Ausgabe 
13.7.1895
 
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1S95.

Samstag den 13. Juli.

Nr. 82

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UnterhaUmigsdiaU ?nm Gießener Amcigcr (Generat-AnMer).

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Die Tochter des Meeres.

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XLV.

Cora war wie ein scheues Reh aus dem Zimmer ge­flohen, al» das Rollen des ankommenden Wagens an ihr Ohr schlug. Sie war nicht schüchtern, aber sie war über­zeugt, baß man der Verdacht erregenden Situation die schlechteste Auslegung geben würde, daß es ihr buchstäblich an Muth gebrach, ihrer Beschützerin und den Auseinander­setzungen entgegenzutreten, die sie unvermeidlich von dieser und der gekränkten und getäuschten Trisia zu ertragen haben würde.

Und als sie ihr Zimmer erreichte, brach sie in athem- losem Schrecken zusammen.

Wenn ich doch nur ein Mal wieder in dem einsamen Häuschen oder auch nur in dem bescheidenen Zufluchtsort bei Miß Minchin wäre I" klagte sie.Dort war ich wenigstens nicht so abhängig!"

Jetzt hörte fie Schritte . . . dann wurden plötzlich die Thüren geöffnet ... ein Schrei ertönte ... und dann folgte tiefe Stille, als ob das Zimmer, in welchem das Zwiege­spräch stattfand, verschloffen worden wäre.

Endlich ertönte eine Glocke; es eilte Jemand rasch die Treppe hinab, und dann gab das heftige Schließen der Hausthür genügend Kunde von dem Vorgegangenen.

Es hatte vielleicht ein Streit stattgefunden, der mit der Entfernung des Herzogs endete.

Was würde nun geschehen? Würde fie als gefährliche Betrügerin aus dem Hause gewiesen werden? Ach, es würde nur eine Wiederholung der Vergangenheit sein!

Und stolz und voll Bitterkeit erwartete Cora diesen neuen Wechsel in ihrem Schicksal.

Aber ihr Muth und ihre Festigkeit kamen ihr glücklicher­weise zu rechter Zeit zu Hilfe, al» da» Oeffnen der Thür fie rasch aus ihren Träumereien weckte.

Frau Digby kam in ihr Zimmer, noch in ihrer ele­ganten Theatertoilette.

Setzen Sie stch, Cora," sagte sie mit mehr Ruhe al» die Veranlassung ihres Besuches eigentlich zuließ.

Ich bin gekommen, Sie über etwas zu fragen, und hoffe, daß Sie mir die Wahrheit sagen, Cora," Hub Frau Digby an und beobachtete ruhig Coras aufgeregtes Gesicht- Wo sind Sie mit dem Herzog von Dunkbar bekannt ge­worden ?*

Ich kenne ihn so gut wie gar nicht," antwortete das Mädchen.

Und doch können Sie ihm in meinem Haufe und wäh­rend meiner Abwesenheit sogar eine lange geheime Unterredung gewähren?"

Ich bin nicht gewöhnt, zu lügen!" antwortete Cora in seltsam hartem Tone.

Damit geben Sie zu, daß Sie Unrecht gethan haben, und sehr, sehr viel zu gestehen und deshalb um Verzeihung zu bitten haben," sprach Frau Digby mit halb triumphirender, halb besorgter Miene.

Vielleicht gibt er eine viel mildere Auslegung für mein Zugeständniß," erwiderte Cora mit Würde in ihrem ganzen Ton und Wesen.Wenn es nun wahr wäre, daß der Herzog von Dunbar in Ihrer Abwesenheit ohne mein Zuthun mich besuchte, da wäre es wohl kaum ein Verbrechen, daß ich ihn nicht sofort wieder aus Ihrem Hause wies, noch bevor er Zeit hatte, mir seinen Besuch zu erklären. Ist das ein Ver­gehen, Frau Digby?"

Die Lady zögerte, denn sie war sich recht gut bewußt, daß dem Anscheine nach Coras Worte auf Wahrheit beruhten.

Doch müssen Sie fühlen, daß es sehr unschicklich von Ihnen ist, in meiner Abwesenheit Besuche anzunehmen," sagte sie sorschend.

Es lag auch gar nicht in meiner Absicht, es geschah ganz ohne meinen Willen," lautete die Antwort.Ich hatte keine Ahnung von des Herzogs Besuch, ich glaubte nichts Anderes, als daß er mit Ihnen und Miß Digby in seiner Loge säße. Ich hatte in der That noch keine zwanzig Worte mit ihm gewechselt."

RSo sind Sie schon früher mit ihm zusammengetroffen?" fragte die Lady.

Allerdings habe ich ihn einmal gesehen und habe ihn, al» ich ihm einst im Gebirge begegnete, um eine kleine Gunst