Ausgabe 
2.2.1895
 
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diese,wir können unser Mnd doch nicht immer behalten und wollen uns freuen, daß ihre Herzenswahl auf keinen Unwür­digen gefallen ist. Wenn wir sie freilich so weit von uns lassen sollen"

Wir bleiben in Europa, einzige, beste Mama!" jubelte Leonore, die Mutter stürmisch umhalsend.O, ich bin so glücklich, daß der brummige Papa gar nicht den Muth finden wird, sein Verbot aufrecht zu halten."

Oho, in diesem Falle werde ich ihn finden", brummte der Professor,und was die Neutralität hier bei Tante Dorothea anbetrifft, so wirst Du einfach vorerst diesen Boden nicht betreten dürfen."

Das ist Unsinn, Professor!" schalt der Hauptmann, unnöthige Thierquälerei."

Nicht wahr, Onkel Hauptmann?" rief Leonore schmol­lend,wenn Willibald hier wäre, könnten wir gleich zwei Verlobungen feiern."

Wie, Kleine? Wen willst Du denn noch verloben?" Et, wen ander» als Elisabeth und Willibald!"

Was?" fiel der alte Ehrhard ganz verwundert ein, meine beiden Kinder wollen sich verheirathen? Woher weißt Du das?"

Frage sie nur selber, ob Lisbeth einen andern fwill, Onkel Hauptmann!"

Dieser sah die Stieftochter an und schien auf ihrem erglühenden Gesichte genug zu lesen.

Und Ihr seid schon einig?" fragte er kopfschüttelnd.

Schon seit zehn Jahren!" rief Leonore triumphirend.

Daß Dich da» Mäuslein beißt hast Du's gewußt, Dorothea?"

O, ich hab'» mir längst gedächt", lächelte die alte Dame, die Sympathie zwischen den Beiden war ja stark genug, ihm dem Tode zu entreißen."

Richtig, na, mir soll'» recht sein, wenn kein fremder Element sich zwischen un» drängt. Aber er darf Dich nicht mit nach Amerika nehmen, Lisbeth!"

Er geht nicht wieder zurück, sondern bleibt fortan bei un», Papa!" erwiderte da» junge Mädchen, ihm zärtlich die Wangen streichelnd.Wie danke ich Dir, Du guter, lieber Papa!"

Sie hatte die letzten Worte nur leise gesprochen, aber der daneben sitzende Professor hatte doch jedes Wort ver- standen. Ein wunderliche» Gefühl beschlich ihn, hatten sie im Handumdrehen die Rollen gewechselt, er und der alte störrische Hauptmann? Wußte dieser denn j tzt im Grunde mehr von dem Lebenslaufe seine» Neffen, al» er, der Pro­fessor, von dem Character und den Privatverhältniffen des Amerikaner»? Gewiß nicht, da Willibald Ehrhard wäh- rend seiner zehnjährigen Abwesenheit, welche aus dem Jüng­linge einen Mann gemacht, aber auch seinen Character, seinen ganzen inneren Menschen umgewandelt haben konnte, für seine Familie sowohl wie für seine einstigen Freunde ein Fremder geworden war.

Und trotz alledem segnete der Hauptmann einen Herzens­bund, den er noch vor wenigen Monden mit seinem Fluche bedroht haben würde! Sollte sein liebliches Kind ihn für grausamer und liebloser halten, als Elisabeth den Stiefvater? Dieser Gedanke war dem guten Carlsen so unerträglich, daß er sich zu einem großen Entschlüsse aufraffte.

Na, alter Eisenkopf I" rief er halb ärgerlich, halb J®» "?Ifo auch überrumpelt! Der neutrale Boden scheint für Ihre beiden Verbündeten somit das Krankenhaus gewesen zu sein. Nach Ihrem Beispiele müßte ich dem Feinde nun goldene Brücken bauen"

Ach, Unsinn, Professor!" unterbrach Ehrhard ihn barsch, Sie sind ein schlechter Stratege. Strecken Sie die Waffen und schließen Sie einen ehrenvollen Frieden, weiter bleibt Ihnen nichts übrig."

lasse roenn $ mich zu einem Waffenstillstände herbei- Heißt unnöthig Zeit vergeuden, alter Freund, Sie ver­

lieren mehr dabei, al« Sie ahnen, auf mein Wort!- Frieden und ein Bündniß, darin liegt Vernunft."

Gut, warten wir wenigstens mit der Verlobung, bis Willibald genesen ist," beharrte der Professor.

Dann feiern wir sofort eine Doppel-Hochzeit," rief der Hauptmann triumphirend.

Bravo 1" tönte es ringsum wie aus einem Munde, wozu Carlsen lachend den Kopf schüttelte.

Morgen fahre ich mit meiner Kleine» zu unferm Jungen, um Verlobung zu feiern," fuhr Ehrhard mit strahlendem Gesichte fort.Du begleitest uns, Dorothea!"

Du scheinst Geschmack am Verloben zu bekommen, lieber Freund!" lächelte der Candidat in seiner trockenen Weise, Gott sei Dank, daß meine grauen Haare Dir einen Dämpfer aufsetzen."

Der Hauptmann blinzelte humoristisch zu seiner Schwester hinüber.

Alter schützt vor Thorheit nicht, mein bester Melchior," er­widerte er langsam,ich sage Dir, daß Du im Grunde Dein Leben lang ein großes Kind gewesen bist und bleiben wirst. Wäre Dorothea nicht meine Schwester, bann würde sie ohne Zweifel meine Frau geworden fein."

Aber Max, Du bist ja aus Rand und Band," rief Dorothea unwillig,der Wein ist Dir offenbar zu Kopfe ge­stiegen."

Nein, meine Liebe, nicht der Wein, sondern das Glück, welches dieser Tag mir gebracht hat," entgegnete der Haupt­mann mit feierlichem Ernste,ich befinde mich in einem Glücks­rausch, weil der Name Ehrhard von jedem Flecken gereinigt worden ist, der Sohn meines theuren Bruders da» höchste Gut, die Ehre, wieder zurückgewonnen hat. Fülle die Gläser, Dorothea! Wir wollen sie leeren auf das Glück unsere» Brautpaares!"

Es gab einen guten Klang.

Na, meinetwegen noch einmal," rief der Professor, «lassen wir auch das zweite Brautpaar leben. Sie mögen es ver­antworten, Hauptmann, Sie und meine Frau. Ich wasche meine Hände in Unschuld!"

Ein unbeschreiblicher Jubel folgte diesen Worten, ein Jubel, wie ihn Taute Dorotheas Klause noch nie erlebt und der die friedlichen Mitbewohner dieses stillen Asyls erstaunt aufhorchen ließ.

S chluß-Capitel.

Zwei Tage später brachten die Blätter anstatt der im Sand verlaufenen Volksdemonstration gegen Hauptmann Ehr­hard bte Mittheilung von der Begnadigung und ehrenvollen Auszeichnung des Helden der Sturmfluth, sowie von der nach­träglichen Decorirung des Invaliden von 1870, welcher sich in dieser heiklen Lage nicht bloß durch zärtliche Liebe für den Neffen, sondern auch durch fine eiserne, jedes persönliche Empfinden unterdrückende Pflichttreue ausgezeichnet hatte. Onkel und Neffe waren in dieser Weise so eng miteinander verbunden worben, daß man beide zugleich feierte und die allgemeinste Befriedigung sich darüber aussprach.

Dann kam der Tag, wo Willibald in de» Hauptmann» Wohnung zurückkehrte, wo er alle Ovationen der vor dem reich mit Guirlanden geschmückten Hause versammelten Menge ruhig über sich ergehen lassen mußte, und bann kam auch bet schönste Tag seine» Lebens, welcher ihn mit ber Geliebten vereinte-

Die Hauptkirche, in welcher die Trauung der beiden Paare vollzogen wurde, konnte die Menge nicht fassen, draußen wogte es im herrlichen Sonnenschein vergnügt durcheinander, Arm und Wohlhabend, in modernen Toiletten und im Arbeits­kleide, als wären sie Alle an dieser Hochzeitsfeier betheiligt.

Die Wagen rollten heran. Der alte Hauptmann wurde mit dem ersten Hnrrah empfangen, das sich beim Erscheinen seines Neffen lawinenartig zu einer großartigen Huldigung gestaltete, welche den jungen Mann als Ausdruck innerster Dankbarkeit und Hsrzen-empfindung mit tiefer Rührung er-