Ausgabe 
9.11.1895
 
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dein auch den leichten weißen Seidenshawl reichte, den sie um die Schultern getragen.

Abraham Norton, der noch einen Schritt weiter vor­wärts gegangen war, um nichts von dem Vorgänge zu ver­lieren, wandte sich in diesem Augenblick zu seinem Begleiter zurück.

Finden Sie nicht, daß dieser Herr Ellis vielmehr ein Arzt als ein Kaufmann zu sein scheint?" fragte er.Ich für meine Person habe niemals einen kunstgerechteren Verband gesehen, al« den, welchen er da um den Kopf dieses armen Burschen gelegt hat."

Mtßmuthig zuckte Georg die Achseln.

Man muß wohl nachgerade anfangen, zu glauben, daß Herr Thomas Ellis ein Universalgenie ist und sich auf Alles versteht auf die Kunst des Chirurgen nicht weniger, als auf die des Preisboxers. Für mich wird er dadurch zwar nicht liebenswürdiger; für die Leute hier aber war es jeden­falls ein Glück, daß der Zufall gerade ihn im rechten Augen­blick herbeiführen mußte."

Abraham Norton antwortete nicht; doch er fuhr fort, die Manipulationen des Engländers zu beobachten, bis Thoma- Ellis feine Arbeit als beendet anfah und sich erhob.

Gerade in diesem Moment geschah es, daß Maud zum ersten Mal ihre Augen nach jener Stelle wandte, wo die beiden Männer standen. Georg hatte keine Möglichkeit mehr, stch vor ihr zu verbergen und für die Dauer weniger Secun- den ruhte ihr Blick voll auf seinem Gesicht, in das er das Blut heiß emporsteigen fühlte- Sie schien überrascht, ihn da zu sehen; aber das eigenthümliche Zucken in ihrem schönen Antlitz galt ihm als ein Beweis, daß ihre Ueberraschung keine freudige fei. Er las etwas wie einen stummen Vor­wurf in den großen, dunklen Augen und mit schneidendem Weh fuhr ihm der Gedanke durch die Seele:Sie verachtet Dich als einen Feigling, nachdem sie eben diese Probe echter Mannhaftigkeit erhalten hat. Und sie hat vielleicht sogar ein Recht, Dich zu verachten."

Er zog grüßend seinen Hut; aber er schlug gleichzeitig die Augen nieder und flüsterte Abraham Norton hastig zu: Lassen Sie uns gehen! Und nehmen Sie mir's nicht übel, wenn mir für heute die Lust vergangen ist, den Tempel auzufehen. Ich kehrte am liebsten so rasch wie möglich nach Aokohama zurück."

Und diesmal war es ihm sehr lieb, daß in der Kuruma, die ihn wieder nach der Station Shibaschi brachte, nur für eine einzige Person Platz war; denn selbst ein so schweigsamer Gesellschafter wie der Amerikaner wäre ihm in dem bitteren Herzenskampfe dieser traurigen Stunde nahezu unerträglich gewesen.

IV.

Durch den Vorfall in Asakusa, der eine sehr umständ­liche criminalistische und diplomatische Action im Gefolge ge­habt, war Thomas Ellis für eine gute Weile zur meist­genannten Persönlichkeit in der internationalen Fremdencolonie von Jokohama geworden. Und es bekundete eine Bescheiden­heit, die ihm eigentlich Niemand zugetraut hätte, daß er sich seit jenem Tage viel geflissentlicher als zuvor von dem geselligen Kreise seiner englischen Landsleute fernhielt. Er erschien nur an den Posttagen im Club, um die angekommenen Zeitungen durchzusehen und er wählte dafür überdies stets gerade die­jenige Stunde, wo er sicher fein konnte, möglichst wenig Be­kannte im Lesezimmer anzutreffen. In seinem Hause hatte er ohnedies niemals Gäste empfangen und wenn man nicht gewußt hätte, daß feine Beziehungen zu der Familie des Con- fuls Elmrley neuerdings noch lebhaftere geworden waren, so würde man ihn unbedenklich für einen Menschenfeind erklärt haben.

Aber die Folge dieser auffälligen Zurückhaltung war, daß man sich mit ihm und mit seiner That viel länger be­schäftigte, als es ohne das der Fall gewesen sein würde. Das Geheimnißvolle in seiner Persönlichkeit und in seiner Lebens­weise, das bis dahin höchstens hier und da ein Achselzucken hervorgerufen hatte, reizte jetzt, wo diese Persönlichkeit plötzlich

zu einer gewissen Bedeutung gelangt war, die Neugier der - Leute und zeitigte allerlei Gerüchte und Geschichten, die um f so eifriger discutirt wurden, je abenteuerlicher sie klangen und je unverkennbarer sie den Stempel der Erfindung trugen.

Den meisten Glauben fand die Erzählung, daß Thomas \ Ellis feit dem Tage, wo er die beiden bärenstarken Matrosen s niedergeschlagen und ihr bedauernswerthes Opfer so kunst- ? gerecht verbunden hatte, für die unteren Klaffen der japanischen - Bevölkerung zu einem Wundermann, zu einer Art von höherem s Wesen geworden sei. Die Entfernung zwischen Deddo und j Aokohama war zu gering, als daß sich die Kunde von seiner ; Heldenthat nicht auch in den Gaffen der Hafenstadt hätte ver- ; breiten sollen und nun berichtete man, daß tagtäglich japanische i Handwerker und Kulis zu ihm kämen, um seine Hilfe für ' allerlei körperliche Krankheiten und Gebrechen zu erflehen. Es i hieß freilich auch, daß er die Leute durch seine Dienerschaft ! ziemlich unfreundlich abweisen laffe; aber eines der Clubmit- I glieder behauptete mit aller Bestimmtheit, daß es ihn zur l Zeit der Abenddämmerung im japanischen Viertel Iankiro : wiederholt in ärmliche Hütten habe eintreten sehen, die weder ! ein Theehaus noch eine Restauration enthielten.

I Was in aller Welt hatte er dort zu suchen, wenn er : nicht etwa zu seinem Vergnügen wirklich angefangen hat, Cur- psuscherei zu treiben? Vielleicht schmeichelt es seiner Eitelkeit, ? von diesen armen, dummen Teufeln al« eine kleine Gottheit verehrt zu werden. Und er weiß am Ende recht gut, daß kein Hahn darnach kräht, wenn er dem Einen oder Andern > durch seine Behandlung etwas vorzeitig auf den Weg in« Jenseits verhilft.

Nach Verlauf einiger Wochen aber traten doch allgemach andere Ereignisse in den Vordergrund des allgemeinen In­teresse« und man hörte auf, von Thomas Ellis und feinen rätselhaften Besuchen in Iankiro zu sprechen, als die Vor­bereitungen zu dem großen Gartenfest begannen, das nach altem Brauch auch in diesem Sommer int Club veranstaltet werden sollte.

Da es unter der Teilnahme der Damen oder vielmehr zu Ehren der Damen stattfand, wurde bei dieser Gelegenheit so viel Glanz und Pracht entfaltet, als sich unter den gegebenen Verhältnissen nur immer hervorzaubern ließ.

Der Garten de« Clubhauses wurde für diese Nacht in ein Stückchen Märchenland verwandelt. Tausende von bunten Papierlaternen von den abenteuerlichsten Formen wurden zu schön geschwungenen und verschlungenen Linien vereinigt; alle nur erdenklichen Beleuchtung«' und Feuerwerks-Effecte wurden zu Hilfe genommen, um ein Gesammtbild von zauber­haftem Reiz zu erzeugen, und das große, luftige Speisezimmer, dessen mächtige Fenster sich nach der Seeseite hin öffneten, gestaltete sich unter den geschickten Händen japanischer Künstler innerhalb weniger Stunden zu einem Prunksaal, der selbst im Palast eines Daimio mit Ehren hätte bestehen können.

Alle angesehenen Persönlichkeiten der Fremdencolonie wurden ebenso wie die Spitzen der einheimischen Behörden feierlich zu diesem Feste geladen, und es war selbstverständlich, daß sich auch Mr. Herbert Elmsley mit seinen Damen unter den Gästen befand.

Gerade mit Rücksicht auf diesen Umstand hatte Georg lange gezögert, ob er der Veranstaltung ebenfalls beiwohnen sollte. Seit dem Ereigniß beim Tempel von Asakusa war eine Veränderung mit ihm vorgegangen, die ihm von Seiten seine» Chefs schon wiederholt die besorgte Frage eingetragen hatte, ob er sich etwa leidend fühle. Seine sorglose Fröhlich­keit war ganz dahin und der Eifer, mit dem er sich feiner Arbeit widmete, mußte in jedem unbefangenen Beobachter die Vermuthung erwecken, daß er den Wunsch habe, durch an­gestrengte Thätigkeit irgend einen nagenden Kummer zu über- täuben.

In der That wußte er's eigentlich erst seit jenem Tage, daß er Maud Donaldson liebe so heiß und innig, al» eine starke, ehrliche Natur nur immer zu lieben vermag, und daß es für ihn keine andere Vorstellung mehr gab von irdischem Glück, als die Vorstellung, sie zu besitzen.