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„Hast Du auch recht gethan, unserem Retter mit zwei Worten so für seine Hülfe zu danken?" fragte die Großmutter, welche mit Besorgniß auf die Enkelin und deren wankende Schritte sah. „Wirst noch einmal niedersinken, Kind."
„Ich habe recht gethan, Großmutter, sorgt Euch nicht, mit jedem Schritt kehren die Kräfte zurück."
Wortlos schritten Beide zum kleinen Häuschen in der Beundegafse. Sibille begab sich sogleich in ihr Kämmerlein. Auf dem Bettrände sitzend, entrollte sie das seidenartige, dunkle Haar; zuweilen starrte sie durch die runden, kleinen Scheiben hinaus in die vom Mondschein übergoßene Frühlingspracht. Endlich suchte sie das Lager; heiße Thränen rollten auf den Pfühl. Im Osten dämmerte das Frühroth, als das gequälte junge Menschenkind in unruhigen Schlaf versank. —
Später als sonst kam Sibille am folgenden Morgen zur Großmutter, welche fleißig in der Küche schaffte.
„Du bist krank, mein Kindl" sprach die gute Alte besorgt. „Deine Augen sind verschleiert, Deine Wangen blaß; ich werde zum Herrn Hofprediger gehen und fragen, ob Du nicht etwas von dem Thee einnehmen sollst, den er für viele Gebrechte selber bereitet."
„Nein, Großmutter, thut das nicht," antwortete das Mädchen; „ich weiß mir schon zu helfen, das Nebel geht bald vorüber."
Sie nahm eine kunstvolle Arbeit vor; doch die kleinen, geschickten Hände zitterten, daß sie keine Nadel einzufädeln vermochten. Sibille ging in den Garten, wo ein Stück Land umzugraben war. Ein Grabscheit stand zur Hand. Da- Mädchen begann die Arbeit. Die kräftige Bewegung, die erquickende Maieniust, der aus dem frischbearbeiteten Boden emporsteigende Brodem erquickten die Schafferin. Nicht lange dauerte es, so rötheten sich die blaffen Wangen, klärte sich der trübe Blick.
Einige hundert Schritte hinüber, jenseits des Weges, stand der Hexenrichter Caspari hinter einem Hollunderstrauche; es war ihm gelungen, ziemlich nahe an das Beilstein'sche Häuschen heranzukommen, ohne daß er bemerkt wurde, denn Sibille zeigte ihm bet der Arbeit den Rücken. Mit Wohlgefallen beobachtete er die kräftigen, geschickten Bewegungen des Mädchens. Eine halbe Wendung der Arbeiterin zeigte ihm das feine Profil des Mädchenkopfes. Die Arbeit machte warm. Sibille zog da» Jäckchen aus, wickelte die weißen Aermel herauf und grub weiter; zuweilen wischte sie sich mit einem Tüchlein den Schweiß von der Stirne. Die Züge de» finsteren Mannes erhellten sich und der Druck, der auf dem Mädchengemüthe lastete, verschwand mit der fortschreitenden Arbeit. Es schien, al« ob zwischen dem Beobachter und der Beobachteten eine innere Wechselbeziehung stattfände.
„Das Mädchen macht Eindruck auf Jeden, der mit ihm in Berührung kommt," murmelte Caspari, indem er die gedeckte Stelle verließ und nach der anderen Seite verschwand. „Auch dem Rentmeister hat sie es angethan, wie ich jetzt sicher weiß. Ich muß ein scharfes Auge auf die Dirne haben, daß sie kein Unheil anrichtet."
Als die Mittagsglocke läutete, stellte Sibille das Grabscheit bei Seite und kam zur Großmutter.
„Ei, mein Kind, Du siehst wieder frisch und gesund au» und blühst wie ein Röslein, das eben aus der Hülle gekommen und vom Morgenthau benetzt wurde," rief die Alte vergnügt, als sie das schöne Menschenkind, dem einige Schweißtröpfchen auf der weißen Stirne perlten, hereintreten sah. „Man muß Dich wirklich gewähren lassen, Du bist selbst Dein bester Arzt. Sonst sind junge Dinger in Deinem Alter gern etwas zu Eigensinn geneigt, Dir gelingt es, fast immer das Richtige herauszufinden. Und nicht wahr, Arbeit macht das Leben süß, und wenn das Leben köstlich gewesen, sagt der Psalmist, dann ist es Mühe und Arbeit gewesen." —
Im Juli des Jahres 1658 wurde das schöne Horloffthal von schweren Wettern heimgesucht. Ein gewaltiger Wolkenbruch stürzte hernieder und riß die Brücke über den kleinen Fluß, der zum reißenden Strome geworden, mit fort. Justine, die Tochter de» Kerkermeister», ein buckelige» Mädchen von wanzig Jahren, befand sich auf der Brücke und wurde in die
Welle« geschleudert. Die Unglückliche vermochte einen Brückenbalken zu fassen und trieb mit diesem durch die gelben gurgelnden Fluthen. (Fortsetzung folgt.)
Organ und Sprache.
Von Marie Krohn.
------- ^Nachdruck verboten.)
Graf N. machte bei seinem Regimentscommandeur die erste Visite.
Der Diener bat ihn in den Salon- die Herrschaft würde sogleich erscheinen, versicherte er diensteifrig.
Der schmucke Offizier tritt ein und läßt in dem hohen eleganten Raum prüfend seine Blicke umherschweifen. Die Einrichtung ist modern und geschmackvoll, die Kleinigkeiten sind anmuthig und sinnig vertheilt, wie sie nur eine Frauenhand zu ordnen vermag.
Graf N. fühlt sich hier behaglich, obwohl er noch immer allein ist. Er ist kaum in die Residenz versetzt- er macht heute nur einen Pflichtbesuch, und weiß nicht einmal, aus wie viel Mitgliedern die Familie besteht.
Jetzt hört er ein harmloses Geplauder zwischen einer erwachsenen Dame und einem Kinde.
Die im Nebenzimmer Anwesenden scheinen nicht bemerkt zu haben, daß Besuch in den Salon trat, und ahnen nicht, daß diesem durch die angelehnte Thür kein Wort entgehen kann.
Aber dem jungen Offizier sind die Worte, welche da gesprochen werden, gleichgültig- er steht unter dem Banne des lieblichen Organs, daß er nur lauscht, und es wie Musik an sein Ohr schlägt.
„Sollte der alte Commandeur eine junge Frau mit solch' fesselndem, sammetweichen Organ haben?" fragt er sich. Die bald einschmeichelnden, bald bestimmt und fest und dennoch weich klingenden Worte mit feinster Aussprache schlagen an sein Herz wie innig willkommene Laute. Er vergißt fast, wo er ist, und zuckt jetzt, wie gewiß nicht vor dem Feinde, zusammen, als sein hoher Vorgesetzter in der Thüre erscheint ! —
Graf N. versteht sich aber zu beherrschen- er läßt sich bei diesem ersten Begegnen nichts zu Schulden kommen.
So wird ihm der Hausherr schnell gewogen, und dieser befiehlt dem Diener, bei der gnädigen Frau anzufragen, ob sie sich wohl genug fühle, um im Salon einen Gast zu begrüßen.
Die hohe Dame erscheint, — huldvoll — liebenswürdig, aber sie ist nicht mehr jung, und ihr Organ nicht dasjenige, welches er mit Entzücken im Nebenzimmer vernommen hat.
In diesem ist jetzt aber alles mäuschenstill.
Das liebliche, achtzehnjährige Dämchen, welches daselbst mit einem dreijährigen Baby beschäftigt war, hat voll Schreck bemerkt, daß sie von dem Gaste ungeahnt belauscht werden konnte- — dies ist die Ursache, daß das junge Mädchen widersetzte, der Mutter in den Salon zu folgen.
Graf N. dehnt seine erste Visite etwas lange aus.
Ach, er hoffte ja noch immer, auch mit Augen zu sehen, was bis jetzt nur die entzückten Ohren gehört hatten!
„Warum kam Edla nicht mit Dir?" fragte jetzt leise der Kommandeur seine Gattin.
Graf N. hatte die geflüsterten Worte doch verstanden, — er dachte:
„Ich gehe nicht eher von der Stelle, bis ich weiß, wer Edla ist! Es kann die Tochter gewesen sein, die ich sprechen hörte, aber auch die Bonne?"
Die hohe Commandeuse entschuldigte sich jetzt für einen Moment und kehrte mit der Ersehnten, — ihrer Tochter Edla zurück.
War sie es aber, die Graf N. herbei wünschte?
Ja, wie sollte er es denn erfahren? Das junge, liebliche Mädchen vor ihm bezauberte wohl sein Auge — aber ihre


