M -
Dort blieb sie einen Moment stehen.
War e» Einbildung oder unterbrach wirklich eine Stimme d e Stille? . . . War es nicht eine ihr bekannte liebe Stimme, die voll Theilnahme, wenn nicht voll Innigkeit drinnen sprach ?
Coras Blut erstarrte bei dem Tone, obgleich sie in fieber- Hafter Aufregung war, als fie sich nun niederbog, um zu horchen.
Um des Himmels willen, das war Rupert Falkners Stimme! Und die ersten Worte, die sie hörte, klangen sanft und theilnahmsvoll. 1
„Nein, Sie dürfen nicht sagen, Sie seien einsam und verlassen, wenn Sie Alles haben, wodurch Sie Freunde und Verehrer zu Ihren Füßen sehen können," läuteten die in der Laube leise geflüsterten Worte. „Einst glaubte ich, daß ich Geist, Liebe und stolzes Selbstbewußtsein in einem Mädchen vorzöge," uhr » leidenschaftlich fort, „aber ich habe mich grausam ge- täuscht. Sie sind in Ihrer sanften Anmuth, Einfachheit und Trauer tausend Mal entzückender, als Sie es im Glanz Ihres Ranges, Ihres Reichthums und Ihrer Heiterkeit sein könnten!"
Cora ahnte wohl, an wen diese Worte gerichtet waren; ia, sie konnte sich sogar den Blick vorstellen, welcher sie be- gleitete und sich das bezaubernd süße Lächeln vergegenwärtigen, das Retta so gut verstand, wenn sie bezaubern wollte.
. ... "Ach, ich gehe weit fort von allen Denen, die Interesse dafür haben, ob ich heiter oder traurig bin," klang es seufzend von Rettas Lippen. „Ich werde aus meinem eigenen Hause verbannt in dem Augenblick, wo es mir am theuersten ist und der Tod meines armen Vaters mir tiefen Kummer bereitet, und nun soll ich bei einem alten, kranken Onkel leben, der schon den Namen meines Vaters nicht gern nennen hörte! Ich glaube nicht, daß ich es werde ertragen können," fuhr sie leidenschaftlich fort. „Sie können sich denken, wie bitter ich es empfinde, wenn ich gegen Sie, einen mir Fremden, von meinem Kummer spreche. Aber ich habe ja Niemanden außer Ihnen und in Kurzem werde ich auch diese Erleichterung für meinen Schmerz, meinen Kummer verloren haben! Und dann, glaube ich, gräme ich mich zu Tode. . . . Doch Sie sind mir ja fremd und es ist sehr thöricht von mir, Ihnen so zu vertrauen."
„Sagen Sie lieber, es ist ein Beweis Ihres edlen, groß- müthigen Characters," sprach er voll Wärme. „Miß Faro, ich vermag Ihr Naturell zu schätzen, wie es geschätzt zu werden verdient und bin nicht- so ehrlos, Vortheil aus Ihrer Jugend und Unerfahrenheit ziehen zu wollen."
™ "As haben gewiß schon Jemand, der mehr Anrecht auf Ihre Theilnahme und Ihr Interesse hat," sagte Netta und sandte sich ab. „Und es ist Unrecht von uns Beiden, in so thörichter Weise miteinander zu reden . . . wenn ich erst fern von Ihnen bin, werden Sie mich deshalb verlachen."
„Lachen . . . über Ihr großherziges Vertrauen? Nie!" lautete die erregte Antwort. „Miß Faro, ich stehe an Rang unter Ihnen, ovgleich ich nach leisen Andeutungen, die ich er- halten habe, glaube, daß ein Geheimniß über mir schwebt, das vielleicht eines Tages aufgeklärt wird. Aber wenigstens kann ich auf Wahrheitsliebe und Ehre als mein Erbtheil Anspruch machen und ich würde lieber mein Leben opfern, als das Vertrauen nicht rechtfertigen, das Jemand in meine Treue und Ergebenheit gesetzt hat."
XIX.
Cora lauschte halb betäubt von Schmerz diesem Zwie- gespräch.
Dann blickte sie durch eine Lücke in dem Gebüsch und sah die beiden ihr so bekannten Gesichter.
In Ruperts dunklen Augen lag die männliche, sanfte Innigkeit, die ihrem Mädchenherzen eine so selbstlose, treue Liebe eingeflößt hatte; in Nettas halbabgewandtem Gesicht da- gegen die kokette Schüchternheit, die der mädchenhaften, un- schuldigen Verwirrung so ähnelte.
. sühAlles, fühlte Alles . . . oder vielmehr schien das Bild sich ihr wie mit glühendem Eisen in das Gedächtniß einzuprägen, um in späteren Tagen voll größeren Wehes wieder hervorgeholt zu werden.
Sie trank den bitteren Kelch bis auf den letzten Tropfen Und als eine Bewegung des arglosen Paares sie an den Rückzug mahnte, glitt sie aus ihrem Versteck, das für sie in einer Folterbank geworden war, und schwankte davon.
Bis dahin hatte sie sich beherrscht, aber jetzt lief es ihr in ihrer Seelenpein heiß durch alle Adern und sie warf sich in ihrem wilden Schmerze auf den kühlen grünen Rasen, aus dem die Thautropfen noch im Sonnenschein glitzerten.
Cora konnte nicht weinen . . . diese Erleichterung war chr versagt . . . aber sie stöhnte voll bitterer Entrüstung und Verachtung.
Wie fie Beide haßte, Beide verachtete! Sie haßte sie wegen der Herzlosigkeit, daß sie Alles, was ihnen am Heuer- sten gewesen war, so bald vergessen konnten ... sie verachtete sie wegen der Schwäche, daß sie Reiz und Anziehungskraft in der Theilnahme und Huldigung eines Fremden finden konnte, während sie, die Waise, ihrer ersten Liebe trotz aller Versuchungen treu geblieben war.
Dieser Gedanke, der ihr wild durch den Kopf fuhr, gab ihr plötzlich Muth und Kraft.
Sie sprang auf.
„Er soll trotzdem gerettet werden! Um jeden Preis!" rief sie. „Wie groß auch seine Fehler sein mögen, er bereut sie, er ist aufrichtig und muthig. Und es ist ja Niemand da, den Tod des unglücklichen Mannes zu rächen und ihm Thränw nachzuweinen, die nur durch die Strafe des armen Ueb-r- lebenden getrocknet werden können. Wenn es mir gelingt, sr habe ich doch Etwas, wofür ich leben, Etwas, woran ich später in meiner Einsamkeit denken kann." '*
Seltsames Mädchen! . . . Während Rupert Falkner noch der Liebling Ihrer Seele war, gelobte sie, sich der Sicherheit feines Rivalen zu widmen .... ein Gelübde, das nur der bittersten Verzweiflung entsprang und das später auf eine fo harte Probe gestellt wurde!
Sie eilte weiter, bis sie gegen Abend, als die unter- gehende Sonne die Gegend in herrliche Beleuchtung setzte, si§ wieder heimlich dem Hause näherte, das den versolgten Flücht- > ling barg. Sie bemerkte dunkle Gestalten, die in der Nähe des Hauses auf- und abpatrouillirten. Geräuschlos glitt sie durch das Gebüsch und sprang lachend auf die Brüstung eine» offenen Fensters an der Seite des Hauses, wo Lord Belfort gefangen war, und unbemerkt, wie sie glaubte, betrat sie dar Haus.
Doch es war keine so leichte Aufgabe, ihren Weg durch das Gewirr altmodischer Corridore, Treppen und Gänge zu finden. Eine Thür nach der andern öffnete fie leise und schloß sie wieder, wenn sie sah, daß sie nicht mit dem Zimmer in Verbindung stand, das sie suchte. Endlich aber gelangte sie in ein Zimmer, das dem eichengetäfelten so ähnlich war, daß sie sich versucht fühlte, einzutreten und es näher in Augenschein zu nehmen. Da bemerkte sie, daß die Möbel noch unbenutzter aussahen, als in Ernst Belforts geheimem Verstecke. Die Stühle waren übereinander gestellt, die Tapeten hingen zer- rissen von den Wänden herab. Das ganze Zimmer sah wüst und verwährlost aus.
Coras scharfes Auge bemerkte da» sofort und sie wolllr das Zimmer schon wieder verlassen, als ihr Blick auf ein großes Bild fiel, das mit der Bildfläche gegen die Wand lehnte und zwar so schief, daß es jeden Augenblick umstürzen konnte.
Sie trat näher, um er gerade zu richten; dabei sah fie, daß es das Porträt einer schönen jungen Frau war, deren Züge sie an irgend ein bekanntes Gesicht erinnerten. Sie kehrte das Bild dem Lichte zu und sah es genau an.
Der Kopf war unvergleichlich in seiner strahlenden Schönheit, von einer Anmuth, wie sie Cora nie gesehen hatte.
Sie zog rasch das Medaillon hervor und verglich es mit dem Gemälde.
Die Züge waren dieselben und Cora konnte nicht zweifeln, daß dieselbe Frau auch dem Maler dieses Bildes gesessen hatte. Aber wer war es? War es denn möglich, daß die Geliebte Lord Faros eine Tochter der Biddulphs gewesen? Und wenn


