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weit hinreißen. Denn wenn ich mein Wort von gestern auch voll aufrecht erhalte, daß Ihre Verhältnisse keineswegs schlechte sind, so heißt es doch, Alles zusammenhalten, damit die nöthi- gen Mittel für das Gut, denn nöthig wird dort wohl Vieles sein, übrig bleiben."
Nach weiteren geschäftlichen Besprechungen verabschiedete sich Scheffler. Schneider geleitete ihn zur Thür.
„Leben Sie wohl. Noch einmal: nehmen Sie's nicht für ungut, aber ich glaube, Sie mußten erst durch diese harte Schule, um zu lernen, daß eine Kraft in Ihnen steckt, welche Sie noch nicht kannten, daß Sie Aufgaben haben, an die Sie nie bis dahin dachten."
Ungeduldig hatte der Heimgekehrte schon mehrere Male nach der Uhr gesehen, ob Müller nicht bei ihm eintrete. Der Zeiger rückte heute scheinbar sehr langsam vorwärts. Schlag vier Uhr aber erklang die Hausglocke und der sehnlichst Erwartete trat ein. Befangen blieb er an der Thür stehen, aber der einladende Ruf des Hausherrn nöthigte ihn wieder auf den Platz von heute Morgen.
„Nun, Gottlob, da sind Sie ja. Haben Sie Frau und Kinder gut angetroffen?"
„Wenn Sie heute hätten in unsere Wohnung sehen können, Herr Scheffler, Sie würden etwas von dem seligen Gefühl mitempfunden haben, von der Freude, die da einkehrte. Unsere Dankbarkeit gehört Ihnen für immer," antwortete Müller mit gepreßter Stimme.
„Nun, nun, lassen wir dasl Sie werden vielleicht in die Lage kommen, mir Ihre Dankbarkeit beweisen zu müssen. Zunächst eine Frage. — Ich habe mich mit Ihrer Zukunft beschäftigt und muß, um für diese etwas thun zu können, Ihre Zeugnisse einsehen. Haben Sie dieselben vielleicht bei sich?"
„Ich bitte um Entschuldigung, wenn sie bereits etwas unsauber geworden sind." Mit diesen Worten reichte der Gefragte ein Packet Papiere hinüber. „Ich habe sie in der Tasche getragen auf meinem Gange und durch mehr als eine Hand sind sie gegangen."
„Lassen Sie mir die Sachen hier, ich werde dieselben prüfen- Würden Sie auf den Fall, daß ich Ihnen Stellung verschaffte, geneigt sein, jede beliebige anzunehmen, auch wenn dieselbe eine untergeordnete sein sollte?"
„In der Lage, in welcher ich mich befinde, ja, wenn sie mir die Möglichkeit bietet, für Weib und Kind zu sorgen."
„Weib und Kind, ja, da liegt noch ein Haken. Würden Sie sich auch von Ihrer Familie — wenigstens eine Zeit lang — trennen?"
„Es ist das schwer für mich, sehr schwer. Aber um sie ernähren zu können, will ich gerne jedes Opfer bringen. Auch meine Frau würde darein willigen."
„Gut, endgiltigen Bescheid werden Sie in wenigen Tagen erhalten. Bis dahin sind Sie auf meine Unterstützung angewiesen. Sollten Sie etwas nöthig haben, so wenden Sie sich mündlich oder schriftlich an mich. In vier Tagen bitte ich Sie, wieder bei mir vorzusprechen."
„Ich danke Ihnen, Herr Scheffler- Mit dem, was Ihre Güte mir heute Morgen gab, werden wir reichlich einige Tage auskommen."
Die Prüfung der Zeugnisse ergab ein gutes Resultat für den Stellenlosen, ebenso empfahlen ihn weitere eingeholte Erkundigungen. Als er am bestimmten Tage wieder erschien, trat Scheffler ihm mit fröhlichem Gesicht entgegen.
„Gut, daß Sie kommen. Die Sache ist in Ordnung, wenigstens von meiner Seite aus, doch hoffe ich, daß auch Sie zustimmen. Sie treten in meine persönlichen Dienste. Nein, nicht hier," fuhr er fort, als Jener ihn erstaunt anblickte.
„Ich habe da draußen ein Gut — Tannenhof — hübsch ist's nicht, aber ich werde dort meinen Aufenthalt nehmen. Auch wird es mich ernähren müssen und dazu bedarf es einer tüchtigen Bewirthschaftung. Die letztere wird jetzt wohl in nicht allzu guten Händen liegen, doch habe ich meinen Jnspec- tor noch da und werde ihn nicht sofort los werden können. Ich bedarf aber eines Beistandes, der Jenen beobachtet, auch feine Bücher durchsieht, ob vielleicht Veruntreuungen vorgekom
men sind, kurz, eines sachverständigen Vertrauensmannes. Diese Stellung wollte ich Ihnen anbieten."
„Das ist zu viel Güte —"
„Sagen Sie das noch nicht," war die lachend gegebene Antwort.
„Zunächst werden Sie eine etwas zweifelhafte Rolle — so ein wenig Comödie — spielen müssen. Kämen Sie gleich als mein landwirthschaftlicher Beirath mit nach Tannenhof, so würde der Biedermann da schnell Lunte riechen und, wenn er schuldig ist, sich mehr vorsehen, als mir vielleicht lieb ist. Daher möchte ich zunächst Sie dort als meinen Kutscher und Diener in einer Person einführen. Das kann Niemand Wunder nehmen. Unter dieser Maske können Sie dann am leichtesten Einsicht in alle Verhältnisse erhalten und mir die nöthi- gen Winke und Aufklärungen geben. An Gehalt werden Sie jedenfalls so viel erhalten, daß Sie Ihre Familie hier unterstützen können. Außerdem verspreche ich Ihnen den Verwalter« posten, wenn — wie ich fürchte — derselbe seinem jetzigen Inhaber bald abgenommen werden muß, dann würden Sie auch Ihre Familie nachkommen lassen können, zumal wenn Ihre Frau etwa den Haushalt übernähme. Ueberlegen Sie die Sache auch mit Ihrer Frau und geben Sie mir bis morgen früh Antwort."
„Ich bedarf der Ueberlegungszeit nicht, ich kann jetzt schon zusagen."
„Schön, dann bereiten Sie sich vor, mich übermorgen zu begleiten. Ich habe bereits nach Tannenhof geschrieben, so daß man mich dort erwartet. Im Laufe des morgigen Tages werden Sie Ihre Einrichtung besorgen können. Die nöthigen Mittel erheben Sie beim Bankier Schneider in der Friedrichstraße. Hier haben Sie den Check; der Rest mag für Ihre Familie bleiben."
„Aber das ist zu viel," stotterte Muller, als er einen Check von 500 Mark in der Hand hielt.
„Lassen Sie's gut sein. Sie werden Manches einzukaufen haben. Ganz äußerlich werden Sie allerdings in die Livree meiner jetzigen Dienerschaft, wenigstens vorerst, sich stecken müssen. Uebermorgen erwarte ich Sie, ich reise gegen Mittag. Wenn Sie also um neun Uhr Morgens kommen wollen, wird das die passendste Zeit sein."
Der Zug hielt auf der von Tannenhof etwa eine Stunde entfernten Station. Die beiden Reisenden entstiegen ihren Coupees und begaben sich zu dem hinter dem kleinen Stationsgebäude haltenden Wagen. Müller hatte sich schnell in seine neue Stellung gefunden und schritt mit Gepäck beladen hinter seinem Herrn her. Es war ein nicht gerade elegantes Fuhrwerk, das sie in die neue Heimath bringen sollte, Wagen und Pferde boten beide einen etwas altersschwachen Eindruck. Der Fuhrmann, welcher eine Art Livree, abgegriffenen schwarzen Hut und Rock mit farbigen Aufschlägen trug, erhöhte nur das unbehagliche Gefühl, hier solle eine gewisse Eleganz erscheinen und sei doch nicht recht zu erreichen. Dazu sahen seine kleinen stechenden Augen aus einem gedunsenen Gesichte hervor und die rothe Nase zeugte von der Neigung ihrer Besitzers, sich mit geistigen Getränken besonders gerne zu beschäftigen-
„Wollen der Herr selber fahren?" stand er barhäuptig und die Leine bietend neben dem Wagen. Zugleich blinzelten seine Augen zu Müller hinüber, um den neuen Diener des Herrn zu mustern.
„Nein, Franz, steige nur vorn auf und fahre Du. Ein großes Vergnügen wird's so wie so nicht sein, mit den wilden Kreaturen in sausendem Schritt durch den Sand zu wühlen. Müller," wandte sich Scheffler an diesen, „bringen Sie die nöthigsten Sachen auf den Wagen und geben Sie die anderen dem Stationsvorsteher in meinem Namen, daß er sie aufhebt, bis ich sie holen lasse. Alles werden wir auf dieser Karrete doch nicht fortschaffen."
Nach einer Weile war das Gepäck besorgt, der Diener hatte auf der anderen Bank neben dem Kutscher Platz genommen, der Herr saß zwischen Koffern und mancherlei Handgepäck hinten.
(Fortsetzung folgt.)


