Nr. 135
Donnerswk der 14 November.
1895.
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Unterhaltungsblatt MM Gießener Anzeiger (Oenerat-AnMer),
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Auf japanischer Erde.
Novelle von W. H. G e i n b o r g.
(Fortsetzung.)
Die Unterhaltung stockte jetzt eine Zeit lang vollständig, bis Thomas Ellis plötzlich seine Hand auf Georgs Arm legte und in dem jovialsten Ton, der ihm zur Verfügung stand, fragte: „Soll ich Ihnen einen Vorschlag machen, mein weither Herr Stralendorf? — Haben Sie Lust, mein Compagnon zu werden und sich eine angenehme, selbstständige Stellung mit der Aussicht auf Erwerbung eines hübschen Vermögens zu schaffen? — Sie wissen, daß es ursprünglich mein Plan war, mich in Hakodate niederzulaflen. Triftige Gründe haben mich veranlaßt, die Ausführung dieser Absicht vorläufig aufzuschieben. Aufgegeben aber ist sie darum noch nicht. Und ich würde froh sein, wenn ich Jemanden fände, den ich vorläufig statt meiner mit ausgedehnten Vollmachten und einem entsprechenden Kapital dorthin schicken könnte. Wie nun, wenn Sie diesen Auftrag übernähmen? Ich habe volles Vertrauen in Ihre Tüchtigkeit und am Ende muß es Ihnen doch lieber sein, auf eigenen Füßen zu stehen, als sich lediglich im Interesse Anderer zu plagen."
Nun mit einem Mal glaubte Georg den Zweck dieser ganzen Versöhnungscomödie zu verstehen und er war gleich, zeitig auch entschlossen, nicht länger darin mitzuspielen. Mit einigen höflichen, aber bestimmten Worten, die an der Ernst« Hastigkeit der Ablehnung keinen Zweifel lassen konnten, wies er das Anerbieten ein für alle Mal zurück, und ohne sein zum zweiten Mal gefülltes Glas zu leeren, stand er auf, um sich zu verabschieden.
Abraham Norton folgte seinem Beispiel und Thomas Ellis machte denn auch keinen Versuch, sie zmückzuhalten.
„Begleiten Sie mich nach Hause?" fragte Georg den Amerikaner, und als Norton bejahte, gingen sie, da sie ohne Ueberrock gekommen waren und ihre Klspphüte bei sich führten, geradewegs durch den Garten dem nächstgelegenen Ausgange zu.
Wenige Schritte vor demselben stieß Georg mit dem Fuße an einen hellschimmernden, weichen Gegenstand. Er
beugte sich nieder und sah mit Bedauern, daß es Suleika, die Clubkatze, war. Das arme Thier hatte alle Viere von sich gestreckt und war unzweifelhaft tobt
„Irgend ein hündischer Japaner hat sie durch einen Steinwurf umgebracht."
„Oder es war der Champagner des Herrn Thomas Ellis, der sie getödtet hat. Warum auch mußte sie so unvorsichtig sein, ihn zu schlürfen?"
Georg legte den Kadaver auf das Gras und ging weiter. Er war wenig aufgelegt, zu plaudern, denn die Erinnerung an sein Gespräch mit Maud erfüllte seine Seele so ganz mit einem heißen, bisher ungekannten Gefühl höchsten Glückes, daß daneben kaum noch Platz war für irgend einen anderen Gedanken und daß er das Dasein seines Begleiters fast schon vergessen hatte, als ihn dieser durch eine in seinem gewöhnlichen nüchternen Tone gestellte Frage aus den holdesten Träumen riß.
„Haben Sie jemals von dem Doctor Dugald Frazer gehört, Mr. Stralendorf?"
Norton mußte den Namen wiederholen und nach einigem Nachflnnen schüttelte Georg den Kopf.
„Nein. Ich habe nie von ihm gehört oder ich habe es wieder vergessen. Was für eine Bewandtniß hat es mit diesem Doctor?"
„Er machte vor beiläufig sieben Jahren in den Vereinigten Staaten viel von sich reden und seine Verbrechen waren von einer so ungewöhnlichen Art, daß sein Name, wie ich denke, wohl auch über den Ocean gedrungen ist."
„Ah, ein Verbrecher also! — Und was hat er denn gethan?"
„Er hatte in verschiedenen Städten und bei verschiedenen Gesellschaften sehr hohe Versicherungen auf das Leben von Personen genommen, denen er sich theils unter seinem eigenen, theils unter einem falschen Namen freundschaftlich genähert hatte und deren Einwilligung er unter irgend welchen Vorwänden erlangt haben mochte. Alle diese Personen, es waren ihrer nicht weniger als vier, starben vor Ablauf des ersten Versicherungsjahres eines plötzlichen Todes, obgleich sie fämmt« lich noch jung und bei ihrer Ausnahme von mehreren Aerzten für kerngesund erklärt worden waren. Die Umstände, die ihr Ableben begleitet hatten, waren jedoch in drei Fällen so un«


