Untrchaltungsblatt jutn Gießener Anpigrr lGeneral-Anreiger)
Auf japanischer Erde.
Novelle von W. H. G einborg.
(Fortsetzung.)
Mit den rasch hervorgestoßenen Worten: „Schützen Sie die Damen, Herr Consul!' hatte sich Thomas Ellis, der nur um wenige Schritte von den Störenfrieden entfernt gewesen war, dem Matrosen entgegengeworfen.
Auch er verfügte über keine andere Waffe, als über seine beiden kampfbereit geballten, mächtigen Fäuste; aber er wußte von ihnen einen Gebrauch zu machen, der selbst einem berühmten Meisterschaftsboxer Bewunderung abgenöthigt haben würde.
Mit einem einzigen wohlgezielten Schlage zwischen die Augen streckte er den Mefferhelden wie einen vom Beil des Schlächters gefaßten Stier zu Boden. Und als nun einer der beiden Anderen seinem Gefährten zu Hilfe kommen wollte, traf ihn ein so wuchtiger Stoß in die Magengegend, daß er sich ächzend und stöhnend in gräßlichen Schmerzen krümmte. Der dritte aber, den das Schicksal seiner Kameraden und das Wuthgeschrei der Menge plötzlich ernüchtert haben mochte, setzte feiner Festnahme feinen Widerstand mehr entgegen.
Innerhalb weniger Minuten waren allen Dreien die Hände auf den Rücken gefesselt und einige Samurei (bewaff. nete Edelleute), die jetzt zugleich mit mehreren japanischen Polizisten auf dem Schauplatz der tumultuarischen Scene erschienen, hatten nicht geringe Mühe, den noch immer halb ohnmächtigen Uebelthäter und seine Genossen vor dem gerechten Zorn ihrer Landsleute zu schützen.
Mit seltsam gemischten Empfindungen hatte Georg dem blitzschnell verlaufenen Auftritt zugesehen. Auch er hatte die Absicht gehabt, sich den Excedenten entgegenzustellen; aber noch ehe es ihm gelungen war, die ungestüm zurückdrängende Menschenmaffe zu durchbrechen, hatte Thomas Ellis durch seine tapfere und kaltblütige Handlungsweise bereits jede weitere Einmischung unnöthig gemacht. Seine unerschrockene Verachtung der Gefahr nöthigte der ehrlichen Natur des ungen Deutschen aufrichtige Bewunderung ab und er wäre in diesem Augenblick sicherlich geneigt gewesen, all' seinen
persönlichen Groll gegen den hochmüthigen Engländer zu ver« gessen, wenn er nicht unglücklicherweise auch den leuchtenden, dankbaren Blick wahrgenommen hätte, mit dem Maud Donald- son Mt zu dem Sieger aufsah. Natürlich mußte er ihr nach solcher That im Lichte eines Helden erscheinen und wenn es ihm etwa bis zu dieser Stunde noch nicht ganz gelungen war, ihr Herz zu gewinnen, so mußte ihm unzweifelhaft jetzt dieser gefällige Zufall, der ihn in ihren Augen zu dem ritterlichsten und bewunderungswürdigsten aller Männer machte, dazu verhelfen.
Mit dem scharfen Jnstinct des Eifersüchtigen glaubte Georg zu erkennen, daß Ellis ganzes Benehmen nur darauf berechnet fei, Maud zu i nponiren und den günstigen Eindruck seiner muthigen Handlung zu verstärken.
Die vornehm freundliche Art, wie er den Dank und die naiven Huldigungen der ihn umdrängenden Japaner zurückwies, entsprach ja durchaus nicht seinem sonstigen kalten und hochfahrenden Wesen. Und daß er sich nun gar mit dem armen Verwundeten, den man in sitzender Stellung an die Wand einer Verkaufsbude gelehnt hatte, zu schaffen machte, konnte sicherlich keinen anderen Zweck haben, als den, ihn obendrein mit der Gloriole des barmherzigen Samariters zu umgeben. Denn er war ja kein Arzt und er verstand von der Behandlung einer Wunde wahrscheinlich nicht viel mehr als alle die theilnahmsvollen Landsleute des Unglücklichen, die ihn lebhaft debattirend, aber offenbar völlig rathlor umdrängten.
Trotzdem kniete er neben dem halb bewußtlosen Manne nieder, reinigte mit dem Wasser, das man auf seinen Befehl gebracht hatte, sein blutüberströmtes Gesicht und untersuchte die Verletzung so sorgfältig und behutsam, wie es nur irgend ein erfahrener Chirurg hätte thun können. Georg stand ihm nicht nahe genug, um alle seine Hantirungen genau verfolgen u können und um zu vernehmen, was er sprach. Aber er la« es von den Gesichtern der Japaner, die ihn unzweifelhaft ür einen großen Heilkünstler hielten, daß er ihnen irgend eine tröstliche Auskunft gegeben haben mußte. Und er sah nun mit rascher klopfendem Herzen, daß nun auch Maud zu oer Gruppe trat und daß sie Thomas Ellis auf eine an sie gerichtete Frage ober Bitte nicht nur ihr Taschentuch, son-


