— 212 —
Er vergißt z. B. der Hypnotische, daß er zu Mittag gegessen hat, er vergißt, wo er geboren ist, oder er glaubt, ob» wohl in Berlin geboren, daß Breslau sein Geburtsort sei- Durch posthypnotische Suggestion kann man diese Erinnerungstäuschungen in das wache Leben hinübersühren-
Die posthypnotische Suggestion besteht darin, daß während der Hypnose eine Suggestion eingepflanzt wird, deren Wirkung stch erst nach dem Erwachen zeigt: ein Hypnotischer erhält den Befehl, nach drei Tagen zu A zu gehen und beim Eintritt in besten Zimmer ein Glas Master zu verlangen. Derartige Aufträge werden pünktlich ausgeführt, obschon die Erinnerung an den Auftrag fehlt. Die posthypnotischen Suggestionen realistren sich bet geeigneten Versuchspersonen selbst längere Zeit nach dem Erwachen; noch nach Monaten, ja nach einem Jahre, wurden diese Suggestionen verwirklicht- Ebenso wie Handlungen kann man auch posthypnotische Sinnestäuschungen suggeriren. Die Zustände, in denen sich posthypnotische Suggestionen realistren, sind verschieden. Wenn zwischen dem Erwachen und der Realtsirung des Befehls das Sujet normal ist, so tritt während derselben mitunter eine neue Hypnose ein; zuweilen bleibt die Versuchsperson aber auch vollkommen wach, während sie die Suggestion aussührt-
Während man früher ännahm, das Bewußtsein sei in der Hypnose erloschen, mußte dies als irrthümltch erkannt werden, sobald man im wachen Zustand oder in der neuen Hypnose die Erinnerung wieder auftreten sah. Denn wenn man sich gewisser Vorgänge aus einer früher« Zeit erinnert, so muß in dieser Bewußtsein bestanden haben. Ebensowenig wie die Hypnose ein Zustand von Bewußtlosigkeit ist, besteht in ihr absolute Willenslostgkeit, wenn auch der Wille herabgesetzt ist. Viele Suggestionen gelingen nur dann, wenn zahlreiche Versuche gemacht worden sind und der Hypnotische der Dressur unterworfen war. Aber selbst nach vielen Versuchen können Handlungen, die dem Character der Person widersprechen, meistens nicht suggerirt werden.
Die theoretische Auffassung des Hypnotismus ist noch unklar. Heidenhain sprach die Ansicht aus, die Thätigkeit der grauen Hirnrinde sei in der Hypnose gehemmt; Wundt führt die Erscheinungen auf eine vermehrte Thätigkeit einiger, auf verminderte Thätigkeit anderer Hirntheile und auf Veränderung der Blutcirculation zurück. Auf psychologische Theorien sei kurz hingewiesen. Gurney faßte die Hypnose als Zustand psychischer Reflexthätigkeit auf; nach Max Dessoir ist die Hypnofe ein Zustand, in dem das Unterbewußtsein vorwiegt. Während die einen in der Hypnose einen krankhaften Zustand erblicken, gehen andere so weit, die Hypnose als einen dem gewöhnlichen Schlaf identischen oder verwandten Zustand zu betrachten.
In neuerer Zeit trat das Bestreben hervor, von dem Hypnotismus einen practischen Nutzen in der Heilkunde zu ziehen, ein Bestreben, das von der Nancyer Schule gefördert wurde. Doch schien Anfangs die Gefährlichkeit die Verwerthung der Hypnose zu verbieten. Indessen erkannte man später, daß die Gesahren nur dann zu befürchten sind, wenn man die Versuche ungeschickt macht. Zu den Krankheiten, die durch Hypnose geheilt oder gebessert werden, gehören zahlreiche Neurosen, d. h. zahlreiche Nervenkrankheiten, bei denen organische Veränderungen fehlen, z. B- hysterische Lähmungen, nervöse Kopfschmerzen, Neuralgien, rheumatische Schmerzen. Hierher kann man ferner das Stottern, den Morphinismus, den Alkoholismus rechnen, die oft durch die hypnotische Suggestion gebessert werden konnten. Im Zusammenhang mit der Behandlung durch hypnotische Suggestion steht die Suggestion ohne Hypnose. Beide Arten zusammen umfassen die Suggestionstherapie. Durch genauere Berücksichtigung der Suggestion sind Aerzte zu der Ansicht gekommen, daß die günstige Wirkung vieler Heilmittel auf deren psychifchem Einfluß beruht, indem der Patient an ihre Wirksamkeit glaubt und dadurch geheilt wird.
In forensischer Beziehung hat Bentivegni auf die
civilrechtliche Bedeutung des Hypnotismus hingewiesen Außerdem ist noch die strafrechtliche Seite zu berücksichtigen. Hypnotisirts können das Opfer oder das Werkzeug von Verbrechen fein. Praktische Bedeutung haben bisher nur Fälle der ersteren Art gehabt; es handelt sich dabei nur um Nothzucht an hypnotistrten Personen, die nach unseren heutigen Gesetzen bestraft wird. Die Frage, ob Jemand durch Suggestion einen Hypnotistrten zur Begehung eines Verbrechens benutzen kann, wird verschieden beantwortet. Von einigen wird die Möglichkeit bestritten, zumal da Niemand zu einer seinem Character widerstrebenden Handlung durch Suggestion gezwungen werden könne; die Unmöglichkeit solcher criminellen Suggestionen kann aber doch nicht behauptet werden. Er sei noch auf die Benutzung künstlicher Erinnerunzstäuschungen, der retroaktiven Suggestionen, zur Fälschung von Zeugenaussagen hingewiesen; es ist dies eine Gefahr, die von Manchen für sehr groß gehalten wird.
Litermvisches
Allgemeine Kunstgeschichte von Professor Dr. Alwin Schultz. Verlag der G. Grote'schen Verlagshandlung. (Müller-Grote und Baumgärtner) Berlin, 3. Heft soeben erschienen. Die Kunstgeschichte ist ein bevorzugtes Gebiet geistigen Ergehens. Die Kunst ist Aller Freude; ein jeder hält sie werth; am Genuß ihrer Schöpfungen will jeder sein Theil haben; in dem großen Kreise der Kunstfreunde ist redliches Streben nach tieferm Verständniß und richtiger Würdigung der Kunstwerke rege: das Selbststudium der Kunstgeschichte gewährt bleibende Befriedigung. Das hier angezeigte neue Werk soll edler Neigung für die bildenden Künste fördernd dienen und es darf deshalb allseitiges Interesse für sich erhoffen. Es tritt auf als eine ernste, gediegene Arbeit in schöner Erscheinung; es ist ein Werk für jeden Beruf und alle Stände, die am geistigen Leben theilnehmen, em Weck für jeden, der Sinn für die Kunst und für das Schöne hat, ein Werk, das nicht nur in der Bibliothek und in dem Bücherschränke stehen, sondern namentlich auch durch häufige Benutzung am Familinv tisch zu einem anregenden und bildenden, nutzbringenden, lebendige» Wirken gelangen will. Dieses Ziel in's Auge zu fassen und durch ein neues, zeitgemäßes Werk würdig zu erstreben, gab die Lage des wissenschaftlichen Stoffgebietes der Kunstgeschichte und das Bedürsniß des Publikums an die Hand: es war Zeit und es war eine Nothwendigkeit geworden, die reichen Ergebnisse der neueren kunsthistorischen Forschung zusammenzufassen und auszngestalten zu einer unseren modernen Anforderungen genügenden neuen Darstellung des Entwickelungsganges der bildenden Künste in seinem vollem Umfange: von den alten Aegyptern herab bis auf unsere „Modernen" — von zuverlässiger Wissenschaftlich keit in der Anlage, klar, geschmackvoll und anregend in ihrer Form. Ausgeführt mit dem größten Aufwand von künstlerischer, technischer imi> kritischer Arbeit, bieten die Abbildungen in ihrer Gesammtheit eine die künstlerisch bildende Thätigkeit aller Völker umfassende glänzende Illustration der Entwickelung der Kunstgeschichte. Viel Schönes und Werthvolles bietet das neue Werk für einen Preis, der so äußerst billig nur hat bemessen werden können einerseits in der Erwägung, daß ein solches Werk nicht da sein soll für nur wenige, sondern vielmehr für alle Kunstfreunde und andrerseits in der Hoffnung, daß es denn auch in den weitesten Kreisen derselben ungetheiltm Anklang und überall warme Aufnahme stnden werde; das lieferungsweise Erscheinen gestattet die Anschaffung, ohne die Ausgabe des Preises zu empfinden.
„Beim Einkauf" betitelt sich eine für die Frauenwelt besonderes Interesse bietende Studie aus den modernen großen Modebazaren, die mit hübschen Illustrationen versehen das soeben erschienene 16. Heft der beliebten Halbmonatsschrift »Dom Adils znm Mfit* (Union Deutschs Verlagsgesellschaft in Stuttgart. Preis des Heftes 75 Pfg.) eröffnet. Gleiches Interesse beansprucht der weitere Inhalt des Heftes, so namentlich der Aufsatz „Ueber schmerzloses Zahnausziehen" von Professor Dr. F. Busch, die Charakteristik der Wiener Tragödin Adele Sandrock von A. Bettelheim, das malerische Bild „Eine Sängerin der Heilsarmee in London", die Plauderei „Der Club der Unzufriedenen" mit dem originellen Bilde einer Versammlung von Hunden verschiedener Rassen, der Kunstartikel über den Maler F. Doubek, die Biographie der jetzt vielgenannten italienischen Dichterin Ada Negri (mit Porträt), der mit prächtigen Bildern geschmückte Bericht über eine „Wohlthätig- keitsvorstellung der Berliner Hofgesellschaft" u. a. m. Zu den führenden Romanen „Ein Schlagwort der Zeit" von F. Zabeltitz und „Jadiviga" von Carl Busse tritt eine in dem Heft abgeschlossene Novelle „Eine Gewitternacht" von Hermine Villinger, eine der schönsten poetischen Gaben der süddeutschen Dichterin. Auf dem Umschläge fesselt unfern Blick die japanische Station der „Hochzeitsreise um die Welt", eine originelle Scene aus Yokohama von größtem Farbenreiz. Inhalt und Ausstattung von „Vom Fels zum Meer" erheben das Blatt weit über das Niveau der sonstigen illustrierten Zeitschriften.
Prtectien: X. Scheyda. — Druck im» «erlag der Brühl'schcn UniversttätS-Buch- und Steindruckerei (Pietsch & Schehda) in Sich«.


