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Berthetdiger: „Hat er Handschuhe getragen?"
Zeuge: „An der linken Hand — an der rechten nicht." Vertheidiger: „Hat er Ringe an der rechten Hand getragen?"
Zeuge: „Am Zeigefinger einen großen Brillant."
Vertheidiger: „Ganz bestimmt?"
Zeuge: „Ja. Es ist mir ausgefallen. Der Ring hat geglänzt, wie er mir gezahlt hat."
Doctor Mark war diesmal mit dem Ergebniß der Zeugenaussage zufrieden; es war früher schon festgestellt worden, daß Jvanyi niemals Ringe trage — nicht einmal einen Verlobungs- ring.
Hierauf wurde Frau Scheringer vorgerufen; sie sagte aus, daß Ottokar Wolski sehr anständig gewesen sei, nur wäre er hie und da sehr aufgeregt nach Hause gekommen. — Ihres Wissens sei sein einziger Freund ein Herr Morland, der ihn öfters besucht habe. — Am 14. Mai sei der Angeklagte bei Wolski gewesen und sie hätten einen Streit gehabt. — Sie habe gehört, wie der Angeklagte geschrieen habe: „Wenn Sie sich nicht mit mir schlagen, so werde ich Sie dazu zu zwingen wissen. Ich werde Sie mit der Hundspeitsche tractiren!"
Diese Aussage erregte große Sensation unter den Zu' Hörern, da sie sehr schwer gegen den Angeklagten in's Gewicht fiel. Es gelang dem Vertheidiger nicht, im Kreuzverhör diesen Belastungsbeweis irgendwie zu modifiziren.
Die nächste Zeugin war Frau Kroll, welche unter strömenden Thränen den Gerichtssaal betrat.
Sie gab an, daß der Angeklagte, sonst stets um zwölf Uhr zu Hause, in der betreffenden Nacht erst gegen zwei Uhr heimgekehrt sei.
Vorsitzender (in den Acten nachsehend): „Sie wollen sagen: etwas nach zwei Uhr."
Zeugin: „Ich habe einmal den Fehler gemacht, weil der falsche Assekuranzbeamte mir die Worte in deu Mund gelegt hat, zu sagen, einige Minuten nach zwei Uhr. — Es waren aber einige Minuten vor zwei Uhr — diesmal wird man mich nicht wieder irre machen."
Dabei blieb Frau Kroll, worauf sie sich triumphirend auf der Zeugenbank niederließ.
Nun kam Robert Morland, der intime Freund des Ermordeten, an die Reihe. Er gab an, daß er Wolski in London kennen gelernt und in Wien wieder getroffen habe. Sie waren viel zufamnien gewesen. Das letzte Mal in einem Restaurant. „Hier tranken wir ziemlich viel Champagner," erzählte der Zeuge. „Wolski hatte den Ueberrock abgelegt, es war ihm zu warm, und ging, da er sich nicht ganz wohl fühlte, bald darauf fort. Ich blieb noch ein wenig dort. Dann bemerkte ich, daß Wolski seinen Ueberrock zurückgelassen habe und nahm ihn in der Absicht mit, ihm denselben zu bringen. Während ich auf der Straße stand, legte ich den Rock über die Lehne eines jener Sessel, welche vor dem Restaurant stehen; da kam Jemand, riß den Ueberzieher vom Sessel und rannte damit davon. Hierauf begab ich mich nach Hause, legte mich schlafen und reiste am nächsten Morgen ab."
Vertheidiger: „Als Sie das Kaffeehaus verließen, sahen Sie da den Wolski?"
Zeuge: „Nein. Aber ich war ein wenig berauscht und hätte ihn kaum erkannt — es wäre denn, er hätte mit mir gesprochen."
Vertheidiger: „Warum war der Ermordete aufgeregt, als Sie ihn trafen?" , r
Zeuge: „Ich weiß es nicht. Er sagte mir es nicht.
Vertheidiger: „Wovon sprachen Sie?"
Zeuge: „lieber Allerlei. Hauptsächlich von unserem Aufenthalt in London."
Vertheidiger: „Hat Wolski gewisser Papiere Erwähnung gethan?"
Zeuge: „Nein."
Vertheidiger: „Erinnern Sie sich dessen bestimmt?" Zeuge: „Bestimmt."
Vertheidiger: „Um wie viel Uhr kamen Sie nach Hause?"
Zeuge: „Ich weiß nicht genau, vielleicht um zwei Uhr Nachts."
Nach dem Verhör Morlands wurde die Verhandlung für diesen Tag geschlossen.
XVIII.
Nach der Verhandlung war Doctor Mark wiederum in Begleitung Margarethens in seine Kanzlei zurückgekehrt — nicht ganz unzufrieden mit den Ergebnissen des Tages, wie er dem armen, zitternden Mädchen versicherte.
Als sie das Bureau betraten, kam ihnen ein Beamter entgegen, in der Hand eine Depesche, welche der Advocat hastig aufriß und überflog. Dieselbe war von Kilian unterzeichnet und enthielt in kurzen Worten die Mittheilung, daß die rothe Sali in Wien angelangt fei.
Mit einem Freudenschrei nahm Margarethe diese Nachricht entgegen.
„Gott sei Dank," jubelte sie. „Ich wußte es ja, daß Hilfe kommen werde. Gehen wir sofort zu ihr, Herr Doctor!" rief sie bittend.
„Liebes Fräulein, das ist unmöglich," entgegnete Mark ernst. „Morgen sollen Sie Alles erfahren. Jetzt gehen Sie nach Hause. Ein wenig Schlaf wird Ihnen nach den Aufregungen dieses Tages gut thun."
„Ich bitte, Herr Doctor, theilen Sie Destder wenigstens mit, daß die Rettung nahe ist. Auch ihm soll die Nacht süße Ruhe bringen. Ach, wie bleich er geworden ist, der Arme," sagte sie, während ihre Augen sich mit Thränen füllten. Daß sie selbst aussah wie nach einer schweren Krankheit, daran dachte sie in diesem Augenblick nur wenig.
„Gewiß werde ich das thun," rief er- „Und dann will ich die rothe Sali aussuchen. Beruhigen Sie sich nur — jetzt ist Jvanyi gerettet."
Eine Stunde darauf machte sich der Advocat auf den Weg zur alten Pfeiferin. Wie das erste Mal begleitete ihn der Detectiv Kilian-
Als die Beiden die Wohnung der alten Pfeiferin be- traten, erhob sich die rothe Sali. Sie war groß und schlank. Ihr Gesicht, durch die Krankheit, welche sie mitgemacht, stark abgemagert, erschien nicht häßlich, es lag vielmehr trotz der Wildheit, die aus den dunklen Augen hervorblitzte, ein weicher, angenehmer Zug in demselben. Wie eine Flamme erschien das wirre, rothe Haar auf ihrem Haupte. Sie mochte etwa 25 Jahre alt sein. Zugleich mit Sali war die alte Pfeiferin aufgestanden, um sich wie schützend vor das Mädchen zu stellen und dagegen zu protestiren, daß man sie von ihr wegsühre Aber der Detectiv achtete hierauf nicht, sondern wendete sich gleich an Sali mit den Worten: „Diesem Herrn müssen Sie Alles sagen, was Sie mir mitgetheilt haben."
„Wegen der Königin?" fragte diese mit einer heiseren, aber trotzdem wohlklingenden Stimme. „Hätte mir Jemand gesagt, daß man mich hier braucht, ich wäre, krank, wie ich war, sofort gekommen."
„Wo waren Sie?"
In dem Tone, in welchem der Advocat sprach, lag so viel Mitleiden, daß das Mädchen, welches hatte auffahren wollen, sich beherrschte.
„In Ungarn. Aber ich muß verrückt gewesen sein. Denn eines Tages begann ich zu laufen — immer der Donau entlang. Mir war so heiß, so heiß. Das Leben war mir zuwider. Was sollte ich auf der Welt, wo Niemand ein freundlich Wort für mich hat, wo man mich überall davonjagt? Da fprang ich in's Wasser und fühlte, wie es mich durchschauerte wie süßer Schlaf. Als ich aber wieder aufwachte, lag ich in einer niedrigen Hütte. Fischer hatten mich gerettet. Sie waren freundlich mit mir und behielten mich bet sich, bis ich die Reise wieder antreten konnte zu meiner Alten."
„Also erzählen Sie mir jetzt ausführlich, was damals ge- schehen ist, als Sie Herrn Jvanyi zur Königin brachten."
„Wen?" fragte das Mädchen erstaunt,
„Herrn Jvanyi! Das ist eben der Herr, dem Sie den Brief in den Club brachten."


