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Nr. 16.
Samstag den 2.
Februar.
1895.
UnrerhaltungsLüatt xum Gießener Aryeiger (General-Anzeiger).
Sturmfluth.
Roman von Em. Heinrichs.
(Schluß).
„So ist Fräulein Ehrhard auch nicht hier?" fragte Hamson, einen erstaunten Blick auf Leonore heftend.
„Nein", erwiderte diese, schalkhaft lächelnd, „der gute Papa hier verrieth mir die Geschichte, und da er in begreiflicher Neugierde sich den Radau selber ansehen wollte, ging ich natürlich mit, wogegen mein Vater zwar mit aller Macht, aber vergeblich ankämpfte. Nicht wahr, Papa?"
„Das glaube ich, meine Gnädigste!" erwiderte der junge Mann, „wen Sie einmal unter ihre Gewalt gebracht haben, der bleibt es zeitlebens."
„Na, ja, machen Sie die Rebellin nur noch aufsässiger", brummte der Professor. „Hat sich die Rotte Korah draußen schon verlaufen?" wandte er sich fragend an den Hauswirth.
„Gott sei Dank, ja, Herr Professor! Es war ein wirksamer Schachzug von diesem Herrn, der Bande ein Trinkgeld auszuwerfen; wenn es dabei nur nicht blutige Köpfe gibt!"
„Mögen sie sich hauen, ich bin froh, daß der Scandal von diesem Hause abgewandt ist. Und nun kommen Sie, Herr Hamson, begleiten Sie uns zur Tante Dorothea, wo wir die ganze Familie beisammen finden."
Sie verließen da» Haus. Leonore hängte sich an de« Vaters Arm, worauf Hamson sich an ihre Seite begab und verstohlen nach ihrer Hand griff, ein Manöver, das der Professor zu ahnen schien, da er den jungen Herrn sofort an seine Seite beorderte, um ihm sehr erfreuliche Neuigkeiten mitzutheilen.
Allerdings waren diese auch so interessanter und erfreulicher Natur, daß Hamson augenblicklich seinen Unmuth ver» gaß und am liebsten, wie er sagte, laut aufgejubelt hätte.
„Aber, Herr Professor", setzte er dann mit leisem Vor- wurs hinzu, „damit hätten Sie die aufgeregte Menge ja sofort beruhigen können!"
„Sie meinen, ich hätte Ihnen das theure Trinkgeld ersparen können", erwiderte der alte Herr trocken.
„O Papa, wie häßlich von Dir!" rief Leonore empört. ;
„Weshalb häßlich, mein gnädiges Fräulein?" sprach Hamson ruhig, „Ihr Herr Vater hält mich für einen Mann, der die Macht und den Werth de» Geldes kennt, und das freut mich."
„Natürlich halte ich Sie dafür", antwortete Carlsen, „weil ein Verschwender mir noch verbrecherischer erscheint al» ein Geizhals. — Ich hätte Ihnen das Trinkgeld, und es wird wohl kein geringes gewesen sein, doch nicht ersparen können, weil ich nicht das Recht besaß, den herzoglichen Gnadenerlaß öffentlich zu verkünden. — Allerdings hätte ich Ihnen auch den nicht zu unterschätzenden Triumph, einen unangenehmen Scandal verhütet zu haben, der wie ein Tropfen Galle den Becher des Glückes getrübt hätte, geraubt, aber das bedauere ich nicht. Alles in allem, freut es mich aufrichtig, Sie als einen thatkräftigen und jeder schwierigen Lage gewachsenen Mann kennen gelernt zu haben, mein lieber Herr Hamson! — So, da wären wir zur Stelle, meine Frau ist auch oben bei Tante Dorothea, nun fehlt nur noch der Willibald, welcher jedenfalls in Gedanken bet uns sein wird."
„Aber es ist nicht tactlos, wenn ich mich als Fremder gerade heute Abend in die Familie eindränge?" wandte Hamson zögernd ein.
„Warum nicht gar?" polterte der Professor, ihn gut- müthig vorwärts drängend. „Als Willibald'» alter ego gehören Sie erst recht zur Familie Ehrhard, abgesehen von dem heutigen freundschaftlichen Kraftstück."
„Dar Sie dem Hauptmann aber nicht verrathen werden, Herr Professor?"
„Werde mich hüten, dar werden die Zeitungen schon früh genug besorgen."
„Was um keinen Prei» geschehen darf", rief Hamson ganz entschieden. „Mich verlangt durchaus nicht nach der Ehre, als Held eine» Straßenscandals öffentlich genannt zu werden und ich denke, daß es zu ermöglichen ist, die Sache todtzuschweigen."
„Denke wohl, es wird den Herren, wenn sie alles erfahren, auch lieb fein- Dann aber müßten wir gleich ins Geschirr gehen, mein junger Freund! — Wir haben hier zwei anständige Zeitungen und zwei sogenannte Volksblätter, welche jedenfalls die Geschichte angezettelt haben. Diese


