Ausgabe 
27.2.1894
 
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Sber Professor deutete auf Ruch« hohe Gestalt und fragte lachend:Ist dar etwa der Magnet?"

Der Hauptmann erröthete wieder und entgegnete:Sie fragen zu viel, lieber Professor! Auf Wiedersehen!"

Er ging, der Profeffor aber blickte auf die beiden jugend­lichen Gestalten im Garten und sagte:Geh' nur hin, sie soll Dich bald verabscheuen! Doch damit heute noch keine Er­klärung erfolge, will ich meinen Diener zum Blumengießen in den Garten schicken!"

Und so geschah'».

IV.

Acht Tage waren vergangen. Hauptmann von Bach war mit seiner Compagnie in die nachbarliche Bergstadt geschickt worden, wo man unter den Bergleuten Unruhen befürchtete; er hatte mithin Ruth diese Zeit über nicht sehen und sprechen können. Das war Ernst Pfeil sehr lieb gewesen, denn nun hatte er vollauf Zeit, seine Jntriguen zu spinnen! Da warf ein Schicksalsschlag alle seine Berechnungen über den Haufen! Der Oberst erkrankte schwer! Sofort gestaltete der Pro­fessor hiernach seinen Plan um, indem, er sich den beiden Frauen durch Krankenpflege und Nachtwachen, wie durch stetige Gefälligkeiten tief verpflichtete.Welch' ein Glück," flüsterte er oft,daß der Hauptmann nicht da ist; bei dieser Gelegen­heit hätte er ja die Hand Ruths im Fluge erobert!"

Eines Morgens fand er den Obersten schlimmer, als er erwartet.

Mcken Sie näher," keuchte der Kranke,ich habe Ihnen etwas mitzutheilen!"

Profeffor Pfeil setzte sich an's Bett.

Was ich Ihnen, lieber Freund, jetzt zu sagen habe, wird Sie gewiß in Verwunderung versetzen! Ich muß, damit Sie mich nicht falsch verstehen, etwas weit ausholen."

Bitte, erzählen Sie!" forderte ihn der Profeffor gleich­gültig auf.

Der Oberst fuhr fort:Ich heirathete als Lieutenant in meiner ersten Ehe das Mädchen meiner Liebe. Es war arm, ich aber befaß so viel, die übliche Caution stellen zu können. Da wurde Ruth geboren und meine Frau starb. Hätte meine jetzt verstorbene Schwester, die Stiftsdame, Ruth nicht zu sich genommen und erzogen, das Kind wäre umgekommen, denn ich lebte nur meinem Schmerze. Nach sechs Jahren ich war inzwischen Hauptmann geworden lernte ich meine jetzige Gattin, eine geborene Hellfeld, kennen. Sie fungirte.bei dem General Tuch von Tuchson als Gouvernante. Wie es zu­sammenhängt, weiß ich nicht: seit dem Hochzeitstage verfolgte mich der Haß des Generals. Ich glaube fast, er hatte darauf gerechnet, daß ich feine Schwester Ellinore ehelichen würde!"

Hier trat eine Pause ein.

Soviel ist gewiß," fuhr der Oberst jetzt fort, ohne daß Professor Pfeil eine Miene machte, ihn zu unterbrechen,ich wurde im Avancement zurückgesetzt und erreichte es nur mit Noth, daß ich dreizehn Jahre später als Oberst in Pension treten durste, tief verletzt und verbittert. Ich liebte meine Gattin sehr, obwohl ihr eine Tugend wie allen Gouvernanten fehlte: die Sparsamkeit!"

Jetzt wurde der Professor aufmerksam. Auf welches Ziel steuerte der Kranke zu?

Ich theilte deshalb meine Einkünfte in drei Theile," fuhr der Oberst fort,wovon zwei zur Haushaltung dienten, während einer zum Ersparen einer Summe für die Zeit der Noth verwandt wurde. So fparte ich die Summe von zwanzig- tausend Mark zusammen, die ich in eine süddeutsche Bank that und als Rente sür meine Tochter Ruth zu belegen gedachte. Da ich nun von Profeffor Simler schon vor drei Jahren wußte, daß mein Nierenleiden nicht zu heilen war und ich höchstens noch einige Jahre zu leben hätte, so ist seitdem die Rentefestgeschrieben und zwar auf Ruths Namen, da sie eines- theils ohne diese unversorgt wäre, anderntheils, weil sie mit meiner Gattin theilen wird, für welche außerdem durch eine Wittwenpension gesorgt ist. Sie finden das Papier, das Sie aurfüllen wollen, dort in der Mappe!"

Dazu bedürfte es einer Vollmacht!" warf Pfeil hin.

Sie liegt bei und ist beglaubigt; ich habe Sie vor acht Tagen zu Ruths Vormund ernannt!"

Der Profeffor jubelte innerlich auf, laut aber jagte; er wie zögernd bedenkend:Diese schwere Verantwortung, mein lieber Herr Oberst!"

Werden Sie doch gern für uns tragen?"

O gewiß!"

So nehmen Sie hier den Schlüffe! zur Mappe, dis Frauen wiffen nichts von dieser Angelegenheit; sie sollen mich noch im Tode segnen!"

Der Profeffor nahm die Papiere an sich, sah sie.mit Muße durch und bemerkte zu seiner Zufriedenheit, sdaß die Rentenverschreibung bis auf den Namen des Bezugsberechtigten ausgefüllt war. Für diese Feststellung lag ein Avisformular bei, er nickte befriedigt und sagte dann zu dem Kranken:Ich will das Amt eines Vormundes annehmen, Ihnen zu Liebe, werther Freund, bitte aber, den Damen dieses selbst zu er­öffnen!"

Der Kranke bejahte und der Professor sagte:Die Renten­angelegenheit werde ich discret erledigen."

Der Patient nickte zufrieden-

Voll Bestürzung vernahmen am anderen Tage beide Frauen die letzten Bestimmungen des Gatten und Vaters; Widerspruch war unmöglich, da des Kranken Zustand sich bis zur Hoffnungs­losigkeit verschlimmerte.

Am Abend des nächsten Tages war der Oberst von Lin­den in das Thal des ewigen Friedens zur Ruhe gekommen, und Frau von Linden und Ruth weinten bei einer Leiche.

Der Profeffor, dem jeder Umstand zur Erreichung seines Zieles dienen mußte, ging stille zwischen den Frauen einher. Willig nahm er die Bürde, für das Begräbniß zu sorgen, auf sich und zeigte dabei eine Ergebenheit, die selbst Ruth tief rührte. Bei sich freilich dachte der Heuchler so:Ich habe nicht ge­wußt, daß mein schönes Mündel auch eine reiche Erbin mit beträchtlicher Rente sei. Jndeß, verwirft sie mich, die Stolze, so schreibe ich die Rente mir selbst zu; Niemand erfährt ja davon, wenn ich, der bezugsberechtigte Vormund, das Geld behalte I Mein Nebenbuhler, der Hauptmann, soll dadurch nicht des Lebens Behaglichkeit kennen lernen! Uebrigens muß ich ein Mittel finden, ihn von ihr für immer zu trennen!"

Am Nachmittage nach der Beisetzung der Leiche verließen beide Frauen in Begleitung des Dieners und der Magd, welche Kränze trugen, die Villa, um dem Grabe des Verstorbenen einen Besuch abzustatten. Die Zeit benutzte der Profeffor, um mit Hilfe eines Nachschlüffels sämmtliche Zimmer der Familie von Linden zu durchsuche». In Ruths Gemach fand er schließ­lich, was er gebrauchte: ein Tagebuch von ihrer Hand. Er nahm es mit einem Jubelruf an sich und ging damit nach unten. Hier durchlas er das Heft höhnisch lächelnd.

Mädchenträume," murmelte er, als er an die Pensions- geschichten kam.Der Oberst hätte auch besser gethan, Ruth, als die Tante vor sechs Jahren starb, in's Haus zu nehmen, anstatt sie zu Fräulein Wendheim in die Pension zu thun!"

Er blätterte weiter- Dieses Kapitel behandelte die Briefe, welche ihre Rückkehr in's Vaterhaus forderten. Es enthielt ein Loblied der Stiefmutter in allen Farben und allen Tönen.

Hm," murmelte der Gewissenlose,Frau von Linden muß doch wohl so verschwenderisch nicht sein, wie der Selige geglaubt; er war ja überhaupt barock in Allem, was er that und trieb! Ha!"

Sein Auge haftete auf einer Stelle, die lautete:

Dies Blätilem sei nur Dir geweiht: Uns trennet niemals Raum und Zeit Und soll stets das Bewußtsein laben: Wir wissen, was wir an uns haben! Ruth/

Er las dieselbe Stelle nochmals laut und sagte dann: Das gerade brauche ich!"

Ohne mit der Wimper zu zucken, schnitt er das Blatt an­dern Tagebuche heraus und legte das letztere dann an seine alte Stelle. Sein Plan war gemacht und zwar gut gemacht!

(Fortsetzung folgt.)