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war. In seinen Händen hielt er das Gesangbuch, das ih« ein Knabe gereicht, und mit der ganzen Gemeinde sang er:
Auferstchn, ja auferstehn wirst Du, Wein Staub nach kurzer Ruh'! Unsterbliches Leben Wird, der Dich schuf, Dir geben! Hallelujah!
Thränen rollten in seinen Bart und bald merkte er, daß die Kirche leer war.
Er richtete sich hoch auf und blickte unverwandt «ach dem Kreuze am Altar; dann ging er still, wie er gekommen, die Treppe hinab. Mit gefalteten Händen stand er einen Augenblick in der Thür, die zum Innern der Kirche führte; dann ging er festen Schrittes zum Altar und kniete lange im stillen Gebet.
Al» er sich endlich umwandte, stand der greise Prediger, der ihn längst erkannt hatte, neben ihm und trocknete sich eine Thräne. Er legte still seine Hand auf Georgs Haupt und sprach wie vor vielen Jahren zu seiner Confirmrtion: „Es sollen wohl Berge weichen und Hügel hinfallen, aber meine Gnade soll nicht von Dir weichen und der Bund meines Friedens wird nicht hinfallen, spricht der Herr, Dein Er« barmer!' __________
Die Prophezeiungen des Kaufmanns Berger hatten sich aber erfMt. Horson und Böring war ein großes Handels» haus in Philadelphia, dessen meiste Unternehmungen glückten. Seine Schiffe schwammen auf allen Meeren der Welt und vermittelten die großen Geschäfte des alten Hauses.
Georg Böring lebte in glücklichster Ehe. Sein einziger Sohn, der kaum achtzehn Jahre zählte, war in dem Hause thätig und machte die erste Seefahrt nach Aokohama. Die Fahrzeit des Schiffes war abgelaufen, aber keine Nachricht über dessen Ankunft traf ein.
Frau Böring, von böser Ahnung ergriffen, konnte ihre Unruhe nicht verbergen und selbst ihr Gatte, der stets besonnene, ruhige Kaufmann, konnte sich nur schwer beherrschen. Endlich trafen Nachrichten von der amerikanischen Gesandt- schäft ein, eine Hiobspost, die erschreckend wirkte. Schon nahe am Ziel, strandete das Schiff im furchtbaren Sturme und nur dem ersten Steuermanns und zwei Matrosen gelang es, das nackte Leben zu retten. , ,
Das war ein schwerer Schlag an Börings sonnigem Himmel, und wo blieb die Ruhe dieses Mannes, als auch sein Weib nach einem Jahre starb?
Trostlos und ohne Thränen ging er umher- Ja, wenn er Glauben an einen Gott im Innern trüge, dann hätte er wohl Ruhe gefunden, dann wäre ihm leichter gewesen.
„Es giebt keinen Gott," das waren immer seine Worte. „Sonne, Mond und Sterne gehen ihre Bahnen nach uralten Naturgesetzen, wie auch die Jahreszeiten wiederkommen. Aus all' dem Staube, der dahin fällt, erblüht ein neue« Leben wie es immer war, wie es ewig sein wird. Es giebt keinen Gott."
Unruhe und schlaflose Nächte solgten nun und seine Kräste schienen zu schwinden. Zerstreuung und Lustverän- derung war der dringende Rath seiner Aerzte.
Er ließ sich bewegen, sein Heimathland aufzusuchen und reiste nach seiner Vaterstadt. , c , ...
Wie er so dahinwandelte, als er sie wredersah, erschien ihm alle« wie ein schwerer Traum. Gleich am Anfänge der Stadt stand noch das alte Stück Festungsmauer, das er tm Jugendübermuth so ost bestiegen. Nicht weit davon, m emem Eckhause war die Post — schon damals war sie dort. Nur Weniges hatte sich in der langen Zett verändert; aber wie unendlich klein erschienen ihm jetzt die Häuser unv rote eng die Straßen und Gassen. Still, fast feierlich, empfand er diese Ruhe, die ihm unendlich wohl that, als er langsam dahinschritt nach dem Ende der Stadt.
Da stand das Häuschen, in dem er das Ltcht der Welt erblickt und erlebt hatte; noch wie vor 30 Jahren stand es da mit den grünen Fensterladen und den ausgeschnittenen ■ Halbmonden darin. Sinnend steht er einige Secunden, dann geht er still weiter. Auf dem freien Platze steht die Schule, gegenüber der Kirche, und in der Mitte die alte traute Linde mit der Bank ringsum; nicht» hat sich geändert. Gar heb und traulich erschien ihm alles, was er sah, es schien ihn alles srrundlich zu grüßen. Wie abwesend schritt er weiter. Vor den Gräbern seiner Eltern bleibt er stehen; er ehrte ihr Andenken, aber keine Thräne, kein Gebet kam aus seinem Innern. Lange Zeit stand er sinnend, traumverloren; da klangen die Glocken. Wehmüthige Erinnerungen stiegen m ihm auf; jetzt erst erinnerte er sich, daß heute Sonntag, daß heute Ostern sei. „
Er blickte hinauf zum Thurme, dessen Kreuz im Sonnenlichte glänzte, er sah die schwingenden Glocken und dachte an seine Jugendträume, die er von dort au« in die ferne undurchdringliche Zukunft geträumt.
Mechanisch lenkte er seine Schrrtte nach der Kirche. Wie in ftüheren Jahren schritt er durch die Thurmthür zum Orgelchor. Hier lehnte er sich an seinen alten Platz inmitten der Schuljugend. Ruhig ließ man ihn stehen, und dem Cantor war es, al» sang der Unbekannte die Liturgie mit.
„Auferstehn, ja auferstehn wirst Du!" begann wieder die Predigt. Aufmerksam lauschte er den Worten, und noch immer stand er unbeweglich, als der Segen längst ertheilt
Unebenbürtig.
Roman von H. von Ziegler.
(Fortsetzung.)
„Herr Graf, Sie sollten Anderer Grundsätze nicht so schroff verdammen; die Ihrigen waren seiner Zeit wohl noch Herz- und liebloser," war zur Stetten« Antwort. „Oder sollt? ich die Hand mit tausend Freuden wieder ergreisen, welch meines heißgeliebten Weibes Namen kaltblütig auf dem Stamm« bau » durchstrich, ihn zu den Todten warf, weil sie, ihrem Herzen folgend, den Mann erwählte, den sie liebte?"
„Sie haben Recht, mein Herr," sagte der Graf und biß sich auf die Lippen, um einen Seufzer zu unterdrücken, „ich verdiene diese Strafe, aber ich lasse nicht ab von meimm Wunsche, ich muß Therese sehen und sprechen Wenn Sie bei Ihrer Weigerung bleiben, will ich Hohenthal senden, damit er, der auch Ihnen und den Ihrigen eng befreundet ist, für mich redet." ,
„Hohenthal!" rief der Sänger außer sich vor Schmerz. „Ja, er - er soll Ihnen Alle» sagen - Sie können Therese nicht Wiedersehen - es ist Alles - Alles vorüber."
Und er stürzte hinaus an dem entsetzten Grafen vorbei, hinaus in die Nacht, wie zusammenbrechend unter einem furchtbaren Weh. __ .
Der Graf verließ ebenfalls das Theater, kopfschüttelnd und gleichfalls schwer erschüttert.
„Denn alle Schuld rächt sich auf Erden," murmelte er vor sich hin, „ich konnte es wissen, daß diese« Manne« Stolz nun ebenfalls die versöhnende Hand mir verweigert. M doch — und doch! Ich muß sie wieder haben, meine blondliebe Schwester, nach der ich mich all' diese Jahre so ha» gesehnt! Ihr Bild hat mich in die Wüste begleitet, mete Träume erhellt und mich nie verlassen. O, wie konnte ich sie von mir stoßen um jene« Adelstolzes willen, der doch nimmermehr mein Herz erwärmte und mich glücklich machte- Therese, mein Liebling, Du kannst und wirst nicht unversM' ltch sein! Wenn nur Hohenthal erst da wäre! Morgen M ich zu ihm, sobald es irgend geht; ich — ich muß sie wteder« sehen und da» süße, kleine Mädchen, ihr Kind."
Schlaflos warf sich Wildenstein in dieser Nacht auf feinem Lager umher; mächtig, lebendig stieg da» Bild vergangen | Tage vor ihm auf und scheuchte die Mudigkett von s «e Augenlidern. Er erinnerte sich jenes sommerlichen Gewi1» tages, als wäre es gestern gewesen, an dem Stetten zuerst seinen und Theresen» Lebenspfad gekreuzt und wenn er das Bild des vornehmen, stattlich schönen Sängers, der Y heute so schroff abgewiesen, vorstellte, so mußte er zugev«",


