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Samstag, dm 30. Juni.
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Die Hexe von Bingenheim.
Von Gg. Schäfer.
(Fortsetzung.)
Siebzehntes Kapitel.
Dumpfe Axt« und Hammerschläge, wie ferne Karthaunen- schüffe ertönten von dem Rathhause zu Bingenheim und störten die tiefe Ruhe im Schlosse. Leise huschten die Diener über die Gänge und durch das Zimmer. Der Landgraf war schwer krank, man fürchtete für das Leben des verehrten Herrn.
Draußen im Freien herrschte eine entsetzliche Kälte. Die Fenster der Gebäulichkeiten waren bis oben hin gefroren und thauten nicht auf, wie sehr die Leute auch einheizten. Die Brunnen froren ein, Vögel fielen von der Kälte getödtet, aus der Luft; die Hausthiere in den Ställen litten schwer, obwohl man Thüren, Fenster und Luken fest verwahrte-
Commissarius Caspari verfuchte, da die Schläge nicht nachließen, durch das Fenster nach dem Rathhause zu sehen, vermochte es aber nicht, weil die dicke Eiskruste keinen Durch» blick verstattete. Er klingelte nach dem Kanzleidiener; Niemand erschien. Der Gestrenge durchschritt die Kanzleizimmer, alles war leer. Mit finsteren Blicken zog er sich in das Arbeits- zimmer zurück und brütete vor sich hin- Die alte Beilstein war beseitigt; davon hoffte er Ruhe zu erhalten und er war aufgeregter als je.
Polternd kam ein Mensch die Treppe herauf. Man hörte, wie er an alle Thüren klopfte; zuletzt kam er an diejenige des Richters.
„Herein!" rief zornig der Commissarius, als der An» kömmling von Außen mit der flachen Hand pochte, was einen Schall gab, als schlüge Jemand mit Stricken gegen die Thüre. Diese öffnete sich, Meister Zacharias, der Henker, stand vor dem Richter. Eisigkalt flies es dem Commissarius über den ganzen Körper.
„Was thut Er hier, Unglücksmensch!" rief der Gestrenge. „Weiß Er nicht, daß Er anrüchig ist und an dieser Schwelle nichts zu suchen hat? Marsch hinaus!"
„Haltet zu Gnaden, Herr! Ich weiß, was meine Befugnisse find. In der ganzen Kanzlei habe ich herumgeklopft, aber nirgends ist eine Menschenseele zu finden- Ihr seid einsam und allein, wie ich, der Henker."
„Will Er, Tropf, das Maul halten mit seinen Vergleichen; den Fuß von der Schwelle zurück. So, nun sag' Er, was sein Begehr."
„Ihr habt vergessen, zu befehlen, daß das Schaffst all-
fogleich beseitigt werde, als wir vor drei Tagen die alte Beilstein hingethan. Ich dachte, Seligmann, der alte Jude, würde gleich hintendrein kommen und ließ das Hochgericht stehen. Nun höre ich, daß Seligmann nach Speyer an das Reichs- kammergericht appellirt hat. Bis von dorten eine Sentenz kommt, singen die Vögel und ruft der Kuckuck. So lange kann doch das Blutgerüste an der Hauptstraße nicht stehen bleiben."
„Mensch, ist Er verrückt! Wie kann Er sich unterstehen, das schauerliche Gerüste drei Tage stehen zu lassen!" rief Caspari von Schauder ergriffen.
„Wie ich es kann! Man gab mir keine Befehle, das ist Alles. Ihr habt diese Befehle zu ertheilen. Aus eigener Machtvollkommenheit und da ich erfuhr, daß es in der Nähe keine Arbeit für mich gibt, hab' ich den Versuch gemacht, das Ding auseinander zu nehmen, brachte aber nichts fertig."
„Fort, Mensch, aus meinen Augen, schafft das Gerüste hinweg, oder ich lasse ihm dreißig Peitschenhiebe durch den Büttel aufzählen."
„Gestrenger Herr, verzeiht, es geht nicht. Das Gerüste wurde vor der Aufstellung frisch gewaschen. Sogleich trat die schreckliche Kälte ein, das Blut der W-tterhexe Beilstetn floß darüber und nun ist Alles so entsetzlich hart und fest ineinand gefroren, daß Picken, schwere Schmiedehämmer und Aexte von den Balken und Bohlen abspringen, als wäre es tausendjährige» Granitmauerwerk. Ihr müßt nämlich wissen, Herr: Eirrauch, Menschenblut und Eichenholz werden bei dem ohnmenschlichen Froste undurchdringlich, wie sich der Wallensteiner zu machen vermochte; ist aber zuletzt doch noch erstochen worden."
„Abscheulicher Wicht!" rief Caspari, von neuem Schauder erfaßt; „ich will seine Weisheit und Wissenschaft nicht hören. Das Gerüste muß weg oder ich lasse ihn in seinen eigenen spanischen Bock spannen."
„Ihr habt gut befehlen, Herr!" antwortete der Henker, welcher mit innerem Behagen bemerkte, wie der gefürchtete Mann selbst von heimlicher Furcht gepeinigt wurde. „Ihr habt gut befehlen, denn an mich legt kein Mensch Hand an; ich bin ein linkshändiger Henker, die sind äußerst selten und ihnen kann selbst der Teufel und sein ganz Gelichter keinen Poffen anthun. Als ich vor drei Tagen die alte Beilstein köpfen und eben das Schwert erheben wollte, sah ich plötzlich drei Köpfe auf den Schultern der H?xe sitzen. Hätte ich bloß den rechten herabgehauen, wäre Euer Kopf gefallen, denn Ihr habt das Todesurtheil gesprochen. Hätte ich bloß den linken Kopf weggeputzt, wäre mein Schädel weggeflogen; statt dessen fegte ich alle drei weg und so mußte die alte Hexe daran glauben. Dar ganze Werk war eine teuselische Verblendung,


