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Ihr Vermächtniß.
Roman von Maximilian Morgelt«.
(Fortsetzung.)
Der Förster Rudow war ein Mann, dem man seine 67 Jahre gar nicht ansah. Wenn seine Vorgesetzten wegen Pensionirung mit ihm sprachen, dann sagte er stets: „Das hat ja noch Zeit, ich kann mich von meinem Busch — wie er seinen Belauf nannte — noch nicht trennen." Wer den Alten mit den starken Augenbrauen in „seinem Busch" sah, der lief ihm am liebsten aus dem Wege, denn er trug das Aussehen eines Menschen zur Schau, von dem man sagen konnte: „Mit dem ist nicht gut Kirschen essen" und weit und breit nannte man ihn nicht anders, .als „den alten Knurrbaß". Aber wer diesen Mann näher kannte, der hatte eine andere Meinung von ihm. Er war der Typus eines echten Altpreußen. Kurz und bündig, wie er war, hielt ihn Mancher für grob, aber dies war nur sein Wesen — eine rauhe Außenseite und innen ein guter, ja sogar sehr guter Kern. Mit seinen Holz« und Wilddieben nahm er zwar wenig oder gar keine Rücksicht, denn „Ordnung muß sein" war sein drittes Wort, aber dies brauchte er nur, wenn er ärgerlich war. Seine linke Gesichts« feite zeigte eine große Narbe — ein souvenir, das ihm ein Wilddieb zur Erinnerung überreicht hatte. Holzdiebe, die sich mit Kleinigkeiten begnügten, sah er entweder gar nicht oder wenn sie ihm im Wege waren, ermahnte er sie und half ihnen das Holz auf den Buckel. Mit den Dieben, die Reisig erster Klaffe, ganze Stämme oder gar Bauholz holten, kannte er kein Erbarmen. Gar Mancher wähnte sich schon in Sicherheit, wenn er in der Abenddämmerung oder in finsterer Nacht die Stämme holen wollte, die er beim Morgengrauen so ziemlich durchgesägt und nun mit leichter Mühe umwarf. Wenn er ste dann glücklich bis zum nächsten Wege geschleppt hatte, wohin ste der Alte ruhig bringen ließ, dann sauste plötzlich der treue Begleiter durch die Luft und erschreckte den fleißigen Arbeiter beim friedlichen Thun. Wenn dieser „Treue" aber sprechen könnte von den Schwingungen, die er im Laufe der Jahre auf die getreuen Nachbarn und dergleichen
gemacht, so würbe e« ein interessantes Kapitel sein — zur Warnung sür Holzdiebe und solche, die es werden wollen.
Eine halbe Stunde später, nachdem der Arzt von Lindenheim abgefahren, kam der Alte zur Obersörsterei.
„Schrumm," sagte er, indem er sich in Position stellte, „ist Alle» in Ordnung, Herr Oberförster."
„Nun, Herr Förster Rudow, Sie bringen gewiß gute Nachrichten von den Knaben, denn ich sehe es Ihnen schon an," entgegnete der Oberförster und reichte dem Alten die Hand.
„Gottlob ja, Herr Oberförster, und dem Himmel sei Dank. Hätte der Ribold nicht die ganzen Bauhölzer auf einmal gekauft, dann wären wir wohl zu spät gekommen."
„Aber was ist mit den Jungen?" fragte Fräulein Steuer ängstlich.
„Schlafen schon, sind in guter Hut, Fräulein Hertha- Nachdem Sie mich verließen, Herr Oberförster, wickelte ich die Knaben in meine Röcke und trug sie zusammen nach der Bahnwärterbude 114 zu den Eltern der einen Knaben. Da hätten Sie aber die Leute sehen sollen, wie sie mich ankommen sahen. Ihre Aufregung war so groß, daß sie mir auch nicht das Geringste helfen konnten, denn sie machten Alles verkehrt. Na, ich zog die Jungens aus und legte jeden in ein Bett; als dann schließlich unter vielen Thränen die Leute ruhiger wurden, da wußten sie ja selbst, was sie zu thun hatten."
„O, diese armen Knaben," sagte Hertha mitleidig.
„Ach, Fräulein, darum bangen Sie sich nur nicht, ist junges Leben, dis Sorte erholt sich schon und wenn das Glück gut ist, dann fahren sie in vierzehn Tagen schon wieder Kahn."
„Aber, Herr Rudow, das werden die Eltern doch gewiß nicht mehr zugeben," sagte Hertha.
„O, glauben Sie es mir, Fräulein," sagte der Alte, „die Jungens, die an der Weichsel groß geworden, das ist eine gesunde Rasse und hernach wird das Wasser ja auch wärmer. — Die Eltern begleiteten mich dann noch eine kurze Strecke. Mit ihrer groben Warpschürze konnte die Frau nicht genug Thränen abwischen und der Vater, der sagte erst gar nichts, dann drückte er mir kräftig die Hand und ging seine Strecke revidiren, auch gleichzeitig dem Bühnenmeister Bescheid sagend, daß sein Emil schon dreiviertel tobt war und


