. Munter taucht das schwarze Wasserhuhn mit dem röchlich-gelben Schnabck im Kreise seiner Jungen, als wollte es sagen: Macht es auch I so! Und die Rohrdommel ließ ihren monotonen Ruf ertönen-
Hertha hatte wieder ihr Boot bis über die Hälfte in da» I Schilf gefahren und betrachtete dieses Naturspiel eine» heißen | Sommertages. In ihrem Schooßr lag ein Buch: Bulwer I Lyttons „Die letzten Tage Pompejis". Sie hatte einige I Male zu lesen begonnen, doch legte sie das Werk bA wieder I hin, denn es fehlte ihr heute die rechte Andacht. Mit gefal I teten Händen sah sie unverwandt in'» Leere, als träumte |te I mit offenen Augen. Aus dem verschütteten Pompeji und I Herculanum sah sie die auferstandenen Städte als Zeugen des I klassischen Alterthums. Sie sah den unheilbringenden, ewig I brodelnden Vesuv, umgeben von Asche und seinen Lavafeldern, wie er heute ist. Rebenhügel ziehen sich den Berg ^hinaus I und ranken auch an vereinzelt stehenden Häuschen mit ihren I flachen Dächern Lacrimae Christi, dieser feurige Wei , I der gleich dem Temperament der Bewohner Mer gottge,eg I neten Fluren ist, wächst dort. Vom Berge herab sah sie I Portizi zu ihren Füßen, am Golf entlang das nie genug ’ besungene Neapel und die herrliche blaue Fluth, so wer
den nächsten Eichen pflückten sie dann Blätter, um dem Brauche ! gemäß den Eichenkranz für den besten Schützen zu winden.
Jeder meinte nun, der Baron sei zur Herrengesellschaft nach der Halle zurückgekehrt, aber dieser ging über den Hof und kam unwillkürlich wieder zum Pferdestall. Doch Minka schien ihm heute nicht der v'.elbegehrte Renner und die anderen Pferde nahmen von seinem „Na Lotte, na Liese gar keine Notiz: selbst Diana, der braune Hühnerhund, rannte wie wild an ihm vorüber und sonst sprang er an ihm hinauf vor Freude heulend und schwanzwedelnd. „Aller scheint heute gegen mich zu sein, selbst die dummen Threre," dachte Walten, pfiff wieder einen Marsch und ging nach dem Wohnhause In der großen Stube traf er Tante Doclor, die eifrig Vorbereitungen zum Abendessen traf.
Aßt sich doch eine Seele sehen, die sich um mich kümmert," sagte Frau Doctor, als sie den Bnon erblickte.
„Ist meine Pflicht, gnädigstes Tantchen, zu sehen, was Sie treiben. Hoffentlich geht es Ihnen gut!"
„Danke Ihnen, Herr von Walten. Das Leben auf Lindenheim bleibt stch ja immer das gleiche. Mittwochs frei- lich sieht es etwas anders aus, seitdem sich die beiden Herren so plötzlich eingefunden —. die recht seßhaft sind."
„Und fester sitzen wie die Kletten, fiel ihr Curt ins
„Viel fester, und wenn sie wirklich einmal verhindert sind | m kommen, dann ist er ein Bedauern, als ob sich ohne sie I die Welt nicht dreht, die vorher auch bestanden hat. Doch I darin sind sich alle gleich und der alte Amtsvorsteher obenan; I aber auch der Onkel fcheint wie vernarrt und besonders in den Baumeister. Was dieser Mensch aber auch sür eine Ec- I fahrung hat, was er Alles weiß und versteht, davon haben I Sie keine Ahnung — mir ist es unklar, wo er'» nur her hat, I und wie er es erzählt! Er spricht nicht gar so oft, doch wenn I er etwas sagt, dann sind Alle ganz Ohr und lauschen seinen I Worten, daß man eine Stecknadel könnte fallen hören. Und I wenn er Clavier spielt oder singt, dann ist es noch weit toller und Alle sind ganz begeistert; aber das muß ich agen, feine Vorträge sind etwas Besonderes, denn selbst auf dem Con- I servatorium habe ich nichts Derartiges gehört. Aber ich mag ihn doch nicht leiden; denn Hinz und Kunz und wer weiß wen noch hält er für Seinesgleichen; ich glaube, Sto.z oder Unterschied in der Menschheit sind Dinge, die ihm fremd sind und deshalb eben sympathistrt auch so der Onkel mit ihm, denn Sie kennen ja seine liberalen Anschauungen. Ich sage Ihnen, die gehen so freundlich mit den Leuten um, daß sich diefe wiederum alle Hacken ablaufen, wenn sie nm hre Ergebenheit zeigen können; und mich, die ich das Gesinde den Unterschied fühlen laffe, respectiren sie gar nicht- Aber, Herr von Walten, das wollte ich Ihnen schon neulich sagen: Nehmen Sie sich vor dem Baumeister in Acht, denn dieser Mensch hebt Sie mit Leichtigkeit aus dem Sattel!" „
„Nun — das soll nun und nimmermehr geschehen, brauste der Baron auf, und er hielt auch nicht mit seinem Haß zurück. „Das wird nun und nimmermehr geschehen — oder es nimmt kein gutes Ende!"
Beruhigen Sie stch nur," sagte Frau Doctor beschwichtigend, die eine solche Wirkung doch nicht erwartet hatte, ,und gehen Sie nur jetzt wieder zur Gesellschaft, man wird Sie ohnehin schon längst vermiffen."
Als die Sonne den Wipfeln der alten. Buchen und Eichen schon längst Adieu gesagt, fiel erst der letzte Schuß- Zwar wurde die Scheibe schon eine Stunde srüher nach der Halle gebracht, aber man schoß nun bei Dämmerlicht auf den Rehbock nach der Zugscheibe.
Nun standen die Herren alle beisammen, Walten lebhaft plaudernd mit seinen Kameraden. Auch die Damen nebst Tante Doctor hatten stch eingefunden und Alle harrten der Dinge, die nun kommen sollten. Der Secretär war mit dem Zusammenstellen der Schießresultate fertig und überreichte die Liste dem Obersörster, und lautlose Stille trat nun ein.
„Meine hochverehrten Anwesenden," begann der Ober- sörster- „Uns, die wir am Schießen betheiligt waren, kann


