Ausgabe 
2.11.1895
 
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wirklich Aokohama. Ich erkenne deutlich die amerikanische Flagge auf einem der Häuser und dort etwas weiter land­einwärts sehe ich auch die englische wehen. In weniger al» einer Stunde wird unsere schöne Seereise zu den ver­gangenen Dingen gehören."

Es war ein Klang von aufrichtigem Bedauern in seinen letzten Worten gewesen. Die junge Dame aber, deren Ge­danken offenbar ganz von den bevorstehenden Ereigntffen in Anspruch genommen waren, hatte ihn wohl überhört, denn sie rief mit großer Lebhaftigkeit:Die englische Flagge? Da» wäre also da» Consulat, nicht wahr? O, zeigen Sie mir, wo Sie sie gesehen haben, Mr- Stralendorf! Ich kann sie trotz allen Suchens nicht finden."

Er mußte sich näher zu ihr neigen, um ihrem Glase die Richtung nach dem betreffenden Punkte zu geben. Für einen Moment streifte sein Arm ihre Schulter, deren weiche Rundung er unter dem leichten, Hellen Sommerkleids fühlen konnte und eine heiße Blutwelle schoß dem Achtundzwanzigjährigen in'» Gesicht bei der unabsichtlichen Berührung.

Nun habe ich'« ja! Und es scheint sehr hübsch dort zu sein. Sieht e» Nicht aus, als ob e« mitten in einem großen Garten läge?"

Es scheint so. Aber wäre e« unbescheiden, zu fragen, Miß Donaldson, warum Sie gerade das britische Consulat in so hohem Grade interessirt?"

Aus einem sehr einfachen Grunde. Es wird ja nun auf unbestimmte Zeit meine Heimath sein. Mr. Herbert ElmSley, mein Onkel, ist der Consul Ihrer Majestät in Doko- Hama, und auf seine Einladung haben wir die wette Fahrt von Guildford nach Japan unternommen. Hat Ihnen denn meine Mutter noch gar nicht davon gesprochen?"

Nein. Seitdem Mr. Thomas Elli» so ganz ihre Gunst gewonnen, hatte ich ja kaum noch das Vergnügen, mich mit ihr zu unterhalten."

Maud Donaldson warf unwillkürlich einen raschen Blick nach jener Stelle der Schiffes, wo sich die anderen Passagiere befanden. Sie sah die hohe, etwas hagere Gestalt de» Mannes, dessen Namen der junge Deutsche soeben genannt hatte, auch jetzt an der Seite ihrer Mutter und es war ein merkwürdiger Zufall, daß seine klaren, durchdringend scharfen Augen gerade in diesem Moment den ihrigen begegnen mußten, fo daß sie wie in plötzlicher Verlegenheit ihr Gesichtchen wieder nach der Küste wandte.

Sie dürfen sich nicht so sehr darüber wundern," sagte sie mit gedämpfter und etwas unsicher klingsnedr Stimme. Wir find der Liebenswürdigkeit des Herrn Ellis wirklich zu großem Danke verpflichtet. Nachdem sich alle Medicamente des Schiffrarztes als vollkommen wirkungslos gegen da« hart­näckige Unwohlsein meiner Mutter erwiesen hatten, befreite er fie mit einer Mischung au« seiner kleinen Reise-Apotheke innerhalb weniger Stunden von ihrem quälenden Leiden."

Sollte dabei nicht ein glücklicher Zufall oder vielleicht auch ein wenig Suggestion im Spiele gewesen sein? Elli» ist doch kein Arzt und ich muß gestehen, daß ich für meine Person nicht Vertrauen genug in seine Hrilkunst gehabt haben würde, um mich zum Object eine» solchen Versuches herzu­geben."

Sie lieben ihn nicht gestehen Sie'« nur ganz offen! Ich habe längst gemerkt, daß Sie eine gewisse Abneigung gegen unseren Reisegefährten hegen."

Gr ist nicht nach meinem Geschmack warum sollte ich es leugnen! Es ist etwa« Verstecktes in ihm, etwas Un­durchdringliche», da» kein rechtes Behagen auskommen läßt in seiner Gesellschaft. Und die Leute, die nach Aussehen und Gebahren gleichsam wandelnde Räthsel sind, haben immer etwas Abstoßende» sür mich gehabt- Es mag wohl sein, daß mein geringes Talent, solche lebendige Räthsel zu lösen, die Schuld daran trägt; aber ich komme nun einmal nicht darüber hinweg. Und Sie, Fräulein Donaldson, sagen Sie mir doch aufrichtig, ob Ihnen dieser Herr Elli» gefällt!"

Da» junge Mädchen vermied es geflissentlich, den Fragen­

den anzusehen und es verging eine merkwürdig lange Zett, ehe es Antwort gab.

Ich kenne ihn wohl zu wenig. Und dann er hat fich in der That sehr hülsreich und freundlich gegen uns be­nommen. Es wäre undankbar, wenn ich anders als mit Achtung von ihm sprechen wollte."

Hat er Ihnen vielleicht auch anvertraut, in welcher Ab­sicht er hierher nach Japan geht? In der Paffagierliste de» Schiffes ist er als Kaufmann verzeichnet."

Ja. Und er trägt sich mit dem Plane, seinen Auf­enthalt in einem der freigegebenen Häfen zu nehmen, die bis jetzt von Europäern noch weniger besucht werden, als Poko- dama. Ich glaube, er sprach von Hakodate auf der Insel Yezo."

Nun, ich wünsche ihm Glück dazu. E« ist mir jeden­falls ein Vergnügen, zu hören, daß ich nicht länaer verurthetlt sein soll, sein unangeneh nes Gesicht und seine stechenden Augen in meiner Nähe zu wiffen. Sie aber, Fräulein Donaldson, Sie werden also dauernd in Aokohama bleiben?'

Ich weiß es nicht; aber ich vermuthe allerdings, daß wir nicht so bald wieder fortkommen werden. Schon seit meines Vaters Tode hegte mein Oheim den Wunsch, daß wir sein Haus mit ihm theilen möchten, denn er ist unverheirathet und sehnt sich nach einem behaglichen Familienleben. Wir haben lange gezögert, ehe wir uns entschlossen, seinen Sitten nachzugeben. Es ist schwer, sich auf lange Zeit, vielleicht auf immer, von der Heimath zu trennen."

Sie hatte da« Fernglas sinken laffen und in ihren dunklen Augen, die noch immer auf die Küste des unbekannten Landes gerichtet waren, schimmerte es feucht. Georg Stralendorf» breite Brust hob fich in einem tiefen Athemzuge und seine Stimme klang bewegt, al» er halblaut sagte:Möchten Sie doch hier auf der fremden Erde tausendmal schöner Alle» wiederfinden, was Sie drüben in Ihrem Vaterlande verlaffen mußten I Ich wünsche es Ihnen von Herzen wahrhaftig, von ganzem Herzen."

Maud wandte ihm da» dunkle Köpfchen zu und sah ihn freundlich an.

Ich danke Ihnen, Herr Stralendorf! Ach, ich wollte, diese ersten Tage und Wochen wären schon vorüber I Ich hatte mir so fest vorgenommen, tapfer zu sein und bi» heute ging e» ja auch ganz gut. Jetzt aber habe ich schreckliche Furcht. Das ist recht kindisch nicht wahr? Sie, der Sie ja auch als Fremder hierher kommen, Sie fürchten sich gewiß nicht im Geringsten."

Georg Stralendorf lächelte und es war ein so gut- müthige», treuherzige» Lächeln, daß es sein sonnenverbrannte» Gesicht merkwürdig verschönte.

Wenn man so viel in der Welt herumgeworfen worden ist wie ich, fängt man allerdings zuletzt an, das Fürchten zu verlernen. Aber da» Gefühl, das Sie da überkommt, ver­stehe ich trotzdem recht gut. Genau so war mir um'« Herz, als ich zum ersten Mal die englische Küste vor mir auftauchen sah. Damals war ich neunzehn Jahre alt und ich hatte die geliebte Heimath hinter mir gelassen wie Sie. Hätte ich Geld genug gehabt, wer weiß, ob ich nicht mit dem ersten besten Schiffe nach Deutschland zurückgekehrt wäre. Aber da« war zum Glück unmöglich, und in dem harten Kampf um'« Dasein blieb mir dann nicht mehr viel Zeit für wetchmüthige Be­trachtungen. Uebrigen» um der Wahrheit die Ehre zu geben, Fräulein Donaldson etwa« gibt e« allerdings, wo­vor ich mich auch heute fürchte, etwas, das sehr betrübend sür mich ist, und da« ich doch leider nicht ändern kann."

Fragend blickte Maud zu ihm auf und mit einem liebens­würdigen Gemisch von Offenherzigkeit und Befangenheit fügte Georg Stralendorf hinzu:Ich fürchte nämlich, daß e« mir nach unserer Landung nie mehr vergönnt sein wird, so wie jetzt mit Ihnen zu plaudern. Denn ich vermuthe, daß auch auf japanischer Erde jene gesellschaftlichen Unterschiede Geltung haben, die höchstens einmal auf dem engen Raume einet Schiffe» für die Dauer einiger Tage oder Wochen aufgehoben werden können. Vielleicht war es Ihnen bisher gar nicht