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„Ungeschickte!" ries die Stickerin entrüstet aus un6 gab gleichzeitig Cora einen leichten Schlag auf die Schulter.
Ein düsteres Stirnrunzeln und der vor sich hingemurmelte Wunsch, wenn ste doch die Uebelthäterin los wäre, zeigten, daß ein tieferes Gefühl al« vorübergehender Aerger die übertriebene Heftigkeit bei der jungen Dame verursacht hatte.
Cora weinte wegen der Zurechtweisung nicht, aber das Blut schoß ihr in die bleichen Wangen.
Die alte Dame legte sich halb schüchtern in's Mittel.
„Cora! Geh', mein Kindl" sagte sie. „Adele, Du bist zu heftig. Cora that es doch nicht absichtlich. Wie muß sich der Herr wundern über Deine Heftigkeit bei einer solchen Kleinigkeit."
„Was kümmert das mich? Ste ist für uns eine ewige Plage," erwiderte Adele ärgerlich.
Sie nahm ihre Arbeit zusammen und stieg eilig einige Stufen aus dem Wohnzimmer in die oben gelegene Stube hinauf, während Cora nach der Küche ging, um, wie Faro vermuthete, ihren Thränen freien Lauf zu lassen-
„Die beiden Schwestern scheinen sich nicht so gut zu vertragen, als man wohl wünschen dürfte," sagte er dann zu der alten Dame. „Ich fürchte, daß ich die Ursache dieses unglücklichen Zwischenfalles war."
Die alte Dame schüttelte mit trübem Lächeln den Kopf.
„Sie sind Engländer, nicht wahr?" fragte sie aus englisch mit einem Accent, der ihren eigenen englischen Ursprung unverkennbar verrieth.
„Gewiß," antwortete Faro lächelnd, „doch obgleich ich Sie wohl für eine Landsmännin von mir halten darf, so sprechen Sie und Ihre Tochter doch das Deutsche wie Eingeborene."
„Ich lebe schon seit fünfundzwanzig Jahren hier im Lande und bisweilen ist es mir, als vergäße ich meine eigene Muttersprache," sprach sie mit melancholischem Lächeln. — „Ueberdies find es gar nicht meine Töchter," fuhr sie fort. „Nein, keine von ihnen ist meine Tochter — wenn auch die Eine es eines Tages noch werden kann — und die Andere, das arme Kind, liebe ich trotz ihres wunderlichen Wesens wie mein eigen Fleisch und Blut."
Faro nahm Interesse an dem, was er hörte, obwohl er selbst kaum wußte, warum.
„Sie überraschen mich!" sprach er. «Allerdings hielt ich die junge Dame und das Mädchen für Ihre Kinder. Es sind wohl Waisen, die Sie zu sich genommen haben und vielleicht auch gar nicht Schwestern?"
Die alte Dame schwieg einen Augenblick.
„An Ihrem Aeußern und Ihren Worten erkenne ich Sie als einen Ehrenmann," entgegnete sie endlich, „und es geschieht selten genug, daß ich frei und offen reden könnte, wonach es mich manchmal verlangt. Aber ich glaube nicht, daß es unrecht von mir ist, es Ihnen zu erzählen, vollends da Sie ein Fremder sind."
Faro konnte sich eines Lächelns nicht erwehren.
„Nun," erwiderte er, „ich denke, daß ich einiges Anrecht auf den Namen eines Ehrenmannes habe. Mein Vater war ein Graf und ich hoffe, daß ich den Titel, den ich erbte, durch nichts Ehrenrühriges verscherzt habe- Also, Madame, wenn es Ihnen beliebt, zu erzählen, wird es mir große Freude machen, Ihr Geheimniß zu hören."
„Mein Name ist Falkner, mein Herr," Hub darauf die alte Dame an. „Ich bin fchon feit zwanzig Jahren Wittwe und unser Sohn Rupert war noch ein Kind von acht Jahren, als sein Vater starb- war noch nicht vierzehn Jahre alt, als er zur See ging. Und von der dritten Seereise, die er unternahm, kehrte er mit diesem Kinde, der Cora, zurück. Ich solle sie aus Barmherzigkeit erziehen, sie sei ein armes Findelkind, um das sich Niemand kümmere und das von den Leuten, bei denen er ste gefunden, mehr wie ein Thier als wie ein Kind behandelt worden sei."
„Aber, mein Gott, wer war sie denn?" fragte Faro voller Interesse.
„Das ist ja gerade, was Niemand wußte und wohl Nie
mand je erfahren wird," erwiderte Frau Falkner traurig. „Das Kind war, als es noch kaum ein Jahr alt war, bei einem Schiffbruch in der Nähe von Santa Cruz gerettet worden und Niemand wußte, wer sie war. Eine der Eingeborenen nahm das Kind zu sich und zog es wie ihr eigenes auf, aber sie starb bald und ihr Mann hatte kein Interesse für das fremde Kind. Und als mein Sohn auf seiner Seereise Cora zum ersten Male sah, war sie ein kleines Ding von vier bis fünf Jahren. Und Rupert, dem es tief in der Seele schmerzte, das arme europäische Kind bei halbwilden, rohen Menschen aufwachsen zu sehen, kaufte Cora für einige Glasperlen und Kleidungsstücke und etwas Tabak deren Pflegevater ab. Er kaufte auch die Kleider, die das Kind bei dem Schiffbruch getragen hatte; für diese gab mein Sohn gerade so viel, wie für das Kind selbst. Mein Gott! Ich war, als ich es zuerst sah, nicht wenig bestürzt, aber als mein Sohn wieder zur See ging, gewann ich Cora sehr bald lieb in meiner Einsamkeit."
„Damals war also die junge Dame — Sie nannten Sie wohl Adele — noch nicht bei Ihnen?" sragte Faro.
„Nein, nein! Sie ist meine Nichte, das heißt, sie ist die Tochter meiner Schwester, welche auch einen Deutschen heirathete. Sie liebt Rupert sehr und ist, glaube ich, etwas eifersüchtig auf die arme Cora. Das macht sie wohl auch so ärgerlich auf das Kind. Sehen Sie, Adele hat eine ganz hübsche Aus- stattung und es wäre jammerschade, wenn Cora der Verbindung Adelens mit meinem Sohne in den Weg käme. Ich bin überzeugt, daß mein Rupert Adele recht bald lieb gewinnen würde, aber es hat sich einmal die Idee in ihm festgesetzt, Cora sei für ihn bestimmt- Ich denke oft daran, wie ich sie auf eine gute Art los werden könnte. Ich würde mich von ihr trennen, obgleich ich mich dann vielleicht bald sehr nach ihr sehnen würde. Doch verbittert einem die ewige Zankerei das Leben und von meiner Nichts kann ich mich nicht trennen, denn ich versprach ihrer Mutter auf dem Sterbebett, daß ich mich ihrer annehmen wolle."
Vielleicht wunderte sich Faro, warum die Ausstattung der jungen Erbin das Versprechen heiliger machte, al« es wohl sonst gewesen wäre. Aber der Gedanke, den die Erzählung in ihm erweckte, war sehr verschieden von dem der geschwätzigen Erzählerin, und ein leidenschaftliches Schluchzen, das er durch die nur halbgeschloffene Thür vernahm, bestätigte die traurige Vermuthung, die in ihm ausstieg.
„Und wie denken Sie über die Gefühle Ihres Sohnes?" fragte er leichthin.
„Ja, mein Gott, er ist ganz entzückt von Cora, obgleich diese nicht halb so gut ist wie Adele. Sie liest nur und vertrödelt die Zeit, außer wenn sie etwas für mich ober ihn thun kann, aber ich muß ihr auch Gerechtigkeit widerfahren lassen: für uns Beide ginge sie durch'« Feuer! Als ich an der Gicht krank lag, hat sie sich acht Nächte hintereinander nicht zu Bett gelegt, und doch wollte sie nicht eine halbe Stunde ruhig sitzen bleiben, um zu klöppeln oder ihre eigenen Kleider aus- zubeffern. Nein, Adele ist die rechte Frau für meinen Rupert. Aus diesem Grunde schickte ich Cora gern aus dem Hause. Sie ist ja auch erst gerade halb so alt wie Rupert und Adele wird nächsten Monat zwanzig Jahre."
Faro stand noch immer sinnend da, ohne die alte Dame zu unterbrechen- Er überlegte und erwog einen seltsamen Plan, der — wenn überhaupt — mit all' seinen ernsten Folgen schleunigst ausgeführt werden mußte.
Es lag für ihn etwas unwiderstehlich Anziehendes in dem Bild dieses schönen, räthelhaften, eigensinnigen Kinder und in der vereinsamten Lage, in welche ein unglückliches Geschick er versetzt hatte, und mit dem ihm angeborenen Ungestüm beschleunigte er dir Entscheidung.
„Frau Falkner," begann er, „ich bin Ihnen allerdings ein völlig Fremder, doch haben Sie vielleicht von den Grafen von Treville gehört ober gelesen, beren Namen nicht selten von französischen unb englischen Zeitungen gebracht werben."
„Ja, ich erinnere mich des Namens," antwortete sie hastig, „und zwar um so leichter, als ich in meinen jungen Jahren in einer Familie Haushälterin war, die mit dem Grafen be»


