Ausgabe 
25.9.1894
 
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Anteichaltungsblatt zuin Giehenev Anzeigen (Geneval-)lnzergevj

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Dienstag, de« 25. September.

In den Fesseln der Schuld.

Criminal-Novelle von C. Sturm.

(Fortsetzung.)

Hilleffen hatte in seinen waghalsigen großen Speculationen colossales Glück und Pohlmann, dem die Rettung der Central- Commerzbank sehr am Herzen lag, sah bereits seinen lebhaften Wunsch in Erfüllung gehen, daß die ungeheuren früheren Verluste der Bank durch die bedeutenden Speculationsgewinne bald würden ausgeglichen fein. Freilich bangte auch Pohlmann davor, daß Hilleffen einmal großes Unglück bei seinen Specu­lationen haben könnte und daß es später nicht möglich sein werde, den leidenschaftlichen Speculanten von dem gefährlichen Börsenspiele wieder abzubringen. Aber diesen Erwägungen konnte sich der alte Bankdirector nicht lange hingeben, denn sein jüngerer College schritt zu immer weiteren und größeren Speculations-Unternehmungen und fragte gar nicht mehr nach Pohlmanns Bedenken.

Nach weiteren vier Wochen wurde derselbe aber allmälig von einer unheimlichen Angst befallen, denn Hilleffen hatte in letzter Zeit wieder sehr hohe Speculationsgeschäfte abgeschlossen, wollte auch große Gewinne dabei gemacht haben, aber Pohl- mann fand Hilleffen« Gebahren dabei sehr befremdlich und widerspruchsvoll. Dem ersten Director der Central-Commerz­bank graute es aber förmlich davor, den Schleier zu lüsten, den sein rasfinirter College über seine letzten gefährlichen Speculationen noch zu ziehen für nothwendig hielt.

Eine entsetzliche Unruhe quälte Pohlmann, aber noch wagte er von Hilleffen keine näheren Aufschlüsse zu fordern, da dieser sehr emsig in der Bank thätig war und bis tief in die Nacht hinein rechnete und arbeitete. Am anderen Morgen wollte Pohlmann aber unter allen Umständen den verschlagenen College» zur Rede stellen, aber zum großen Schrecken des ersteren kam Hilleffen an dem folgenden Vormittage gar nicht in die Bureaux der Central-Commerzbank und als Pohlmann stch dann gegen Mittag in Hilleffens Wohnung begab, da er­hielt er die lakonische Mittheilung von dem Diener, daß der Herr Bankdirector auf drei Tage nach Wien verreist sei. Pohlmann konnte seine Erregung kaum beherrschen und eilte zurück in die Bank.

Es war gerade Mittagspause und der Bankdirector konnte allein in seinem Comptoir sein. Dieses Alleinsein benutzte er dazu, um stch möglichst über den Stand der Spekulation«- seschäfte zu unterrichten und er fand da bald einen entsetzlichen

Aufschluß in einem Briefe, den ihm Hilleffen in einem Geld­schrankfache hinterlaffen hatte. Der Brief lautete:

Lieber Herr Pohlmann!

Da es unmöglich und zwecklos ist, Ihnen noch länger die Wahrheit zu verschweigen, so theile ich Ihnen mit, daß ich mit meinen beiden letzten großen Speculationen boden­loses Unglück gehabt und die Central-Commerzbank total ruinirt habe. Das nöthige Geld in der Kaffe brachte ich die letzte Zeit nur noch mit Mühe durch Verkauf unserer Wechselaccepte auf, aber auch dieses verzweifelte Hilfsmittel ist erschöpft und ich sah mich, um mich nicht der Schande und Strafe auszusetzen, genöthigt, zu entfliehen. Ihnen rathe ich, das Gleiche zu thun. Wenn Sie sich Ihren Voll­bart abrasiren taffen, Ihre grau melkten Haare schwarz färben und eine blaue Brille auffetzen, so erkennt Sie der geriebenste Geheimpolizist nicht und Sie können reifen, wo­hin Sie wollen. Sie werden nun sagen, daß es Ihnen an reichlichem Gelds für eine weite und kostspielige Reise fehle, denn in unserer Kaffe ist das Geld seit einiger Zeit recht knapp und hat nur immer kaum noch gereicht, um die lau­fenden Zahlungen zu decken. Ich vermuthe indessen, daß Sie als kluger Mann, wie ich, sich irgendwo noch ein hüb­sches Päckchen Banknoten für außergewöhnliche Fälle zurück­gelegt haben, und könnten wir uns später in Brasilien oder Argentinien, wo man unter anderem Namen ruhig leben kann, wieder treffen. Das Beste ist auch, daß Sie dorthin Ihre Frau und Kinder nachkommen lasten, wenn Sie meine Verheiratung mit Carola dann noch ermöglichen helfen, dann würde ich Ihnen eine sorgenfreie Zukunft in Brasilien oder Argentinien bereiten. Sie können mich durch Inserate in amerikanischen Zeitungen suchen lassen und soll unser Er­kennungszeichen die Nummer und der Anfangsbuchstabe de« kleinen Werthpapieres fein, welches Sie in diesem Briefe finden werden und sofort umsetzen wollen, denn Vorsicht ist am Platze. Auch wollen Sie sofort diesen Brief verbrennen, damit er nicht an meiner Flucht zum Verräther wird.

Ihr

Carl Hilleffen."

Wie betäubt sank Pohlmann aus den Schreibtisch nieder, als er diesen Brief gelesen hatte, dann wurde der unglückselige Mann aber von einer an Raserei grenzenden Wuth über Hilleffen« Verrath und Flucht ergriffen.

Er zerriß das Schreiben sammt dem in demselben liegen den Werthpapiere in kleine Fetzen und schrie überlaut:O, liefet elende Schuft! Und verflucht, zehnmal verflucht bin ich, daß ich mich mit ihm eingelaffen Habel Ich verabscheue e»,